
Der Verlagsberater Norbert Schaepe hält das Vorgehen Mirko Schädels von der Achilla Presse für grundlegend falsch. Dieser möchte zukünftig nicht mehr über die Barsortimente ausliefern und seine Bücher nicht mehr mit ISB-Nummern ausstatten.
Seine Gründe hat Schädel im Sonntagsgespräch auf buchmarkt.de letzte Woche dargelegt. Norbert Schaepe erwidert:
„1. Jeder Autor hat an seinen Verlag den berechtigten Anspruch, für die größtmögliche Verbreitung seiner Werke zu sorgen. Wer als Verleger diesen Anspruch aufgibt und sich hinter der Floskel „Kleinverlage vermarkten aber Bücher nicht in großen Massen, sondern in kleinen Auflagen“ verschanzt, stellt eigentlich seine Existenzberechtigung in Frage. Mit dieser Haltung hätten Klaus Wagenbach und Antje Kunstmann es nie geschafft, Titel auf die Bestsellerlisten zu bringen.
2. „Kleinverlage haben in der Regel keinen vernünftigen Vertrieb“. Wenn das der Stand der Selbsterkenntnis ist, wäre meine Schlussfolgerung, dringend etwas dagegen zu tun und die ersten Schritte bestünden darin, genau jene Brancheninstrumente möglichst professionell zu nutzen, die Mirko Schädel alle ignorieren möchte.
3. Die ISBN ist das weltumspannende System zur Identifizierung von Büchern, eine schlicht geniale Erfindung, deren Nutzung auch nur minimale Kosten verursacht. Es nicht zu nutzen, klingt für mich wie die Forderung nach der Abschaffung der Eisenbahn und der Wiedereinführung der Kutsche. Die sorgfältige Titeldatenmeldung zur Deutschen Bibliothek und zum VLB ist und bleibt die Grundlage jeder Vertriebsarbeit.
4. Auf die Barsortimente als Vertriebsinstrument zu verzichten ist nicht nur fahrlässig, sondern gerade für Kleinverlage kontraproduktiv. Aus meiner Beratungstätigkeit im Ausland weiß ich, dass viele Länder, die kein vergleichbares System haben, die deutschen Verlage und Buchhandlungen darum beneiden. Unbestritten versuchen manche Barsortimente, gerade an kleinere Verlage aus meiner Sicht unangemessene Konditionenforderungen zu stellen, aber nicht jeder Forderung muss man nachgeben und nicht jede Vereinbarung gilt für die Ewigkeit. Auch in diesem Bereich kann man durch Kooperationen, Zusammenschlüsse und seine Verlagsauslieferung seine Position verbessern.
5. Auf die Dienste einer guten Verlagsauslieferung zu verzichten ist der nächste schlechte Rat. Nicht nur wird eine seriöse betriebswirtschaftliche Analyse in der Regel bestätigen, dass eine Selbstauslieferung nicht kostengünstiger ist, vor allem aber entfallen für den Selbstauslieferer alle Möglichkeiten von Bündelung bis Frachtkostenoptimierung, auf die gerade kleine Verlage angewiesen sind. In Zusammenarbeit mit ihren Auslieferungen sehe ich für Kleinverlage noch ein großes Potential zur Verbesserung ihrer Vertriebsarbeit.
6. Zweifellos bietet das Internet auch kleinen Verlagen neue Möglichkeiten, ihre Zielgruppen zu erreichen und ihre Bücher zu verkaufen, aber auch dafür braucht es ein Marketingkonzept und systematische Vertriebsarbeit. Welche Auswirkungen es für die Internetpräsenz hat, mit seinen Titeln nicht in den Barsortimentskatalogen verzeichnet zu sein, kann jeder am Beispiel der Achilla Presse selbst recherchieren.
Wenn kleinere Verlage ihre oft beschworene größere Kreativität, Flexibilität und Originalität wirklich entfalten wollen, müssen sie die bewährten Instrumente unserer Branche professioneller nutzen und sich nicht durch Selbstisolation ins Abseits manövrieren.“
Norbert Schaepe ist gelernter Buchhändler und war auch schon als Verlagsvertreter unterwegs. Nach Stationen als Verkaufs- und Vertriebsleiter bei Ullstein, Ravensburger sowie Hoffmann und Campe war er fast zehn Jahre lang als Leiter Marketing und Vertrieb für die Aufbau Verlagsgruppe tätig, danach als Geschäftsführer im Bund Verlag. Seit 2006 ist er als Verlagsberater selbständig.