
Die Münchner Buchhändlerin Philine Meyer-Clason hat sich von uns zum Neuen Jahr eins gewünscht: „Bitte online keine Krisengespräche!“ Das hat uns zu einem Sonntagsgespräch mit ihr angeregt:
Philine Meyer-Clason kennt beide Seiten der Branche: Eigentllich wollte sie nach ihre Ausbildung zur Buchhändlerin wieder zurück nach Portugal. Doch da dort die beruflichen Möglichkeiten damals sehr schlecht waren, entschloss sie sich, in diversen Verlagen im Vertrieb zu arbeiten. Im März 2003 übernahm sie die Münchner Tucholsky Buchhandlung an der Grenze zwischen Schwabing und der Maxvorstadt (55 qm). Und sie sagt: „Diesen Entschluss habe ich trotz aller Schwierigkeiten nie bereut.“
BuchMarkt: Gibt es denn nicht um uns herum genug Anlass, über Krisen zu reden?
Philine Meyer-Clason: Nein, der Buchhandel hatte ein gutes Weihnachtsgeschäft, und es hat das Defizit des ersten halben Jahres einigermaßen `rausgerissen. Und ich mag einfach nicht mehr klagen, denn davon wird nichts besser. Die Medien machen vieles mieser als es ist.
BuchMarkt: Aber die Ganzjahresziele wurden doch kaum erreicht…
Philine Meyer-Clason: Wir wollen immer nur Wachstum – aber irgendwann ist Wachstum eben nicht mehr möglich. Selbst einer meiner Kunden, der Mitglied des Bayerischen Landtages ist, sagte heute: Je weniger Geld die Leute haben, trotz billigerem Benzin, dann lesen sie mehr; das Fernsehprogramm ist doof, und wenn das ZDF es nötig hat, eine Sondersendung über Minus-Grade im Januar zu bringen, dann ist sowieso Matthäi am Letzten.
Dem Buchhandel wird immer vorgeworfen, dass er jammert: Das liegt aber weniger am Umsatz als an unkooperativen Banken, Krediten und der Phantasielosigkeit.
Ich hasse den Begriff Erlebnisbuchhandel, aber solange man selber positiv denkt und seine Kunden kennt und diese in eine persönliche Atmosphäre einbinden kann, dann hat man Erfolgserlebnisse, die sich auszahlen.
BuchMarkt: Ich kenne noch mehr Tiefpunkte im deutschen Fernsehen, ist nicht gerade wieder das Dschungelcamp gestartet?
Philine Meyer-Clason: Ja, das Land spinnt: Deswegen sage ich: Lasst uns lesen, die Inventur machen und dann mit gespannter Neugierde die Vertreter empfangen und im Büro aufräumen. Es gibt ein paar spannende Bücher aus dem Herbst, und ich habe über die Feiertage mit großer Begeisterung Uwe Tellkamps Turm gelesen. Endlich wieder ein Buch mit höchster literarischer Qualität.
BuchMarkt: Was würden Sie denn derzeit noch den Kollegen raten?
Philine Meyer-Clason: Tja, was soll ich den Kollegen raten? Das, was mich mein gesamtes Berufsleben schon auf der Verlagsseite beschäftigt hat und was mir immer wichtig war: Wahrhaftig zu sein, seine eigene Individualität und Ehrlichkeit nicht zu verraten.
BuchMarkt: Das verstehe ich jetzt nicht
Philine Meyer-Clason: Ich meine damit, nicht austauschbar zu werden. Selbstverständlich ist in einem Beruf jeder irgendwie ersetzbar, aber: Ein Hanser Verlag wäre nicht der Hanser Verlag ohne Michael Krüger und Felicitas Feilhauer, ein Antje Kunstmann Verlag ohne Antje Kunstmann wäre ein anderer Verlag.
BuchMarkt: Und das gilt auch für Buchhandlungen?
Philine Meyer-Clason: Da eher noch mehr angesichts der Uniformität der Ketten. Eine Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg hätte nicht ihre dortige Position, wenn sie nicht durch die Individualisten geleitet worden wäre.
BuchMarkt: Was machen denn Individualisten anders als andere?
Philine Meyer-Clason: Sie biedern sich nicht bei den Großen an und versuchen die zu imitieren.
BuchMarkt: Wieso sollen Kleine nicht versuchen, im Service mindestens genauso gut wie Große zu sein?
Philine Meyer-Clason: Ich bin mir sicher, dass der individuelle Service beim Kunden in einem kleinen Laden wesentlich größer ist als bei stromlinienförmigen Ketten, egal welcher Branche. Ich kenne 95% meiner Kunden und weiß, was sie möchten. Vergleichbar beim Key Account in Verlagen. Es ist das gleiche in Grün, wenn Sie so wollen.
BuchMarkt: Was also?
Philine Meyer-Clason: Individualität zeigen, den eigenen Geschmack zeigen, natürlich auf den der Kunden eingehen – ich hasse deswegen zum Beispiel Themenfenster. Da setze ich auf möglichst wenig Klimbim, aber da bin ich vielleicht zu sehr Purist.
BuchMarkt: Das muss doch nicht schlimm sein…
Philine Meyer-Clason: Das finde ich ja auch. Das Buch spricht für sich, so finde ich es auch in Ordnung, die Helmut Schmidt-Biographie neben Edmund Stoiber legen. Kontraste machen die Auslage „witziger“. Aber das hängt natürlich immer vom eigenen Standpunkt und auch vom Standort ab. Die Feuchtgebiete z.B. hatte ich nie vorrätig, sondern immer nach Bedarf beim Grossisten bestellt.
BuchMarkt: Das halte ich auch aus kaufmännischer Sicht für falsch.
Philine Meyer-Clason: Finden Sie? Ich finde, man darf auch eine eigene Meinung haben und sich daran halten. Und man muss Standpunkte haben. Wieso soll ich mir ein Buch in den Laden legen, das ich eklig finde? Dafür habe ich andere Bücher verkauft, mich für Titel engagiert, die es wert waren zu lesen – und darüber hinaus meinem Klientel eher entsprechen. Gottseidank ist meine Buchhandlung in einem Viertel in München mit literarischem Anspruch. Ich bin Sortimenterin, also wähle ich aus, was mein Klientel erwartet: nämlich zum Glück einen gewissen Anspruch. Und noch immer bekomme ich Zuspruch und habe treue Kunden.
BuchMarkt: Und Sie glauben, dass diese Art von Buchhandel (über)lebensfähig ist?
Philine Meyer-Clason: Der kleine Handel hat eher eine Zukunft als die mittelgroßen Läden. Unsere Stärke ist, dass wir anders als die Großflächen auf unsere Kunden angewiesen sind und auch einen Service bieten, den große Sortimenter längst nicht mehr haben.
BuchMarkt: Das verstehe ich jetzt wieder nicht…
Philine Meyer-Clason: Denen ist doch der eine oder andere Kunde egal, der ohne Buch den Laden verlässt. Aber wir Kleinen haben ganz andere Probleme zu lösen. Und wenn wir die lösen, dann sind wir unschlagbar.
BuchMarkt: Wo liegen die Probleme?
Philine Meyer-Clason: Das ist die Anspruchshaltung der Kunden: Wir wissen, wenn es nicht Stammkunden sind: Was nicht sofort verfügbar ist, geht an Amazon, Hugendubel/Thalia. Dann die Geduldsnummer: Wenn das Buch beim Verlag oder Großhändler kurzfristig nicht lieferbar: da muss man reden und überzeugen. Und dann die Frustnummer: Buch wird bestellt, aber nicht abgeholt, Kunde war in der Stadt und sagt nicht, dass er es sich anders überlegt hat.
BuchMarkt: Das ist doch nicht alles…
Philine Meyer-Clason: Wir bestellen natürlich nicht ein Heft aus dem klerikalen Bereich für 1,95 beim Borromäusverein oder so, aber gerne und selbstverständlich ein hochwissenschaftliches Werk für 30 aus dem Verlag xyz aus dem Fürstentum Liechtenstein beim Katechetenamt. Das macht kein Filialist, weil der es nicht findet, weil der eh nicht die Lust, Zeit und überhaupt die Möglichkeit hat, im Internet eine halbe Stunde danach zu suchen. Wir suchen noch und recherchieren; denn was der Filialist beim Großhändler nicht findet, gibt es nicht mehr: Welch Trugschluß! Und bibliographieren muss man eben können, da ist die alte Schule gefragt. Und ich weiß natürlich, der Filialist bringt auch dem hatscherten Kunden, der gerade ne Hüft-OP hatte, sein Buch nicht an den Briefkasten oder gar nach Hause.
BuchMarkt: Ich merke, Sie sind rundum zufrieden…
Philine Meyer-Clason: Ja, wenn die Bürokratie nicht wäre! Da habe ich derzeit den Amtsschimmel mehrfach wiehern hören*. Den Behörden wünschte ich die Erkenntnis, dass man es als Einzelhändler nicht nur mit einem Auftraggeber zu tun hat, sondern mit KUNDEN, die einem die Existenz sichern sollen, mögen sollten.
* Zitate gefällig?
Die von Ihnen ausgeübte selbständige Tätigkeit führt nicht zur Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung…
Aufgrund der Art der ausgeübten Tätigkeit gehören Sie nicht zu den Berufsgruppen, die der Versicherungspflicht kraft Gesetzes unterliegen.
Eine Versicherungspflicht als Selbständiger mit nur einem Auftraggeber besteht ebenfalls nicht, weil Sie als Buchhändlerin auf Dauer im Wesentlichen für mehr als einen Auftraggeber tätig sind.
Hören Sie den Amtsschimmel? Davor hatte ich vier(!!)! Seiten auszufüllen.