Sturm überstanden? Unser Kolumnist wartet auf den nächsten – in der Literatur.
„Wenn es bei mir in Ossendorf regnet, regnet es im Buch eben in London“, las ich neulich in einem Interview mit einem Krimiautor. Daß es in Krimis regnen muß, damit die Spuren am Tatort verwischen und der Kommissar übellaunig wird, leuchtet mir ein, da hat ein Held die zu ihm passende Witterung.
Aber wie kommt das Wetter eigentlich in andere Bücher? Bei oberflächlicher literarischer Wetterbeobachtung wird zunächst augenfällig, daß es in den meisten Büchern unserer Klimazone viel zu selten graupelschauert, taubeneigroß hagelt, schneeregnet – verglichen mit dem, was wir Leser auf dem Weg zur Buchhandlung und Stadtbücherei aushalten müssen. Womit man endlich einmal einen unschlagbaren Beweis hätte für den Unterschied zwischen Realität und Kunst und dafür, daß die meisten Schriftsteller Schönwetterautoren sind. Was wiederum verständlich ist, denn gelassene Heiterkeit ist ja die beste Stimmung, mit der Leser eine Lektüre beginnen, und gleich auf der ersten Seite einen kalten Schauer auf sie niedergehen zu lassen – dafür braucht es schon einen Autor mit dem Selbstbewußtsein eines Wettergottes, einer Macht, die Wolken bewegen kann.
Die Autoren der Bibel schöpfen noch aus dem Vollen. Ihre Sintflut, das war noch Wetter, das sich der Kultur eingeprägt hat: Zum Beispiel in dem Gedanken, daß der Mensch den Gewalten der Natur schutzlos ausgesetzt ist – was über Jahrtausende auch seine Richtigkeit hatte.
Aber spätestens zu Zeiten des Gartenhausbesitzers Goethe kam der Wetterumschwung. Erinnert sei an die berühmte Szene in den „Neuen Leiden“, wenn Lotte und Werther am Fenster stehend das Gewitter regelrecht genießen und Lotte das Codewort „Klopstock“ flüstert, um damit den Dichter zu benennen, der in seinen Texten die Erhabenheit des Naturschauspiels pries.
Das Beispiel machte Schule, kaum ein großer Roman des 19. Jahrhunderts verzichtet auf die in der Malerei schon seit dem 16. Jahrhundert bekannte, panoramahafte Landschafts- oder Stadtdarstellung. Und zu denen gehört nun mal das Wetter, das bald die ganze Atmosphäre eines Buches bestimmen konnte. So beginnt Charles Dickens’ Roman „Bleakhouse“ mit einer seitenlangen Beschreibung des Londoner Nebels, als Symbol für die Undurchsichtigkeit eines Rechtsstreites. Diese Schilderung ist so dicht, daß der Nebel lange vor den Edgar Wallace-Filmen in unser Londonbild gewabert ist, so daß jeder Tourist meint, er sei am falschen Ort, wenn die Sichtweite am Trafalgar Square über 100 m liegt oder der aus den Krimis bekannte Regen ausbleibt.
Aber noch mal zurück zur Natur. Bemerkenswert ist die geringe Zahl von literarischen Büchern über die Umweltschäden der letzten Jahre. Mir fällt eigentlich nur Frank Schätzings „Der Schwarm“ ein, aber da geht es um eine nichtmenschliche Intelligenz, die es Katzen, Hunde und Schlimmeres regnen läßt, um für spannende Unterhaltung zu sorgen.
Aber haben Sie schon mal einen ernsthaften Roman über das Ozonloch, die globale Erwärmung, das Aussterben der Arten gelesen? Wo sind die Robin Woods der Literatur? Welcher Schreibtisch ist von Greenpeace besetzt? Dabei zweifelt doch niemand daran, daß das die von uns verursachten Klimaveränderungen die Probleme der zukünftigen Menschheit sein werden.
Vielleicht ist den Autoren das Wetter, das täglich vorausausgesagt wird, zu unwichtig geworden, zumal es in jüngster Zeit auch noch Namen hat, die käuflich sind.
Mein Lieblingswetterfeenname ist seit Kindheitstagen Frau Holle. Nicht weil sie die Welt mit Schnee bedeckt, sondern weil sie dazu Federkissen ausschüttelt. Was für ein schönes, weiches Bild. Es behagt auch den wetterfühligsten Lesern. Überhaupt gilt für alle Buchmenschen doch: Scheint die Sonne, sitzen wir im Park, regnet oder schneit es, sitzen wir im Sofa beim Tee.
Die Welt ist egal. Wenn es nur nicht manchmal so ziehen würde von da draußen.
Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.
Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de
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