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Die Gewinner des Deutschen Hörbuchpreises 2009 – Teil 2

Eine Woche nach Veröffentlichung der Gewinner in den ersten drei Kategorien [mehr…] lüftet der Verein Deutscher Hörbuchpreis e.V. nun das Geheimnis um die restlichen Gewinner.

Bestes Sachhörbuch:
„Erschreckend unterhaltsam“

1. Zum Sachhörbuch des Jahres wählte die Jury die Produktion „Die Stammheim-Bänder“ von Maximilian Schönherr, erschienen im DAV. „Ein Fundstück an Zusatzinformation – clever montiert“, schwärmten die Experten. „Die authentische Umsetzung versetzt auf erschreckend unterhaltsame Weise in die Zeit der Post-68er.“

Zum Inhalt: 30 Jahre lagen sie im Staatsarchiv Ludwigsburg: die wieder aufgefundenen Tonbänder zum Stammheimer Gerichtsprozess gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe. Hörbar werden u.a.: Sondergesetze, Misstrauensanträge der Verteidigung, Versuche der Angeklagten, ein Tribunal gegen den Vietnamkrieg und die Isolationsfolter zu schaffen.

„Der Preis ehrt und freut uns sehr“, so DAV-Pressesprecherin Steffi Behrend, „und er bestärkt uns zugleich darin, den Fokus weiterhin auf das Programmsegment Zeitgeschichte zu legen und aktuelle Themen informativ und sinnlich zu präsentieren.“

Dass mit der Veröffentlichung des WDR-Features einer breiten Öffentlichkeit Tondokumente von historischer Bedeutung zugänglich gemacht werden können, darüber ist man in Berlin sehr stolz. Steffi Behrend erklärt: „Das Hörbuch setzt da ein, wo Buch und Film naturgegeben enden müssen. Nur hier hören wir wirklich die Original-Stimmen der Angeklagten, können deren Leidenschaftlichkeit, Gebrochenheit und abgehobene politische Einstellung unmittelbar miterleben. Und wo kann man einen jungen, stürmerisch-drängenden Otto Schily schon wüten und schreien hören?“

Außerdem waren in dieser Kategorie nominiert: „Das Schiff – Erlebnisse einer Weltreise mit Matthias Politycki“ (Wolfgang Stockmann / Kunstmann) und „Die Revolution mit der Heizdecke“ (Manuel Gogos / WAZ Mediengruppe).

Manfred Zapatka:
Bester Interpret der Ilias

2. Ausgezeichnet als „Bester Interpret“ wurde Manfred Zapatka für das Hörbuch „Ilias“ (Homer / Hörverlag). „Zapatka gliedert den Text nahezu musikalisch und baut mittels variierter Tempi, Rhythmen und Modulation eine Spannung auf, die den Zuhörer in einer thematisch fremden Welt heimisch macht“, so die Jury. Die Vertonung der Ilias, so Hörverlag-Pressechefin Heike Völker-Sieber, habe dem Schauspieler einen unglaublichen mentalen und physischen Einsatz abverlangt: „Dass als Ergebnis große Kunst und eben nicht diese Anstrengung zu hören ist, liegt an der Meisterschaft des Interpreten Manfred Zapatka und des Regisseurs Klaus Buhlert.“

Zum Inhalt: Die „Ilias“ berichtet von 51 Tagen des zehn Jahre lang dauernden Krieges um Troja. Sie beginnt damit, dass der Thessalier Achilles sich nicht mehr an den Kämpfen beteiligt. Hektor, der älteste Sohn des Trojanerkönigs Priamos und dessen Gemahlin Hekabe, erschlägt Patroklos, ein Freund von Achilles. Um Patroklos zu rächen, beteiligt Achilles sich wieder an den Kämpfen, tötet Hektor im Zweikampf und lässt dessen Leiche dreimal um Troja herumschleifen.

Speziell für die inszenierte Fassung greift Raoul Schrott in seiner Neuübertragung der „Ilias“ konsequent auf die mündliche Tradition des Werks zurück. Er ersetzt den Hexameter durch frei rhythmisierte Prosa – wie geschaffen für einen Sprechkünstler wie Manfred Zapatka.

Fast genauso gute Sprechleistungen bescheinigte die Jury den Interpreten Andreas Fröhlich für „Der Schrecksenmeister“ (Walter Moers / Hörbuch Hamburg) und Stefan Kaminski für „Motel Life“ (Willy Vlautin / Patmos).

Beste Fiktion:
„Klasse Besetzung“

3. „Ein Hörbuch, das der wunderbaren Buchvorlage vollends gerecht wird“, bescheinigte die Jury dem Hörspiel „Herr Lehmann“ (Sven Regener / Hörverlag) und vergab den Preis in der Kategorie „Beste Fiktion“. Die Begründung weiter: „Klasse Besetzung, unaufdringliche, aber tragende Musik. Fiktion, die in die Realität verführt.“ Heike Völker Sieber: „Wir sind besonders stolz, dass mit dem Preis eine Eigenproduktion des Hörverlags gekürt wird. Ein Beleg, dass Qualität von der Jury und– wie die erfreulichen Verkaufszahlen zeigen – gleichermaßen vom Publikum gewürdigt wird.“

Zum Inhalt: Herr Lehmann ist Kreuzberger. Kreuzberger sind Menschen, die einmal aus Schwaben oder dem Allgäu nach Berlin gekommen sind. Herr Lehmann ist aus Bremen und möchte eigentlich Frank genannt werden, aber das ignorieren seine Freunde. Denn bald ist sein dreißigster Geburtstag, und das ist fatal, weil man da langsam „beginnt, eine Vergangenheit zu haben, eine gute alte Zeit und den ganzen Scheiß“.

Nominiert waren außerdem: „Lenz“ (Georg Büchner / herzrasen-records) und „Walk of Fame“ (Ulrich Bassenge / Hörverlag).

„Das hat uns wirklich komplett umgehauen“, freute sich Pressesprecherin Heike Völker-Sieber. „Den Preis für ein Hörbuch zu bekommen, ist schon eine große Freude – vier Mal ist immer noch unglaublich. Wahrscheinlich fassen wir es erst, wenn wir die in jeder Hinsicht gewichtigen Skulpturen am 15. März in den Händen halten.“

Die vier preisgekrönten Titel stehen für unterschiedliche Segmente unter dem Dach Hörverlag: ein Großprojekt in Zusammenarbeit mit einem Sender („Reise ans Ende der Nacht“), ein Klassiker der Weltliteratur („Ilias“), eine Hörspiel-Eigenproduktion eines Bestsellers („Herr Lehmann“) und ein künstlerisch ambitioniertes Original-Hörspiel („Enigma Emmy Göring“).

4. Noch ein Verlag darf sich in diesem Jahr freuen: Zweitausendeins für seine Hörbuchreihe „Dokumente“, denn diese wurde als „Beste verlegerische Leistung“ ausgezeichnet. Die Reihe fasst Werke mit stark auditivem Charakter zusammen und bildet – teilweise erstmalig – das gesamte Hörwerk eines Autors ab. „Jeder Tonträger wird durch ein sehr geschmackvoll und inhaltlich aufwändig gemachtes Buch ergänzt“, begründete die Jury ihre Auswahl.

„Versunkene akustische Schätze“ zu bergen, ist das Ziel des Verlags. „Wir bringen neben Lesungen von Klassikern der Moderne vor allem Archivalien zum Klingen, die zu unserem kulturellen Gedächtnis gehören, ohne dass wir uns dessen noch bewusst sind“, erklärt Axel Winzer von Zweitausendeins. „Dazu gehören etwa die Stimmen von Elias Canetti, von Elsa Sophia von Kamphoevener, von Hubert Fichte – historische Lesungen, Vorträge und Interviews, und zwar möglichst vollständig: alles, was sich aufspüren lässt.“

Ein Novum war es, als Zweitausendeins vor fünf Jahren das Hörwerk von Gottfried Benn veröffentlichte: über elf Stunden Benns Stimme auf einer MP3-CD – begleitet, gerahmt und erschlossen durch ein 64-seitiges Beibuch. Diese bis heute einzigartige Editionspraxis ist nun mit dem Deutschen Hörbuchpreis prämiert worden.

Knapp am Gewinn gescheitert sind diese Nominierungen: Headroom für die Reiseführer-Reihe „Wegwärts“ (z.B. „Shanghai“) und der VDF Hochschulverlag für „Die Stunde des Hundes“.

Die Würdigung aller Preise – inklusive der Publikumspreise „Hörkules“ und „Hörkulino“ – erfolgt in einer Gala am 15. März im WDR-Funkhaus in Köln und wird live im Fernsehen und Radio übertragen.
rw

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