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Ich bin etwas schief ins Leben gebaut – Ringelnatz-Abend mit Otto Sander und Gerd Bessler

Gerd Bessler am Klavier, Otto Sander

Eine halb traurige, sehr melancholische Ansprache an eine Unbekannte – damit begann gestern Abend in der Romanfabrik in Frankfurt eine außergewöhnliche Veranstaltung: Otto Sander rezitierte Joachim Ringelnatz, kongenial begleitet von Gerd Bessler am Klavier und auf der Stroviola.

Otto Sander nahm am Tisch Platz, erzählte kurz vom 1883 in Wurzen geborenen Hans Gustav Bötticher, der sich 1919 das Pseudonym Joachim Ringelnatz zulegte.

Gedichte folgten, von sparsamen Gesten begleitet, der Zeigefinger lockt ein bisschen, den Holzwurm nachahmend in Die Schnupftabaksdose. Die Stimme wirkt allein, übertreibt nicht, überschlägt sich nicht. Ist einfach nur präsent.

Beim seemännischen Teil des Abends angelangt, zieht der begnadete Schauspieler die Jacke aus – „Das nennt man Kostümwechsel“–, darunter trägt er themengerecht einen gestreiften Pullover. Die liebevoll auf der Bühne drapierten Papierschiffchen, die Verse von Wind und Wetter und Matrosenleben und natürlich von Kuttel Daddeldu spülen ein Stück Meer in die Romanfabrik am Main. Sicherheitshalber erklärt Otto Sander den Zuhörern einige nautische Fachbegriffe.

Das Seepferdchen darf nicht fehlen, ein zum Weinen schönes Gedicht.

Dann ist Zeit, zu Pfingsten an Weihnachten zu denken, nämlich an Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu. Gerd Bessler spielt anschließend Ringelnatz’ Lieblingslied La Paloma auf der Stroviola, einer eigenartigen Kombination aus Bratsche und Trichter.

Geheime Kinderreime folgen – schon vor fast hundert Jahren dachten sich Kinder wohl eine Menge nicht immer appetitlicher Spielchen aus. Im Brief eines Polizisten 1924 an den Kiepenheuer Verlag („Hier ist er!“, schwenkt Otto Sander ein Blatt Papier) wurde das Verbot des Geheimen Kinder-Spiel-Buchs energisch angemahnt.

Berlinerisch geht es dann zu, mit einer Leiche im Landwehrkanal, von Armut und Reichtum, Langeweile und Pedanterie ist die Rede.

Passend zum gerade in der Mainmetropole stattfindenden Internationalen Deutschen Turnfest rezitiert Otto Sander Turngedichte.

Viel Ringelnatz, dessen Todestag sich im November zum 75. Mal jährt. Otto Sander hat ihn an diesem Abend lebendig gemacht und viele Facetten des Kabarettisten, Dichters und Malers gezeigt, der Lustiges, Urkomisches, aber auch Besinnliches und Trauriges wie kein Anderer in Wortform goss.

JF

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