Home > Veranstaltungen > dtv verabschiedet seinen Vertreter Christoph Viering

dtv verabschiedet seinen Vertreter Christoph Viering

Christoph Viering

Auch, wenn er offiziell erst Ende des Jahres in den Ruhestand geht: Die Bücherbörse im Juli, die nun schon seit über 25 Jahren in Konstanz stattfindet, war für dtv-Vertreter Christoph Viering (Foto) die letzte.

Deshalb wurde dort zwei Tage lang nicht nur über neue Titel gesprochen, verhandelt und gefeilscht, sondern auch Abschied gefeiert: dtv-Verleger Wolfgang Balk und Vertriebsleiter Rudolf Frankl nutzten die Gelegenheit, sich wortreich bei ihrem langjährigen Vertreter zu bedanken, Buchhändler Thomas Mahr und Vertreter Mathias Gross, der in die Fußstapfen von Christoph Viering treten wird, ehrten den Bald-Ruheständler mit einer Kabarett-Einlage, indem sie Geschichten aus dem Leben eines Außendienstlers zum Besten gaben, und ein Vertreterchor (mit beachtlicher Stimmgewalt) sang lustige, bekannte Abschieds-Schlager, deren Texte wiederum auf Christoph Viering zielten.

Hier Auszüge aus der Rede von dtv-Verleger Wolfgang Balk:

Sich Christoph Viering als Rentner vorzustellen, fällt verdammt schwer, und man fragt sich: Muss das denn sein? Bei der letzten Vertreterkonferenz hat er doch noch wild und jugendlich diskutiert, als würde er noch viele Jahre seinem geliebten Sortiment die Neuerscheinungen mit den unabdingbaren Spitzentiteln vorstellen – und nun heißt es, dies sei seine letzte Reise als Vertreter.

Laudatio: dtv-verleger Wolfgang Balk

Wer das Reisen so sehr liebt, wird sich wohl in Zukunft wieder andere Reiseziele suchen in der Welt und weniger im süddeutschen Raum – oder vielleicht will er ja nur sein Leben endlich auf einer griechischen Insel verbringen – als Asterix auf Patmos, wo er dann auf einem gut gepflegten Motorrad zur nächsten Taverne rast, um wie Alexis Zorbas in den Abend zu tanzen.

Doch blenden wir vier Jahrzehnte zurück.

Christoph Viering hat nach einer Schreinerlehre eine Buchhändlerlehre in der so kleinen wie noblen Buchhandlung Ludwig in München absolviert, und sich quasi doch noch an der väterlichen evangelischen Buchhandlung orientiert. Als Lehrlinge, heute sagt man ja Azubi, haben wir uns kennen gelernt und gemeinsam Fortbildungsabende für Lehrlinge organisiert – aber auch Velvet Underground angehört, obwohl seine wirkliche Liebe dem Freejazz galt.

1971 wurde er Vertriebsassistent bei dem legendären dtv-Vertriebsleiter Wolfgang Josephi, der wie fünf weitere dtv-Angestellte aus Pfarrhäusern stammte. Wie christlich es im dtv damals wirklich zuging, entzieht sich meiner Kenntnis. Von einer dtv-Kapelle habe ich nie etwas gehört.

Seine vielen Reisen, die ihn nach Afghanistan oder in die Mongolei führten, machte er freilich nicht mit seinem geliebten 2CV, sondern dann doch mit einem Range Rover. Ja, das waren wilde Zeiten, doch wie ein versteckter Hippie mit Krawatte und feiner Weste kommt er mir auch heute noch manchmal vor.

1983 wurde er dann zwar kein freier Afghane, sondern freier Buchhandelsvertreter, was ihn zumindest vom Schreibtisch in der Friedrichstraße erlöste. „Warenhaus Süd“ nannte sich sein Tätigkeitsbereich, und zumindest Langenscheidt im Vertreterkoffer gab dem Ganzen etwas internationales Flair.

Seine Karriere bewegte sich steil aufwärts: 1989 wurde er Vertreter für den Buchhandel (Bereich Südwestdeutschland), 1992 gründete er eine eigene GmbH mit angestellten Untervertretern und tauschte bald seinen 2CV gegen einen Golf GTI ein.

Geheiratet wurde auch, eine dtv-Mitarbeiterin, die er zuvor bei einem Trekkingurlaub in Nepal auf ihre Reisetauglichkeit getestet hatte.

In all den Jahren traf ich Christoph im Allgemeinen nur auf der Buchmesse, wenn ich zum dtv-Stand schlenderte. Und meistens war er umringt von attraktiven Jungbuchhändlerinnen, denen er von Giaconda Belli oder Gabriel Garcia Marquez vorschwärmte, oder auch von seinen vielen Kinobesuchen oder seinen Reisen. Seinem individualistischen Charme, seiner Weltläufigkeit und seinem Erzähltalent konnte man sich nicht so leicht entziehen. Kein Wunder, dass der mit vielen Talenten und auch noch üppigem Haar gesegnete Abenteurer angehimmelt wurde.

Als ich Ende 1995 zu dtv kam, freute ich mich auf die Zusammenarbeit mit ihm. Er ist ja nicht nur einer der liebenswürdigsten Menschen, die ich kenne, sondern auch ein kritischer Leser des dtv-Programms, der durchaus auch einmal aus der Haut fahren konnte, wenn ihm ein Titel oder Buchumschlag missfiel, oder auch die EDV-Technik, mit der die Vertreter sukzessive umzugehen hatte, ihre nicht wenigen Tücken offenbarte. Ob er sich die Dinge manchmal schwerer machte, als sie waren, kann ich nicht wirklich beurteilen.

Der Strukturwandel im Buchhandel machte ihm außerdem sichtlich zu schaffen, denn sein Vertreterherz schlug für den kleinen und mittleren individuellen Buchhandel – und dessen sichtbare Probleme schlugen ihm aufs Gemüt. Die Meldungen der letzten Wochen geben seinem Blick auf die Dinge wohl mehr Recht als er erwarten durfte.

Lieber Christoph, der dtv hat Dich geprägt und Du auch den dtv, die Zusammenarbeit mit dem Verleger ist ja doch eher indirekt und die mit Rudolf Frankl und dem Vertrieb, gespickt mit zahlreichen kleinen und großen Fragen und Problemen war sicher enger und direkter – und es gibt bestimmt Sortimenter und Sortimenterinnen, die Dich besser kennen als ich.

Aber ich glaube fest, dass alle Dich sehr vermissen werden und eine große menschliche Lücke in unserer wunderbaren Vertreterriege bleibt, auch wenn Mathias Gross sie auf seine Weise natürlich bestens schließen wird.

Du warst über viele Jahre hinweg ein glanzvoller und engagierter Vermittler zwischen Verlag und Sortiment, dafür sei Dir heute sehr herzlich gedankt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Shortlist DELIA-Literaturpreis 2026

Der DELIA-Literaturpreis ist seit mehr als zwei Jahrzehnten ein wichtiger Bestandteil der deutschen Buchbranche. Traditionell wird am Valentinstag die Shortlist der Finalist*innen in den beiden Kategorien Roman und Junge Liebe

weiterlesen