Henriette Fischer, die über 30 Jahre für Suhrkamp in Hessen, Rheinland-Pfalz, NRW und Luxemburg als Vertreterin unterwegs war, geht nun in den Ruhestand. Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz ehrte sie auf einem Abschiedsfest in Berlin am 16. Juni mit folgender Rede:
„Sehr geehrte Herren!“ schrieb Henriette Fischer am 1. Juni 1976 an den Suhrkamp Verlag. „Auf Ihre Anzeige ‚Vertretung’ im Börsenblatt Nr. 44 vom Juni 1976 reiche ich meine Bewerbung ein. Den Anforderungen, die an einen Verlagsvertreter gestellt sind, fühle ich mich wegen meiner Fachkenntnisse und Erfahrungen im Sortimentsbuchhandel, insbesondere im Verkauf und in der Kontaktpflege, gewachsen.
Ich bin 34 Jahre alt, ledig, seit 1959 im Buchhandel tätig und leite zur Zeit eine Filiale der Sylter Bücherstuben, Westerland, in Kampen. Über meine Ausbildung und Tätigkeit geben die beigelegten acht Zeugnisse Auskunft. Folgende Referenzen gebe ich an:
Prof. Dr. Walter Jens, 74 Tübingen, und Herrn Gutzmer, Buchhandlung Ludwig Röhrscheid, Bonn. Weitere Unterlagen zur Bewerbung, auch ein seriöseres Foto als das beigefügte, können auf Wunsch nachgereicht werden.
Ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören.
Mit freundlichen Grüßen
E. Henriette Fischer“
Erika Henriette Fischer trat am 1. November 1976 in den Verlag ein.

Foto: Stefan Geyer
Am 11. Januar 1993 schrieb Siegfried Unseld:
„Liebe Frau Fischer,
Sie gehen auf die Reise, wie schon so oft vor Ihnen das Abenteuer des Marktes…“
Als ich diesen Brief neulich fand, diesen Satz las, geriet ich mitten hinein in Henriettens Abenteuer, flog ich auf meinem Hypograph, einem Nachfolgetier des Koeppenschen Phantasierosses, trainiert von jenem, unterwiesen, die Reiserouten ihrer letzten Jahre ab.
Von Attendorn und Andernach bis Büdingen und Butzbach, von Dillenburg und Erkelenz über Hückelhoven bis Nieder-Olm und Oberursel, von Siegen und Simmern, bis Wiesbaden, Wittlich, Wolfhaben und Würselen.
Die starke Frau mit dem kühnen deutschen Gesicht, die Preußin vom Schlage einer Marlene Dietrich, Marion Dönhoff, Hildegard Hamm-Brücher, deren Preußischkeit, deren Disziplin, Unbestechlichkeit, Unbeirrbarkeit meines Wissens nur von der meiner Jüdischen Großmutter übertroffen wurde, sie besteht das Abenteuer, Reise um Reise, Station um Station.
Stellt den Sortimentern, die um des Überlebens willen ihre geheiligte Ware auch an die herrschende Dumpfklasse bringen müssen, unsere Widerstandsprogramme vor, unsere ganzen herrlichen Gefährlichkeiten, kein Pardon ,kein Wirklichkeitsromänchen zum Plaisir, nichts von dem fiesen klebrigen Zeug, was allenthalben sonst in diesen Jahren über die Ladentische ging.
Hör ich sie sagen: „Literatur ist die Suche nach einer Realität, die wirklicher ist als die Wirklichkeit.“ Hör ich sie sagen: „Nieder mit den Tatsachen, es lebe die Erfindung.“ Sagt sie, singt sie den Sortimentern mit dem Eremiten, dem Erlöser aus der deutschesten aller Opern, dem Weberschen Freischütz, „Nur Mut, nur Mut und Selbstvertrahauen … “, singt und sagt sie das mit der ihr eigenen trockenen Inbrunst und Ironie? Geht Letzteres zusammen? Mein Hypograph behauptet: ja. Bei ihr, behauptet er, da ginge so was.
Und schließlich versteigt er sich zu einer weiteren Behauptung: Die starke Frau mit dem kühnen deutschen Gesicht sei das Zünglein an der Waage gewesen, habe einen Lorenzschen Schmetterlingseffekt ausgelöst, habe mit ihrem Reiseflügelschlag den Wetterwechseln, das Waffenwetter herbeigeführt, den Sturm auf die Bastille der Beliebigkeiten, auf das Konsensgeschreibsel, das Konsumgeschmiere, auf den Trivialmist, auf den netten Dreck.
Ich gucke Rolf an, Barbara, Cornelia, Fritze, Peter, ich gucke Angelika Barth an, Rita Draeger, Michael Geißler, Kristine Nebe, Hans Schultz, Manfred Fischer, Michael Orou und denke, dieser Schmetterlingsflügelschlag, er war ein Synergieeffekt, die Wirkung eines wundersamen Miteinanders, in dem die Königinnenrolle gegeben wurde von der zu Feiernden.
Mein Hypograph ist mir davongeflogen und ich befinde mich jetzt heute hier in jener sturen Wirklichkeit, die vorgibt, Henriettens Abenteuer sei zuende, mitnichten meine Wirklichkeit, mitnichten die von Siegfried Unseld, der schrieb: „Von der Intelligenz, der Bildung, und der Initiative des Verlagsvertreters hängt viel ab. Nur die Besten sind für diesen verdienstvollen Posten gut genug“, und dabei mit Gewißheit Henrietten in seinem schönen braunen Auge hatte.
Du mir so Werte, Liebe, laß Dir danken für Deine Unbeirrbarkeiten, Unbestechlichkeiten, für Deine Kampfbereitschaft, Deine Suhrkamp-Treue, laß Dir danken für Deine Treue zu Siegfried und laß Dir danken für Deine Treue zu mir: Du warst eine der ersten, die mich ermutigt und gestützt, die mir vertraut haben.
Was Du Siegfried Unseld bedeutet hast, ist bekannt. Was Du mir bedeutest, habe ich versucht zu sagen. Jetzt laß Dich feiern und bleib uns in all Deiner neuen Freiheit doch erhalten, mit diesem oder jenem Abenteuer – bis hundertzwanzig.








Ein Kommentar
Liebe Henriette, vielmals habe ich versucht wieder mit dir Kontakt aufzunehme. Kennengelernt haben wir uns ca. 1977 mit damals unserem gleichen Nachnamen bei Jürgen +. Wir waren auch zusammen am Ammersee.
Dein Name steht noch an deiner Adresse in Frankfurt. Habe ich immer nur Pech dich anzutreffen, also wenn ich in Frankfurt bin, bist du auf Sylt?? Vielleicht gelingt es über dieses Portal.
Freue mich sehr über eine Nachricht.
LG
Barbara