
Heute wird Arno Lustiger, dessen Autobiographie „Sing mit Schmerz und Zorn“ in wenigen Tagen bei Aufbau erscheint, 80 Jahre alt. Der gebürtige Pole überlebte die KZs Buchenwald und Auschwitz. Seit 1945 lebt er als freier Schriftsteller und Publizist in Franfurt am Main, ist Mitbegründer der dortigen Jüdischen Gemeinde und Ehrenvorsitzender der Zionistischen Organisation in Deutschland. Für ihn hat sein Verleger Bernd F. Lunkewitz vor einigen Tagen in der Verleger-Villa in Frankfurt vor einem kleinen Freundeskreis eine Rede gehalten, die wir hier aus diesem Anlass abdrucken:
Arno Lustiger hat ein neues Buch geschrieben und der Aufbau-Verlag ist stolz, es heute der Öffentlichkeit vorzustellen. „Sing mit Schmerz und Zorn, Ein Leben für den Widerstand“ Dieses Buch gibt einen Einblick in sein Leben und seine Leistungen, mehr nicht. Aber das ist auch viel, denn bei einem an Erfahrung, Geist und Seele so reichen Menschen sprengt das wirkliche erlebte Leben jedes Buch.
Arno Lustiger wird am 7. Mai Geburtstag haben, er wird dann 80 Jahre alt, obwohl man das gar nicht glauben kann, wenn man diesen kraft- und humorvollen „Mann in den besten Jahren“ so vor sich sieht. Dabei könnte er mein Vater sein und in einer gewissen Weise ist er es auch, denn er ist mein Vorbild, ich bewundere seine edle Haltung, seinen Mut und seine geistige Kraft und ich bin stolz auf seine Freundschaft.
Arno ist so alt wie meine Mutter, die am 24. Mai auch 80 Jahre alt wird und nur 9 Jahre jünger als mein Vater, der am 2. Mai 89 Jahre alt geworden wäre. Aber während meine Mutter relativ behütet den Krieg überstand und mein Vater das Glück hatte, fast die gesamte Zeit des Krieges als Soldat im fernen und relativ ruhigen Zypern zu überstehen, ging Arno und seine Familie durch die Hölle der Konzentrationslager und der Verfolgungen durch den deutschen Staat.
Wie die meisten Deutschen haben sich meine Eltern auch nach dem Krieg mit den deutschen Verbrechen nur wenig auseinandergesetzt. Auf die Frage, warum habt ihr nichts gegen die Nazis unternommen, warum habt ihr das Unrecht geduldet, haben meine Eltern nie eine befriedigende Antwort gefunden.
Sie haben diese Dinge verdrängt, weil sie damals, wie fast alle Deutschen, zwar ungefähr wussten, was den Deutschen und anderen jüdischen Glaubens und den anderen rassisch verfolgten geschah, aber lieber wegsahen und glauben wollten, dass niemand helfen könne. Es reichte ihnen schon, nicht persönlich in die Verbrechen verstrickt zu sein.
Mir hat das nie gereicht. Auch wenn es unmöglich ist, die Gründe für den Holocaust rational verstehen zu wollen, denn das Böse, das Unmenschliche des Nationalsozialismus ist letztlich nicht begreifbar, so sind doch alle diese Fragen für mein Leben in diesem Land wichtig gewesen.
Arno Lustiger hat einige dieser Fragen beantwortet:
Er hat festgestellt, was gewesen ist. Er hat die Wahrheit über die Verbrechen aufgeschrieben. Er hat Täter und Opfer benannt. Er hat die Verzweiflung, aber auch den Mut der Opfer beschrieben. Er hat zu der Geschichte des ausgerotteten jüdischen Volkes auch die Geschichte seines tapferen Widerstandes geschrieben. Er hat den jüdischen Kämpfern damit ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Dieses Denkmal ist schon jetzt, zu seinen Lebzeiten, auch sein eigenes geworden.
Arno Lustiger hat es fertiggebracht, in diesem Land weiter zu leben, eine Familie und eine Gemeinde aufzubauen. Darüber ist ihm dieses Land sogar zur Heimat geworden. Lieber Arno, Du hast in diesem Buch geschrieben: „zu Hause bin ich da, wo meine Freunde sind. Und die meisten von Ihnen sind in Frankfurt.“ Heute, lieber Arno, sind einige Deiner Freunde hier. Sei also hier zuhause. Wir wollen mit Dir das Erscheinen Deines neuen Buches feiern und wir freuen uns schon auf Deinen Geburtstag am 7. Mai, und auf noch hoffentlich viele, viele Geburtstage, die wir mit Dir gemeinsam feiern können.