Zu einem Rundumschlag gegen den deutschen Literaturbetrieb hat Elke Schmitters, die – welch geradezu unheimliche Bescheidenheit – sich selber dem deutschen Literaturbetrieb offenbar nicht zurechnet, im SPIEGEL vom 16. Februar ausgeholt, den sie – zur geflissentlichen Erinnerung an die biblische Warnung davor, den Splitter im Auge des Nächsten, nicht aber den Balken im eigenen Auge wahrzunehmen – augenscheinlich über den unseligen „Mechanismus von Mode und Geld“ erhaben glaubt, „dem der Buchmarkt insgesamt folgt“.
Mein Gott, gibt Elke Schmitter den Verlagen, Lektoren, Übersetzern, den Urhebern heutiger amerikanischer Literatur – die Werke von Autor(inn)n aus aller anderen Herren Länder sind, wollte man sie ernst und wörtlich nehmen, reines, unbeflecktes Manna vom Himmel – sowie deren Komplizen vom deutschen Feuilletons Zorres, die ihnen auf den Leim gehen in dem allgemeinen Bohei, das deutschen Lesepublikum mit ungenießbarem geistigen Fast Food vollzustopfen.
Peinlich, möchte man meinen – wäre Elke Schmitters SPIEGEL-Schelte nur nicht etwa so hilfreich und unsubstantiell wie die eines Restaurant-Kritikers, der den hungrig wartenden Gästen die Köche mit einer ausgestopften Ente madig machen wollte. Peinlich, peinlich.
Doch der Reihe nach.
„Dass jeder meint, Englisch zu können, ist mutmaßlich ein Teil des Problems. Denn wie ist zu erklären, dass gerade in diesem Bereich, wo die Auswahl an Übersetzern die größte ist, die Qualität in einem fort sinkt?“ schreibt Elke Schmitter, die – wie etliche Kulturjournalisten gerade im Bereich der Bücher – mit Schnellsch(l)üssen um sich ballert, ohne nur ansatzweise über eine gesicherte Vergleichsbasis zu verfügen.
Ich sehe, wieß Gott, keinen Anlass, die Übersetzer aus dem Englischen en Gros über den grünen Klee zu loben. Wer sich in den Verlagen umtut, kann da hören, dass kaum mehr als zwanzig Prozent aller Übersetzungen für sehr gut, d.h. in jeder Hinsicht tadellos befunden werden. Nur: So war es bereits Anfang der 1970er Jahre, bevor der relativ hektische Druck des heutigen Verlagsgeschäfts spürbar wurde. Adäquate literarische Übersetzungen sind nämlich von jeher ein Problem.
Raymond Chandler, William Faulkner, Graham Greene, Dashiell Hammett,, Herman Melville, John Steinbeck – um bloß ein paar Namen zu nennen – sind im Vergleich zu den von Elke Schmitter erwähnten, angeblich schlechten Übersetzungen großteils geradezu hundserbärmlich mies übertragen worden. Schon vor 25 Jahren hat Francois Bondy einmal bemerkt, die schwache deutsche Rezeption der frühen grosse Werke V.S. Naipauls gehe vor allem auf das Konto seiner Übersetzerin. Im übrigen besteht das Problem – weil literarisches Übersetzen sowohl handwerkliche wie künstlerische Fähigkeiten voraussetzt – mitnichten nur, wie Elke Schmitter unterstellt, für englische oder amerikanische Literatur – siehe frühere Übertragungen von Borges, Chekhov, Colette oder einigen italienischen Werken bis in die 1990er Jahre.
Elke Schmitters pauschale Diffamierung der heutigen Übersetzer(innen) von englischer und amerikanischer Literatur ist schon ein bisschen dreist, ihre Behauptung, dass hier „die Qualität in einem fort sinkt“ ungerechtfertigt. Ich vermute, eher ließe sich wohl das Gegenteil belegen.
Dazu noch ein weiterer Punkt: „Die enorme Konkurrenz gerade bei Übersetzern aus dem Englischen sorgt für sinkende Preise pro Seite und damit für Zeitdruck“ (damit diese Übersetzer überhaupt die für ihren Lebensunterhalt notwendigen Einkünfte erzielen können), schreibt Elke Schmitter. Das ist aus Kreisen gestandener Übersetzer in der Tat manchmal zu hören, gilt jedoch m. E. eher für Unterhaltungsromane und einige Taschenbuchverlage, welche womöglich jüngeren, relativ billigen Nachwuchs bevorzugen; jedoch kaum für literarische Häuser. Der zunehmende Konkurrenzdruck hat im übrigen noch eine andere Ursache: Laut Nachrichten aus literarischen Agenturen kaufen deutsche Verlage seit etwa zwei Jahren deutlich weniger Lizenzen aus Amerika und Großbritannien .
Eine aus Sicht der Übersetzer angemessene Honorierung ist – wie selbst Verleger zugeben, die dabei auf ihre finanziellen Grenzen hinweisen – in der Tat ein Problem, zumal bekanntlich die Lebensunterhaltskosten kontinuierlich steigen. Absolut gesprochen, trifft die Behauptung sinkender Preise pro übersetzter Seite pauschal kaum zu. Die Preise sind – mit heutigem Durchschnitt von 16 bis 20 Euro für literarische Texte – in den vergangenen zehn Jahren wahrscheinlich sogar gestiegen.
Zu guter Letzt ein noch deutlicher auf die Verlage gemünzter Vorwurf: „Andererseits“, schreibt Elke Schmitter, „werden die Lektorate im Verlag zunehmend mit Marketing-Aufgaben belastet. So bleibt keine Zeit, eine Übersetzung derart aufmerksam zu betreuen, wie es immer notwendig ist.“ Die Sache mit den zunehmenden Marketing-Aufgaben für Lektorate stimmt – aber nur für gewisse Konzernverlage. Literarische Häuser leiden gerade darunter, dass die meisten ihrer Lektor(inn)en viel zu wenig über ihre unmittelbare Arbeit hinausdenken. Und die Lektorate sind, gewiss, fast überall zu klein, arbeiten aber mehr als engagiert, oft bis zur Selbstausbeutung – und insbesondere für Übersetzungen steht heute (im Unterschied zu früher) eine große Schar ähnlich gesinnter exzellenter freier Lektor(inn)en zur Verfügung (die zuvor meist fest in Verlagen gearbeitet haben. Ihnen sollte auch endlich einmal die hoch verdiente Anerkennung gezollt werden.) Die Lektorate der deutschen Verlage leisten in der Betreuung literarischer Übersetzungen im allgemeinen gute Arbeit.
Die eigentliche Stoßrichtung des Artikels richtet sich allerdings – ästhetisch – gegen neue junge Autoren aus den USA, denen schon in der Überschrift “Wörterwust statt Sprache“ angekreidet wird. Da bezieht Elke Schmitter freilich nun ihrerseits Importgut. Sie verwertet hier nämlich eine Debatte, die vor etwa anderthalb Jahren in den USA Wellen schlug, dort allerdings einer älteren hochliterarischen Gruppe von Thomas Pynchon und John DeLillo bis hin zu Annie Proulx galt.
Dass Elke Schmitter die neuen Amerikaner nicht mag; dass ihr mittel- und osteuropäische Erzähler lieber sind, ist völlig in Ordnung. Die – überaus umstrittene – US-Kritik an Pynchon & Co. jetzt, zur Begründung ihrer Ablehnung, mir nichts, dir nichts auf jüngere, schließlich doch ein bisschen anders geartete Autoren wie Jonathan Franzen, Nicholas Christopher und Colson Whitehead zu übertragen – das freilich scheint an Chuzpe zu grenzen.
Nun kann man ja, was man nicht mag, übergehen und vergessen. Was stört also Elke Schmitter daran? Es ist folgendes: „Literatur aus den USA und der englischsprachigen literarischen Welt (wie Indien, Großbritannien, Südafrika) wird von den Verlagen gekauft, übersetzt und verkauft wie im Fieber. Es vergeht keine Saison ohne die verzückte Entdeckung eines rastagelockten Debütanten, eines Mädchens aus den Elendsvierteln“ etc. etc.
Gewiss, aber: Lektoren und Verleger sind per Beruf Entdecker, immer wie „im Fieber“ auf der Suche nach vielversprechenden neuen Autoren – sie müssen es sein, und wären sie es nicht, würden DER SPIEGEL und die Feuilletons vorab ihnen ganz schön einheizen. Dass sie sich dabei auf die anglo-amerikanische Literatur kaprizieren, ist freilich eine Mär – etwas, das möglicherweise vor zwanzig, dreißig Jahren zugetroffen haben mag, aber längst passé ist (und selbst für den Unterhaltungssektor so ganz nicht mehr gilt). Debuts, die hoch promotet werden, kommen heute auch anderswo her, beispielsweise aus Spanien, Lateinamerika, Italien, Frankreich, den Niederlanden, aus Skandivanien, sogar aus Mittel- und Osteuropa – aus Ländern und Sprachen, um die deutsche Verlage früher– so lang ist’s noch gar nicht her – manchmal eher einen großen Bogen machten. Und was ist mit den vielen hiesigen Debüts von Saison zu Saison? John Henry Days ist übrigens nicht mal Colson Whiteheads Erstling; der ist hier zu Lande sang- und klanglos untergegangen. Wie so mancher von anderen Autoren…
Und wird denn von deutschen Verlagen, wie Elke Schmitter uns suggeriert, wenn nicht ausschließlich, so hauptsächlich anglo-amerikanische Literatur wie im Fieber „verkauft“?
Werfen wir nur mal – es geht bei Elke Schmitter schließlich um mit besonderem Aplomb, Aufwand und Erfolg verlegte Literatur – rasch einen Blick auf die Bestsellerliste vom 12. Februar aus Elke Schmitters eigenem Hause; registrieren wir die Romane, die als Literatur (d.h. nicht als bloße „Unterhaltung“) gezählt werden könnten, Werke folglich, die – wie Elke Schmitter beklagt – auch vom Feuilleton besonders unterstützt werden:
Auf den ersten 50 Plätzen befinden sich Werke von Autor(inn)en
aus Russland – 1
aus Lateinamerika – 2
aus Frankreich – 2
aus Skandinavien -2
aus dem nicht-amerikanischen englischen Sprachraum – 3
(davon zudem aus dem recht erzählerisch eigenständigen Irland – 2)
aus den USA – 2
aus deutschsprachigen Landen – 5.
(Im übrigen kommt bei den Taschenbuch-Bestsellern nur ein literarischer Titel aus den USA, einer aus Mitteleuropa – gegen 5 deutschsprachige Romanen (und 5 aus Skandinavien).
Aber, schreibt Elke Schmitters, „Autoren aus Amerika erwarten hohe Vorschüsse, die müssen hereingespielt werden, der Verlag gibt noch einmal so viel Geld aus für Werbung und Lesereisen – und, o Wunder, die Rechnung geht oft genug auf.“
Einspruch, Euer Ehren.
Erstens geht die Rechnung mit hohen Vorschüssen selten genug aus. Eine Daumenregel der 1970er Jahre, als die moderne Bestsellerei in Deutschland begann, bestätigt sich bis auf den heutigen Tag immer wieder: Die von vornherein als Bestseller teuer eingekauften und gemanagten Titel erweisen sich etwa zu 80 Prozent als Flops.
Zweitens: Dass der Verlag noch einmal so viel Geld in die Werbung steckt, war eine Idealforderung kluger Marketing- und Vertriebsleute, um die Waghalsigkeit gewisser Programm-Macher zu zügeln und ihnen das Risiko unbedachter Rechte-Einkäufe vor Augen zu halten. Im übrigen herrscht bei der Werbung heute der Rotstift. Es ist geradezu ein Kernproblem der Buchbranche geworden, dass die Werbebudgets entschieden zu klein sind. Sogar für ziemlich sichere Erfolgstitel geht es selten über 25.000 Euro hinaus – ich weiss von einem Verlag, der selbst für ein Buch, das mit einem Vorschuss von einer halben Million Euro eingekauft wurde, dann keine einzige Publikumsanzeige schaltete.
Drittens: „Lesereisen“, das ist wohl war, sind heute „in“ – freilich für Autor(inn)en jeder Herkunft, für sie lohnend erscheinen; insbesondere jedoch wohl für deutschsprachige Schriftsteller(inn)en. Denn für fremdsprachige ist (schon wegen der Anreise und der Übersetzung) der Aufwand gewaltig; abseits einiger weniger Großstädte ist mit wenig Publikum zu rechnen; die Medien, auf die bei Lesereisen nicht zuletzt gezielt wird – Zeitungen, Rundfunk, vor allem aber das immer wichtigere Fernsehen – tun sich mit Autoren, die nicht Deutsch sprechen, schwer.
Außerdem: Presse- und Feuilletonkampagnen hat es bei Philip Roth, John le Carré, Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides, Colson Whitehead wie so manchen anderen ausländischen Schriftsteller(inne)n gegeben. Allerdings ebenso bei Henning Mankell, Hoeullebecque, Harry Mulisch, Irina Ulitzkaja… Und am häufigsten bei neuen Werken deutschsprachiger Autoren: Ich will aus jüngerer Zeit nur erwähnen: Christa Wolf, Urs Widmer, Ingo Schulze, Raoul Schrott, Sven Regener, Christopgh Peters, Georg M.Oswald, Michael Kumpfmüller, Wladimir Kaminer, Zoe Jenny, Judith Hermann, Wolf Haas…
Bleibt der große Vorwurf Elke Schmitters gegen die „hohen Vorschüsse“ der deutschen Verlage für amerikanische Autoren.
Sie nehmen, ausgenommen für einige wenige etablierte Star-Autoren (eigentlich nur mehr Unterhaltungsbereich), deutlich ab. Ihre Zeit scheint vorbei. Was jedoch bislang ungebrochen bleibt: die Erwartung hoher Vorschüsse seitens deutscher Autoren und ihrer Agenten wie die Bereitschaft der Verlage, sie auch zu zahlen.
Lassen wir die Damen und Herren hier mal ungenannt. Bei zwei mir bekannten Autoren betrug der Vorschuss (für ein noch ungeschriebenes bzw. nur teilweise fertiges Werk um die 500.000 Euro. Eine recht junge Autorin erhielt – auf Grund eines dünnen Exposés – für den nächsten Roman an die 250.00 Euro. Ein ebenfalls jüngerer deutscher Schriftsteller forderte und bekam für seinen zweiten Roman 200.00, eine Schriftstellerin 150.000 Euro. Ein Vorschoss zwischen 40.00 und 50.000 Euro ist selbst für Literaten mit bereits zwei, drei oder vier Romanen, von denen je unter 3.000 Exemplare verkauft wurden, eher die Regel. Es ist junge deutsche Literatur, die von den Verlagen gekauft und verkauft wird im Fieber. Elke Schmitter hätte es wissen können und müssen. Sie verkehrt in Verlags- und Agenturkreisen. Sie hat zwei Romane geschrieben. Sie hat selbst einen überaus tüchtigen Literaturagenten.
Aber was haben denn Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen von Rowohlt, was hat Colson Whitehead von Hanser an Vorschuss bekommen? Ich kenne die genauen Zahlen. Ich glaube, wie andere auch, gehört zu haben, welchen Vorschuss Elker Schmitter für ihren zweiten Roman bekam.
Er lag wohl um rund 50 Prozent über dem, was Eugenides für seinen ersten Roman bekam. Er war, wenn ich recht unterrichtet bin, rund sechsmal so hoch wie der von Colson Whitehead und betrug etwa das Siebenfache des Vorschusses für die Korrekturen von Jonathan Franzen.
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