„Die angekündigten Alleingänge Bayerns und Nordrhein-Westfalens bei der Rechtschreibreform sind weder politisch noch inhaltlich nachvollziehbar“, kritisiert der Branchenverband der Schulbuch- und Bildungsmedienverleger, der VdS Bildungsmedien e.V., heute die Entscheidung der Ministerpräsidenten Stoiber und Rüttgers [mehr…] aus der gemeinsamen Beschlusslage der Ministerpräsidenten- und der Kultusministerkonferenz (KMK) auszuscheren.
Dies sei umso ärgerlicher, als der Streit um die Reform nach langen Jahren und auch durch die Arbeit des von der KMK eingesetzten Rechtschreibrates erstmals auf dem Weg eines Kompromisses zwischen Gegnern und Befürwortern war. „Stattdessen hat die Entscheidung der beiden Ministerpräsidenten die alten Grabenkämpfe um die Reform wieder neu eröffnet – mit zwei oder drei Ländern auf der einen und der großen Mehrheit der Ländern auf der anderen Seite,“ betont VdS-Geschäftsführer Andreas Baer. Von einer Kompromissfindung zwischen Gegnern und Befürwortern scheine man nun wieder so weit entfernt zu sein wie vor einem Jahr, als durch den Beschluss des Springer Konzerns, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, die Medienlandschaft in „Alt“- und „Neu-Schreiber“ gespalten wurde, befürchtet Baer: „Dabei brauchen die unmittelbar Betroffenen – die Schüler, Lehrer, Eltern wie auch die Schulbuchverlage – nicht ein weiteres „Chaos-Kapitel“ in Sachen Rechtschreibreform, sondern endlich Sicherheit, Planbarkeit und ein Ende der Diskussion um ‚Delphin‘ oder ‚Delfin‘, um sich auf die eigentlichen Probleme der erfolgreichen Reform von Schule und Unterricht konzentrieren zu können“. Der VdS Bildungsmedien fordert die beiden Ministerpräsidenten auf, zu der gemeinsamen, auch von ihnen selbst noch kürzlich bestätigten Beschlusslage zurückzukehren und den Teil der Reform unverzüglich in Kraft zu setzen, der innerhalb der KMK völlig unstrittig ist.
Die Entscheidung Bayerns und Nordrhein-Westfalens ist umso unverständlicher als sie in ihren Konsequenzen praktisch folgenlos ist: Die gemeinsame Beschlusslage der Länder sieht vor, dass die seit nunmehr fast neun Jahren in den Schulen gelehrte Reform zum 1. August alternativlos in Kraft tritt, und nur noch bei den umstrittenen Reformteilen wie der Getrennt- und Zusammenschreibung Toleranz gegenüber den alten Rechtschreibregeln geübt wird. In Bayern und NRW soll es nun über den 1.8. hinaus so sein, dass alle durch die Reform überholten Schreibungen nach den alten Regeln zwar angestrichen, aber nicht als falsch gewertet werden sollen. Da die heutige Schülergeneration aber keine anderen als die neuen Rechtschreibregeln gelernt hat, dürfte dies nach Einschätzung des Verlegerverbandes im Schulalltag fast keine Rolle spielen. Umso mehr drängt sich dem Verband der Verdacht auf, dass hinter der publicitywirksamen Ankündigung der beiden Länder ein Manöver im angelaufenen Bundestagswahlkampf steckt. Dafür nimmt man dann in Kauf, sich national und international zu isolieren, da sich die überwiegende Mehrzahl der Bundesländer wie auch die Schweiz und Österreich diesem Weg nicht anschließen werden.
Die Schulbuch- und Bildungsverlage haben bereits seit geraumer Zeit ihre gesamte Titelproduktion mit einem finanziellen Riesenaufwand auf die neuen Schreibweisen umgestellt, sodass heute alle Schulbücher und Unterrichtsmaterialien in neuer Rechtschreibung auf den Markt kommen. Die Verlage bereiteten sich aktuell darauf vor, die vom Rat für deutsche Rechtschreibung beschlossenen Neuerungen bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sukzessive in die Lehrwerke aufzunehmen. Insofern werden die 77 vom VdS Bildungsmedien vertretenen Unternehmen erneut ökonomisch durch die Rechtschreibreform belastet. Plötzliche Richtungswechsel der Politik wie die Einführung des achtjährigen Gymnasiums in Bayern oder die Abschaffung des Fachs Naturwissenschaften in NRW haben bei den Schulbuchverlagen Fehlinvestitionen in Millionenhöhe verursacht. Von einem Tag zum anderen und kurz vor der Marktreife der Produkte wurden durch neue Rahmenbedingungen die Investitionen wertlos und können vollständig abgeschrieben werden.
Der VdS Bildungsmedien hält es für zwingend geboten, dass die Politik wieder Rechts- und Investitionssicherheit herstellt: „Die Schreibregeln sind kein politisches Wunschkonzert und können nicht nach Wahlkampflaune permanent verbogen werden.“ Die Bildungspolitik muss durch ihre Entscheidungen auch Vertrauen herstellen, weil Schüler, Lehrer und Verlage nicht im Chaos unterrichtet werden oder produzieren können.







