
Seit Mai 2007 bietet die ekz-Bibliotheksservice ekz über ihre Tochtergesellschaft DiViBib GmbH einen „Onleihe“-Service an. Nutzer öffentlicher Bibliotheken können per Internet digitale Medien wie E-Books, E-Audios, aber auch Filme für einen begrenzten Zeitraum herunterladen.
buchmarkt.de sprach mit Thomas Karsch, verantwortlich für die Betreuung der Verlage, über veränderte Lesegewohnheiten und die Zukunft der Bibliotheken.
buchmarkt.de: Ist „Onleihe“ die Antwort der ekz auf das sich verändernde Leseverhalten?
Thomas Karsch: Ja, genau so ist es. Schauen Sie sich die Entwicklung auf dem Musik- und Videomarkt in den letzten Jahren an. Das ist nicht zu hundert Prozent vergleichbar, aber ähnliche Veränderungen kommen auch auf die „Buchwelt“ und damit natürlich auch auf die Bibliotheken zu. Sicher wird der Medienwandel in verschiedenen Sparten unterschiedlich schnell vorangehen. Verlage wie Springer, Hanser oder Haufe sind schon seit Jahren mit dem Thema elektronische Medien/Inhalte beschäftigt und entsprechend weiter in der Integration der Entwicklung elektronischer Inhalte in ihr Angebot als z.B. die Belletristen und Kinderbuchverlage. Aber auch in diesen Bereichen ist das Thema E-Book jetzt endgültig angekommen. Ich glaube schon, dass ein signifikant großer Teil des Angebotes an Inhalten, auch aus der Buchbranche, der kommenden Jahre in elektronischer Form vorliegen wird. Und das auch deshalb, weil es eine ausreichende Nachfrage, also Nutzung dieser Form geben wird. Dem können und wollen sich die Öffentlichen Bibliotheken und natürlich auch deren Dienstleister nicht verschließen.
Wie hat sich das Nutzerverhalten bei Büchereinutzern in den letzten Jahren entwickelt?
Die Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland haben seit Jahren konstant rund 9,5 Millionen registrierte Nutzer. Bei der Mediennutzung ist es ganz eindeutig, dass konkurrierende Inhalte im Netz bei den Sachbüchern und Ratgebern eine geringere Nutzung dieser Titel in den physikalischen Bibliotheken nach sich ziehen. Auch die Ausleihen bei den CDs gehen zurück, was in Zeiten von iTunes & co. logisch ist.
Veränderungen im Nutzerverhalten gibt es schon seit längerer Zeit. Und die haben mehr mit den Änderungen der Lebensumstände zu tun. Wir glauben aber, dass wir mit den Vorteilen, welche die digitale Online-Welt bietet, Zielgruppen, welche die Bibliothek sonst nicht mehr so stark nutzen, zurückgewinnen können. Da spielt die räumliche und zeitliche Unabhängigkeit einer Onleihe natürlich eine sehr positive Rolle. Sowohl für Berufstätige, Reisende, in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen und natürlich besonders auch für Jugendliche und junge Erwachsene. Mit den Onleihen sind die Bibliotheken jetzt wieder näher an der Generation „Internet“ dran – und auch nur den berühmten einen Link vom Suchmaschinenergebnis entfernt.
Ist die Zielgruppe von öffentlichen Büchereien nicht eher eine konservative, die am gedruckten Buch festhalten will
Meine Tochter ist 11 Jahre alt, Bibliotheksnutzerin und wenig konservativ. Ich fürchte, Sie sind da zu sehr vom Bibliothekarsbild aus dem „Namen der Rose“ geprägt. Mittlerweile sind übrigens auch ca. 70 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre online. Aus welchem Grund sollte diese Gruppe einen Bogen um eine Onleihe machen?
Denken Sie an die Mitbürger, welche die Bibliothek nicht gleich nebenan haben oder aus unterschiedlichen Gründen weniger mobil sind. Zudem haben viele Menschen früher oder später mal Probleme mit kleiner Schrift. Auf der Leipziger Messe hatte ich ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit einer älteren Dame, die im Rollstuhl saß. Die kannte sich bestens mit Readern, Playern und Browsern aus, schätzte die Schriftgrößenskalierung bei elektronischen Inhalten und war, sage ich erfreut, ein Fan der Onleihe.
Und warum sollte ein Liebhaber bibliophiler Ausgaben nicht auch einen E-Book-Reader besitzen, um seine Tipps zu Sommerblumen oder Rückentraining zur Hand zu haben?
Welchen Prozentsatz machen audio-visuelle Medien heute bei den Bibliotheken insgesamt aus?
Über alle „haptischen“ Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland gesehen sind es ca. 25 Prozent.
Das Modell „Onleihe“ bieten aktuell 120 Bibliotheken an, jeden Monat kommen neue Bibliothekenpartner hinzu. In der „Onleihe“ sind sowohl audio-visuelle Medien als auch E-Books zur selbstverständlich zeitlich begrenzten Ausleihe per Download erhältlich. Wir haben aktuell rund 30.000 Titel im Angebot, darunter 23.000 E-Books. E-Books im ePub-Format für Lesegeräte liegen noch im unteren hunderter Bereich, ihr Anteil nimmt aber exponentiell zu. Ende des Jahres zählen wir die sicher im Tausenderbereich.
Sie bezeichnen die „Onleihe“ als „zukunftssicheres Modell“ für öffentliche Bibliotheken. Heißt das in der Konsequenz nicht, dass Sie glauben, dass eines Tages keine stationären Bibliotheken mehr vorhanden sein werden und die Bibliothek ein rein virtueller Raum?
Wenn Sie mit „eines Tages“ den 15. Oktober 2150 meinen, dann halte ich das für durchaus möglich. Zukunftssicher heißt natürlich, dass die Bibliotheken sich auf die anstehenden Veränderungen in Medien, Bildung und Beruf einstellen müssen. Dabei ist die Onleihe unserer Überzeugung nach ein sehr wichtiges Angebot. Wie weit wir alle unsere Mediennutzung, unsere sozialen Beziehungen und damit auch Teile unserer Welterfahrung noch (weiter) virtualisieren werden, mag ich nicht beurteilen. Meine Großmutter, Jahrgang 1890, hat sich sicher nie vorstellen können, dass ich während einer „online“ gebuchten Zugfahrt von Frankfurt nach Dresden eine Bibliothek in New York, Paris oder Sydney besuchen und gleichzeitig mit Ihnen in Meerbusch telefonieren kann. Jules Verne konnte sich das schon in etwa vorstellen. Aber dass da noch ganz viel Spektakuläres auf uns zukommt, halte ich für selbstverständlich.
Dennoch bleibt der Mensch ein Wesen, das seinesgleichen sucht. Wir finden uns doch zu verschiedenen Gelegenheiten gern zusammen, sei es im Theater, Kino, Stadion, Konzert, Spielplatz, Markt oder zum Sonntagsspaziergang. Und da wäre der Verlust der stationären Bibliotheken eine Verarmung unserer kulturellen (Um)Welt. Schließlich sind Büchereien viel mehr als zig Meter Regale mit einem Dach drüber. Das sind Begegnungs- und Lernorte, Kommunikations- und Kulturzentren. Da werden Themen- und Diskussionsabende, Lesungen oder die populären Bilderbuchkinos für Kleinkinder angeboten. Und noch viel, viel mehr. Vielleicht ändert sich deren Rolle zunehmend, hin zum Begegnungsort – wenn Sie so wollen mit Eventcharakter.
Es gibt in Südwestengland übrigens ein Projekt das heißt „Ask a Librarian“. Dort wird die Bibliothek online oder per Telefon zu einem allgemeinen „Wissenspool“. Da kann man sich über Veranstaltungen, Fahrpläne und vieles mehr informieren.
Und der Deutsche Bibliotheksverband betreibt eine Internet-Bibliothek, in der Sie per eMail Sachanfragen stellen können, die dann recherchiert und beantwortet werden. Ich bin überzeugt davon, dass Bibliotheken zukünftig ganz aktiv Ihre Aufgaben der neuen Medienwelt anpassen werden. Vielleicht heißen die eines Tages ja auch „Public Information Pools“.