Im Juni wartet die Jury der KrimiWelt mit sieben neuen Titeln auf; Jury-Sprecher Tobias Gohlis kommentiert:
Dass Fred Vargas mit Der verbotene Ort den ersten Platz einnimmt, wird angesichts des Rangs der Autorin kaum verwundern. Ihr ist erneut ein Meisterwerk des polar poétique gelungen.
Leif GW Persson ist als spitzzüngiger Polizeisatiriker bekannt. Seine Jobs als Professor für Kriminologie und Berater der schwedischen Regierung in Sicherheitsfragen reichen offensichtlich nicht aus: Er zieht als Romancier in Sühne erneut gegen den alltäglichen Polizeischwachsinn zu Felde.
Don Winslow ist ein hoch geachteter Autor aus Kalifornien. Dort, in San Diego, spielt auch sein deutsches Debüt Pacific Private.
Ebenso beachtenswert ist Nick Stones Der Totenmeister. Stone ist halb Haitianer, halb Engländer. Sein Debüt-Roman Voodoo wurde mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet. Der Totenmeister ist das faszinierende Prequel dazu.
Der Niederländer Thomas Ross erhielt für seinen im Original 2003 erschienen Faction-Krimi Der Tod des Kandidaten den „Goude Strop“ (Der goldene Strick) als Auszeichnung des besten Krimis des Jahres. Entstanden ist er als unmittelbare Reaktion auf die Ermordung Pim Fortuyns 2002, die er rekonstruiert.
Der Wiener Stefan Slupetzky hat sich mit seinen Lemming-Romanen zwischen den beiden Sprachartisten Wolf Haas und Heinrich Steinfest als Dritter etabliert. Im vierten – Lemmings Zorn – setzt er sich mit der Ohnmacht des einzelnen auseinander, mit den Opfern des anschwellenden Lärms.
Als Autor von Southern Gothic Novels wird William Gay in den USA schon länger geschätzt. Nächtliche Vorkommnisse ist sein zweiter Titel auf Deutsch – ein Schocker.
Die komplette KrimiWelt für Juni:
1. (-) Fred Vargas: Der verbotene Ort. Aufbau
Paris/London/Kiseljevo: Der großartigste aller Vargas-Romane beginnt mit 17 Schuhen. Darin abgeschnittene Füße, die in den Londoner Friedhof Highgate wollen. Die Überreste eines in hunderte Stückchen zermatschten Mannes führen Kommissar Adamsberg an einen Geburtsort europäischer Gewalt.
2. (-) Leif GW Persson: Sühne. btb
Stockholm: Typisch schwedisch die Leiche – im Suff erschlagen. Da verfolgt Kommissar Evert Bäckström lieber den Mann aus Somalia, der sie gefunden hat. Bäckström säuft, ist Rassist und überhaupt der Beste. (Frauen lieben seine Supersalami!) Kriminologe Professor Persson lässt die Bullen-Sau raus.
3. (-) Don Winslow: Pacific Private. Suhrkamp
San Diego: Die Surfer der Dawn Patrol warten auf die Jahrhundertwelle. Auch Ex-Cop Boone Daniels will sie reiten. Zuvor muss er Tammy finden. Die Stripperin ist Zeugin. Doch wofür? Das ist ein Geheimnis, das um eines Kindes willen geschützt werden muss. Ein Krimi wie ein Tsunami. Im Westküstensound.
4. (-) Nick Stone: Der Totenmeister. Goldmann
Miami 1981: Miami erstickt an Kubanern und Koks. MTF, die Polizei, und SNBC, die mit Voodoo trickreich gesteuerte Bande Solomon Boukmans, nehmen sich nichts. Dazwischen versuchen die Detectives Max Mingus und Joe Liston den Spagat zwischen Übel und Übler. Gewaltiges Epos.
5. (1) Roger Smith: Kap der Finsternis. Tropen
Kapstadt: Überfall, Entführung, Erpressung, Mord. Immer rasender dreht sich das Karussell der Gewalt. Die Welt fliegt ihnen um die Ohren: dem Ex-Knacki und Nachtwächter, dem flüchtigen Ami und seiner Familie, dem frömmelnden Killerbullen. Harte Schnitte. Scharfer Blick auf Südafrikas Metropole des Verbrechens.
6. (-) Thomas Ross: Der Tod des Kandidaten. dtv
Amsterdam/Den Haag/Wageningen: Anke hat vier Jahre Knast hinter sich. Als sie rauskommt, wirbelt Pim Fortuyn, schwul, populistisch, frech, die ehrpusselige Parteienlandschaft durcheinander. Unfreiwillig wird Anke wird Teil des Mordkomplotts. Faktennahe Romanrekonstruktion. 2002 wurde Fortuyn erschossen.
7. (9) Robert Hültner: Inspektor Kajetan kehrt zurück. btb
München/Zellach: 1928. Ex-Polizist Kajetan jagen die Nazis. Den Arbeiter und Kommunisten Lipp Kerschbaumer die Polizei. In Zellach wollen sie über die Berge. Ein Hotelier wird erschlagen, Sündenböcke werden gesucht. Nach Langem wieder ein Kajetan-Roman: Ruhiges, genaues Erzählen.
8. (-) Stefan Slupetzky: Lemmings Zorn. Rowohlt
Wien: Dem Lemming und seiner Klara wird ein Kind geboren. Eine Weihnachtsgeschichte. Doch der Engel, der bei der Notgeburt half, wird ermordet. Slupetzky grandios: In diesem Kriminalfall versteckt er eine wütende Klage. Gegen den fortdauernden Mord am Lebenden durch Lärm.
9. (-) William Gay: Nächtliche Vorkommnisse. Arche
Centre, Tennessee 1951: Bestatter Fenton Breece lebt von Leichen. Und mit ihnen, davon zeugen die Fotos, die Tyler ihm geklaut hat. Tylers Schwester will den Leichenschänder erpressen. Doch der zieht Sutter auf seine Seite: zwei Monster auf Tyler-Jagd. Südstaaten-Gothic: blanke Triebe, Waldesdunkel.
10. (5) Oliver Bottini: Jäger in der Nacht. Scherz
Freiburg/Oberrimsingen: Eine Scheune, eine zerschlagene Frau, ein neugieriger, wütender Junge. Ein prügelnder Vater, ein anderer, dessen Tochter verschwand. Männer, denen das Schlagen Spaß bringt. Deutschland 2005. Ein Karussell der Gewalt. Louise Boní zweifelt an den Kollegen: Einer ist Menschenjäger.
Die Juni-Ausgabe der KrimiWelt-Bestenliste wird auch im NordwestRadio (heute live, ca. 8:35 Uhr, und am Sonntag in der Literaturzeit zwischen 15:00 und 16:00 Uhr) sowie in der Literarischen Welt vorgestellt.