Im Arkadensaal des Frankfurter Goethe-Museums ist am heutigen Nachmittag das 3. Branchenparlament des Börsenvereins zu Ende gegangen, dass sich mit den Themen Digitalisierung und E-Content/E-Books beschäftigte.
In seiner Begrüßungsrede wies Parlamentpräsident Matthias Heinrich, Vorsitzender des Ausschusses für den Zwischenbuchhandel, auf die gravierenden Veränderungen in der Branche hin. Wo ist der Platz der drei Sparten des Börsenvereins beim Verkauf von E-Books? hieß die bereits gestern heftig diskutierte Frage. Welche technischen Verfahren und Möglichkeiten bietet libreka!?
Der Einführungsvortrag Revolutionieren E-Books den Buchmarkt? von Werner Ortner, Verlagsgruppe Weltbild, beschäftigte sich mit dem beispiellosen Hype der E-Books, obwohl diese bei den meisten Ausstellern auf der Frankfurter Buchmesse gar nicht präsent waren. So steht ein großes Meinungsspektrum wenigen Fakten gegenüber. Der weltweite Verkauf des E-Readers Kindle wird derzeit auf 30.000 bis zu einer Million geschätzt, Experten rechnen mit ungeheuren Zuwächsen in den nächsten vier Jahren. Allerdings sind nur 0,3 bis 0,5 Prozent der derzeitig in den USA verkauften Bücher elektronische. Der Kindle-Reader ist in Deutschland noch nicht zu haben, der Sony-Reader wagt sich hier im nächsten Frühjahr auf den Markt.
1995 wurde von Boston Consulting auf die Wichtigkeit von Content-Digitalisierung hingewiesen, heute ist das längst Alltag, der zu massenhaften Veränderungen in der Branche geführt hat:
Die Wissenschaftsverlage sind in starkem Maße davon betroffen; sie stellen heute 30 bis 40 Prozent ihrer Inhalte digital zur Verfügung.
Wörterbücher und Enzyklopädien haben dramatische Verluste hinnehmen müssen, im Netz sind Unmengen von Content gratis erhältlich.
Die klassische Kartografie wurde größtenteils durch Google Earth und Google Maps abgelöst.
Ratgeberverlage erleben Einbußen, Gesundheits- und Kochportale schießen wie Pilze aus der Erde.
Verschont blieben bisher nur das populäre Sachbuch und die Belletristik.
Wir alle müssen aufpassen, dass das E-Book nicht neue Vertriebswege außerhalb unserer Branche findet. „Es wird noch ein Hauen und Stechen zwischen den einzelnen Marktteilnehmern geben“, prophezeit Werner Ortner. Schon jetzt hat das stationäre Sortiment 15 Prozent Umsatz an das Internet verloren, weitere Einbrüche stehen bevor.
Wichtigste Frage ist: Wie reagiert der Leser?
Holger Bellmann, Libri, erläuterte anhand von Tabellen, dass sämtliche neuen Technologien, die auf Informationstechniken beruhen, expotentiell wachsen. So ist am Anfang eine langsame Steigerung zu erkennen, die sich im Laufe der Zeit zu einer steilen Kurve entwickelt. In den nächsten zwei Jahren ist daher eher nicht mit Millionenumsätzen auf dem E-Book-Sektor zu rechnen. Und Händler, die Angebote für die Kunden zusammenstellen, werden immer gebraucht.
Wichtig sind Aggregatoren, aber es werden sich nur wenige herauskristallisieren.
Die Digitalisierung bringt andere Vertriebsmodelle und andere Kostenstrukturen mit sich, so können zum Beispiel Bundles zunehmend interessanter für den Kunden werden.
Zu den Verhandlungen mit Amazon bemerkte Holger Bellmann, dass diese äußerst schwierig seien.
Dem gegenüber bietet libreka! eine Plattform in klassischer Aggregatoren-Rolle.
Der Nutzen allerdings gehe am Zwischenbuchhandel und am Sortiment direkt vorbei. Für die Vermarktung von libreka! Seien größere Summen erforderlich. Sinnvoll erweist sich diese Plattform nur dann, wenn sie möglichst vielen Mitgliedern des Börsenvereins dienlich ist.
Ronald Schild, MVB, weist auf große Gefahren hin, die er derzeit im Arrangement von Google und der Vereinigung der Autoren in den USA sieht. Dieser Sog wirke auf die Verlage, Resultat wäre eine Monopolisierung des Zugangs zum Buch.
libreka! ist mit derzeit 80.000 digitalisierten Titeln eine der größten Buchplattformen weltweit, bis Jahresende wird man 100.000 Titel finden können. Damit sei Google und Amazon im deutschsprachigen Bereich überholt. 850 Verlage und 500 Buchhandlungen sind gegenwärtig bei libreka! vertreten.
Die Plattform ist ein Beispiel für den aktiven Umgang mit Digitalisierung, weil sie offen, variabel und unabhängig ist. libreka! wird nicht selbst zum Händler, obwohl die technischen Möglichkeiten, dort auch Bücher zu verkaufen, gut entwickelt sind. Entsprechende Rechtssicherheit soll bis zum Jahresende 2008 geklärt werden, ein Verkaufsstart könnte im 1. Halbjahr 2009 erfolgen.
Um den Nutzen dieser Plattform zu steigern, seien keine Werbemillionen erforderlich, sie wird sich aufgrund ihrer Vorteile durchsetzen.
In der anschließenden Diskussion wandte Matthias Ulmer ein, dass sich seit der Entscheidung und Konzeption für VTO bis heute nicht so viel geändert habe. Ausgangspunkt war damals, sich nicht Google und Amazon auszuliefern. Die Barsortimenter begegneten der neuen Plattform mit Gegenwind. Es ging auch um die Sicherheit des neuen Projektes. Libri aber hat entscheidende Daten der Buchhändler an Google weitergegeben.
Eine angemahnte strategische Neuausrichtung und weitere Geldforderungen zur Entwicklung von libreka! reichen allerdings nicht aus, um dieses Projekt fallen zu lassen.
Heinrich Riethmüller, Vorsitzender des Sortimenter-Ausschusses, sieht in libreka! ein Mittel zur Unteerstützung des Sortimentsbuchhandels. Dennoch habe er Sorge, im Haifischbecken der Onlinehändler unterzugehen.
„Über libreka! muss viel Traffic laufen, dann können alle partizipieren!“, schlussfolgerte er.
Dr. Karl-Peter Winters, Vorsitzender des Verleger-Ausschusses, bekräftige die Wichtigkeit einer zentralen Suchmaschine. Sie muss einfach nutzbar sein. Nur so könne man sich in der Online-Welt behaupten, die anderen Händler zeigen, wie es geht.
Es kann nicht der Weg sein, dass sich die Barsortimenter zurückhalten und auf Verbesserungen warten, sie verzichten damit auf ein wichtiges Instrument. Aufgabe ist es, die Funktionalität von libreka! schnell zu verbessern.
„libreka! ist die einzige und letzte Chance der Branche, die wir nutzen müssen!“, schloss Winters.
Oliver Voerster, Koch, Neff & Volckmar, erläuterte die Zurückhaltung damit, dass ein solches Portal zu bereits bestehenden Geschäftsmodellen passen und die Sortimenter überzeugen muss. So gehe es nicht um pro oder contra für libreka!, sondern um eine Kurskorrektur. libreka! Dürfe nicht in Konkurrenz zu bestehenden Portalen treten. Voerster forderte, die Zahlungsfunktion von libreka! nicht zu aktivieren.
In der weiteren Aussprache wurde sichtbar, das eine für alle annehmbare Rechtssicherheit unabdingbar ist, nur so kann libreka! für alle nutzbar und nützlich sein. Allerdings ist libreka! eine notwendige Branchenmarke, auf die nicht verzichtet werden kann. Sie ist als Suchmaschine, nicht als Online-Händler zu verstehen.
So formulierte im Schlusswort dieser Diskussion Matthias Heinrich die Empfehlung, libreka! in den Fachausschüssen nochmals zu optimieren. libreka! Ist eine gemeinsame Initiative des Branchenverbandes.
Zweites Thema war die Preisbindung für E-Books. Prof. Dr. Christian Russ, Fuhrmann Wallenfels Binder und Partner, stellte klar, dass es aus juristischer Sicht nicht darum geht, diese Preisbindung in ihrem Bestand zu diskutieren. Grundlegend dafür ist das BGH-Urteil von 1997 zur CD-ROM, folgend das Preisbindungsgesetz von 2002. Die Vorteile der Preisbindung für E-Books sieht Russ wie folgt: die Preise werden von den Verlagen vorgegeben, eine einfache Honorarabrechnung ist möglich, es gibt keinen Preiskampf und keinen Preisverfall.
Problematisch jedoch wird diese Preisbindung im grenzüberschreitenden Verkehr. Hier besteht Handlungsbedarf. Auch im Bereich wissenschaftlicher Datenbanken sind weitere Regelungen notwendig, zum Beispiel die Abgrenzung von fremdsprachlichen Büchern. Die Zugriffsrechte bedürfen ebenfalls weiterer Klärung.
Dem gegenüber vertrat Dr. Sven Fund, Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, die Auffassung, dass E-Books kein juristisches Problem, sondern längst Realität sind. Die Preisbindung ist hier eher hinderlich. Die Internationalisierung ist gerade im Wissenschaftsbereich äußerst wichtig. Er sieht die Gefahr, dass bei starrer Regelung Autoren auf den englischsprachigen Sektor abwandern könnten, um dort zu publizieren – das wäre ein katastrophaler Wettbewerbsnachteil für Deutschland.
In der anschließenden Diskussion wurde die Forderung nach einer umfassenden Klärung dieser Frage deutlich. Eine entsprechende Empfehlung wurde mit einer Gegenstimme angenommen.
Zur 3. Frankfurter Erklärung, die dem Vorsteher des Börsenvereins Gottfried Honnefelder übergeben wurde, gehört außerdem ein Appell an die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, die von Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich angestoßene Debatte um die Rolle der Kultur im Fernsehen offen zu führen. Nicht nur die Bestätigung vorhandener Sendeplätze wird erwartet, sondern die dringend notwendige Erweiterung des kulturell profilierten Programms.
Während des 3. Branchenparlaments wurden Ruth Klinkenberg, Joachim Wrensch und – erstmals in der Geschichte des Börsenvereins ein Nichtmitglied – Rainer Groothuis mit der Goldenen Nadel geehrt.
JF







