Hans Marquardt (geboren am 12. August 1920), bis 1986 Verleger von Philipp Reclam jun. in Leipzig, ist vor einer Stunde gestorben. Er wurde 84 Jahre alt.Wir trauern um einen der ganz großen Verleger der Nachkriegszeit.
Marquardt hat 34 Jahre den Leipziger Traditionsverlag geleitet, daneben fast 100

Werke als Herausgeber betreut. Hier im Westen nicht überall so präsent: In der früheren DDR war er eine ähnlich bedeutende Verlegerfigur wie in der Bundesrepublik etwa Heinrich Maria Ledig Rowohlt.
Und er war ein Mann, an dem auf ganz besondere Weise über viele Jahre das eigenartige deutsch-deutsche Verhältnis deutlich wurde. Er leitete nicht nur mit Reclam einen deutsch-deutsch gespaltenen Verlag, sondern hatte einen Bruder, der wie er Karriere gemacht hatte: Allerdings auf der anderen Seite, hier bei uns im Westen, als leitender Redakteur beim damaligen DDR-Feind Axel Springer. Sein langjähriger Freund Heinz Biehn (damals bei KiWi Verlagsleiter) : „Leider ist dieser ur-deutsche Filmstoff nie verfilmt worden.“
Hans Marquardt hat, wie sein Weggefährte Friedrich Pfäfflin (lange Jahre Leiter der Museumsabteilung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach) über ihn sagt: „Bücher gemacht, mustergültige Bücher, die das Gleichgewicht hielten zwischen den geistigen und der technischen Ökonomie“. „Er hat mit den kleinen, wohlfeilen Pfunden der Reclam’schen Universalbibliothek gewuchert und ihr Terrain erweitert vom Gebrauchsbuch zum Sachbuch, vom Lesebuch zur Leseausgabe, die Schule gemacht hat. Die Klassiker der russischen Avantgarde erhielten Heimrecht in der RUB und, ‚die schönen Bücher‘, in denen sich die zeitgenössischen Maler und Graphiker ihrer unzeitgemäßen Contemporains versicherten, wurden mit Sachkenntnis und Leidenschaft glücklich und geschickt zu einem Verlagsprogramm entwickelt, dessen Programmatik auf der einen Seite und dessen Exotik auf der anderen Seite unter jeweils anderen Voraussetzungen, aber im nämlichen Druck, den Lesern in beiden Deutschland vor Augen kamen.“
Besondere Verdienste erwarb sich Marquardt um das illustrierte Buch in Deutschland. Mit der von ihm begründeten Dürer-Presse setzte er Maßstäbe – und fand, erstaunlich genug für DDR-Verhältnisse – stets auch westdeutsche Kooperationspartner wie z.B. die Büchergilde Gutenberg.
In den letzten Jahren hat er sich in seinem Haus in Putbus auf Rügen nicht etwa zur Ruhe gesetzt: Zehn Jahre wirkte er mit dem ihm eigenen Temperament im Vorstand der Rügener Kulturstiftung und hat mitgeholfen, eine einzigartige Kunstsammlung zusammenzutragen.
Die Lebensdaten im Überblick
Hans Marquardt, geboren 12.8.1920,
1947 Redakteur beim Sender Leipzig, Studium an der Universität Leipzig;
Juni 1953 Cheflektor beim Verlag Philipp Reclam jun.,
Juni 1961 Verleger;
1963 die ersten Bände der neugestalteten Universal-Bibliothek;
1967 Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig für den Reclam Verlag;
1977 Gutenberg-Preis für Hans Marquardt;
1980 erste Edition der Dürer-Presse;
1982 Wahl ins PEN-Zentrum der DDR;
1985 Ehrendoktor der Universität Leipzig und Nationalpreis der DDR;
1987 Ausscheiden bei Reclam.
Herausgeber von ca. 100 Büchern und Mappenwerken, u.a. von Mattheuer, Tübke, Grieshaber.