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Dr. Alexander Grossmann zu neuem wissenschaftlichen Verlegen

Dr. Alexander Grossmann

Nach dem Lexikon ist jetzt das Loseblattwerk das nächste Genre, das bedroht ist. Solange das Buch nur als Informationsmedium dient, kann es mühelos durch Online-Datenbanken ersetzt werden (siehe BuchMarkt-Heft Seite 76ff). Der wissenschaftliche Fachbuchmarkt ist ebenfalls dabei sich auf neue Geschäftsmodelle einstellen. Geraten damit die wissenschaftlichen Großwerke auch ins Trudeln? Wir fragen Dr. Alexander Grossmann, Vice President Publishing bei Walter de Gruyter.

buchmarkt.de: Fachbücher haben im letzten Jahr 10, Loseblattwerke 3,2 Prozent verloren. Das ist wohl nicht nur auf das Internet zurückzuführen, aber auch. Buchhändler haben das Gefühl, nun kommt sichtbar alles ins Rutschen, wie erleben Sie das?
Dr. Alexander Grossmann: Wir befinden uns derzeit in einem Prozess, der die traditionellen Medien im Bereich der Fachinformation, also gedruckte Bücher, Zeitschriften oder Loseblattwerke mehr und mehr in den Hintergrund treten lässt: Unsere Kunden gehen heute anders bei der Beschaffung der für sie relevanten Informationen um als zum Beispiel noch vor 15 Jahren. Das Medium spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle, da ein Wissenschaftler mittlerweile überwiegend über das Internet gezielt nach aktuellen neuen Forschungsergebnissen oder Fachveröffentlichungen sucht. Diesen Trend haben die meisten Verlage erkannt und bieten ihre Inhalte neben der herkömmlichen, gedruckten Form auch elektronisch an. Ich glaube sogar, dass in Zukunft das klassische Fachbuch, vor allem im STM-Bereich ausgedient haben wird und die ausschließliche elektronische Nutzung in den Vordergrund rückt.

Netzwerke wie Tiwtter, Xing, Austauschmedien für Fachleute im Internet, Blogs, Community-Beiträge etc. legen nahe: Verlage und Handel/Buchhandel (insbesondere als Vertreiber von Fachmedien) müssen ihre Rolle innerhalb der aufkommenden Communitiys neu definieren. Verleger und Händler sind nicht mehr länger allein Lieferanten von Wissen, die vom Autor über Verlag durch sie an den Wissensdurstigen kommen. Wo sehen Sie sich als wissenschaftlicher Verlag in Zukunft innerhalb der Netzwerke? Wo den Handel?
Die klassische Rolle des Verlages im Bereich der Fachinformation kann auf Dauer nicht zukunftsfähig sein. Der Verlag muss sich klar positionieren als ein hoch spezialisierter Dienstleister, der seinen Kunden nicht nur ein formal und technisch einwandfreies Produkt anbietet, sondern auch einen Mehrwert leistet, was die medienneutrale Verknüpfung und redaktionelle Qualität der Inhalte angeht. Ein Beispiel: ein Verlag hat früher Lehrbücher, Nachschlagewerke und Zeitschriften zu einem bestimmten Fachgebiet angeboten. Diese Produkte standen dem Nutzer in der Bibliothek als voneinander isolierte Medien zur Verfügung. Eine Suche nach einem bestimmten Thema und die Auswertung der Fundstellen gestaltete sich als sehr zeitaufwändig. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als junger Wissenschaftler oft einen Nachmittag lang in der Bibliothek verbracht habe, um die mühsam recherchierten Beiträge in Form von schwerfälligen Zeitschriftenbänden auszuleihen und in stundenlanger Arbeit zu kopieren. Heute ist es möglich, alle diese Inhalte so miteinander elektronisch verknüpft aufzubereiten, dass ein Leser, der im Internet gezielt nach einem Begriff sucht, ohne aufwändige Recherche alle weiterführenden Informationen vorfindet. Diesen Kundenutzen können und müssen die Fachverlage in Zukunft noch weiter perfektionieren und ausbauen, um am Markt langfristig zu bestehen. De Gruyter hat zum Beispiel mit „Reference Global“ eine Plattform entwickelt, die den Nutzer medienneutral auf der Suche nach relevanten Informationen unterstützt und dabei aktuelle wie weit zurückliegende Zeitschriftenbeiträge, Bücher und bibliographische Nachschlagewerke mit einbezieht.

Auf der anderen Seite sind Großwerke kostenintensiv und werden zunehmend von user-generierten Angeboten bedrängt. Wie sehen Sie sich da? Geht es jetzt darum, entsprechende Comunities um EBR oder das Künstlerlexikon zu sammeln, die sich als Fachleute unter ihresgleichen sind?
Heutzutage ist es in der Tat verführerisch, mit einem raschen Blick in Wikipedia die gesuchten Inhalte finden zu wollen. Allerdings ist die Vollständigkeit und inhaltliche Tiefe der Einträge oft ernüchternd: Ein redaktionell aufbereitetes Nachschlagewerk wie das Allgemeine Künstlerlexikon (AKL) wird deutlich über eine Million Einträge international bekannter Künstler aufweisen; die Beiträge sind wissenschaftlich exakt recherchiert und nach der Bedeutung des Künstlers gewichtet. In einer Community findet man derzeit nur einen Bruchteil dieser Informationen und es ist auch nicht anzunehmen, dass sich in den nächsten Jahren hier eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu den redaktionell bearbeiteten, wissenschaftlichen Nachschlagewerken ergeben wird. Unsere Zielgruppe sind Wissenschaftler, die den Wert eines sorgfältig recherchierten und durch geprüfte Zitate belegten Inhaltes im Zweifelsfall immer der frei zugänglichen, aber nicht redaktionell bearbeiteten und geprüften Community vorziehen muss und wird.

Gibt es sogar einen neuen Wettbewerb um die wissenschaftlichen Communities im Internet?
Im Prinzip funktionieren große Nachschlagewerke in Verlagen bereits als (abgeschlossene) Communities, bei denen teilweise mehr als 1.000 Autoren weltweit im engen Dialog miteinander die Redaktion des Verlages unterstützen. Ein weiterführender Gedanke ist es daher, den hochwertigen Inhalt eines lexikalischen Werks wie dem AKL oder einer Enzyklopädie wie der EBR um eine zusätzliche, offene Nutzer-Ebene zu erweitern, die es allen Lesern ermöglicht, Inhalte zu kommentieren oder miteinander zu diskutieren. In einer solchen Möglichkeit sehe ich eine ideale Erweiterung der bestehenden Strukturen, die dem Nutzer einen maximalen Mehrwert gegenüber den ansonsten miteinander konkurrierenden Communities erzeugen kann.

In einem Artikel heißt es, das amerikanische Netzwerk in den Wissenschaften ist flexibler und effizienter als das europäische, die Wissenschaft kommt schneller voran. Ist die harte Linie der Open-Access-Fraktion und die Piratenpartei Ausdurck dessen, dass wir keine Antwort haben wie wir dem amerikanischen Erfolg begegnen? Ist der Handel und die Branche zu träge, um sich auf neue Informationsgewohnheiten einzulassen?
Wir haben es in der Musik-Welt sehr deutlich gesehen, wohin sich eine ganze Branche entwickeln kann, wenn sie zu starr auf bestehenden Strukturen beharrt. Leider beobachte ich auch in den Fachmedien immer wieder ein Festhalten an einem konservierenden, nach rückwärts gerichteten Standpunkt. Ich fürchte, damit gefährden wir selbst unsere ganze Branche – Verlage wie Handel gleichermaßen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Einführung kostengünstiger und flexibler Lesegeräte, die es derzeit nur als Prototyp gibt, ähnlich erdrutschartig wie in der Musikindustrie einer ganzen Branche den Boden unter den Füßen wegziehen wird. Handel und Verlage müssen sich daher zusammenschließen, um gemeinsam intelligente und innovative Angebote für unsere Kunden zu generieren, die alle Stärken eines elektronischen Mediums berücksichtigt. Ideen gibt es – nur muss man sie auch konsequent und rechtzeitig umsetzen.

Wie können kleinere Fachverlage oder Sortimenter in diesem Prozess auf Dauer bestehen? Oder wird sich die Konzentrierung des Wettbewerbs in den nächsten Jahren weiter verschärfen?
Die großen internationalen Fachverlage haben sich in den letzten Jahren überwiegend auf die Straffung ihrer internen Abläufe und der Auslagerung der Produktion konzentriert. Aus meiner Sicht ist dabei die Bedeutung der Kunden teilweise etwas in den Hintergrund getreten, was innovative Produkte und aktuelle Inhalte angeht. Umgekehrt halte ich es für schwierig, beispielsweise einer in Deutschland ansässigen Fachgesellschaft zu vermitteln, dass ihre Mitgliederzeitschrift komplett in Asien erstellt werden soll. Dieser Trend führt in der inhaltlichen und redaktionellen Qualität auf Dauer zu Mittelmaß, und das kann sich kein Verlag auf lange Sicht erlauben. Die kleineren Verlage werden sich daher zunehmend auf eine noch kundenorientiertere Funktion als Medien-Dienstleister konzentrieren und flexible Lösungen für ihre Partner – den Handel wie auch die Nutzer – anbieten. Das ist ein klarer Vorteil im Wettbewerb und dieser wird in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen.

Die Fragen stellte Matthias Koeffler

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