Dass so viele Kulturredakteure die wirtschaftlichen Bedingungen des Kulturguts Buch nicht verstehen, ist ein Ärgernis. Wenn ein Artikel zur Buchbranche im Wirtschaftsteil einer führenden Tageszeitung nicht mal Klippschul-Wissen verrät, wird es unbegreiflich – wie gestern in der Süddeutschen Zeitung.
Der Text fängt ja richtig an. Der Weltbild-Konzern wächst und wächst, er verzeichnet zweistellige Wachstumsraten, und in drei Jahren will Carel Halff die Zahl der Weltbild-Plus Filialen von den heutigen 246 auf 350 erhöhen. Carel Halff, der das geniale Geschäftsmodell – ein in allen Filialen gleiches, kleines Angebot von vielleicht 2000 Kochbüchern, Ratgebern und Bestsellern, das einen Grundbedarf breiter Kreise abdeckt- entwickelt und konsequent umgesetzt hat, gebührt Bewunderung. Bald geht’s jedoch gefährlich durcheinander.
Das Angebot der Weltbild-Plus-Filialen erfolge, so die SZ, „immer zu Kampfpreisen um bis zu 50 Prozent unter dem Preis anderer Buchhandlungen“.
Moment mal.
In Wahrheit ist es doch wohl so:
(1) Das reguläre Buchhandelssortiment wird von den Weltbild-Plus-Läden doch kaum geführt. Folglich können die Preise der Bücher in den Weltbild-Plus-Läden auch nicht „bis zu 50 Prozent unter den Preisen anderer Buchhandlungen“ liegen.
(2) Bei Weltbild-Plus gibt es eine Reihe Lizenzen von Verlagswerken, die so genannten „Reader“, Sonderausgaben in billigerer Ausstattung zu entsprechend niedrigerem Preis, die Weltbild exklusiv nur für sich produziert und die deshalb nirgends sonst zu kaufen sind – und darum mit den höherwertigeren und demgemäss –preisigen Titeln in den anderen Buchhandlungen nicht vergleichbar sind.
(3) Der größte Teil des Weltbild-Plus-Angebots besteht aus Restbeständen der Verlage – Ramsch, wie man früher sagte – und nachproduzierter Ware – „Modernes Antiquariat“ – von Titeln, die bei ihren ursprünglichen Verlagen ausgelaufen sind, im Buchhandel also in ihrer Originalform nicht mehr existent sind Wie soll es da „Kampfpreise bis zu 50 Prozent unter den Preisen anderer Buchhandlungen“ geben können?
Carel Halff darf das natürlich sagen, und es mag erfolgreiche Werbung sein. Doch im Wirtschaftsteil einer Zeitung – in Form redaktioneller Berichterstattung oder auch eines Zitats, das nicht hinterfragt wird? O je. Trau schau wem.
Ramsch und Modernes Antiquariat sind übrigens bekanntlich auch sonstwo zu finden. Das macht aber noch keine – zumindest im Branchen-Wortsinn – Buchhandlung aus. Um es mal auszusprechen: Die Weltbild-Plus-Filialen sind eigentlich auch keine Buchhandlungen, Bei ihrem Angebot (siehe oben) .handelt es sich- nach heutigem Branchenverständnis – um „Nebenmärkte“.
Gegen Nebenmärkte für Bücher lässt sich nichts einwenden. Doch wenn Carel Halff – auch da von der SZ unwidersprochen – solchen Nebenmarkt gewissermaßen zum Masstab für das ganze Buchgewerbe macht, indem er fordert, Bücher müssten insgesamt billiger werden, ist seine Logik löchrig.
Man kann auch mit billigen Büchern Geld verdienen, sagt er. Klar, für den Nebenmarkt gilt das – Ramsch und Modernes Antiquariat kauft er schließlich auch für peanuts ein, so dass seine Margen nicht geringer sein müssen als sie es bei regulären Büchern für den guten alten Buchhandel sind. Aber Buchhandlungen mit breitem Sortiment, wo ein Kunde auch einzelne, nicht vorrätige Titel bestellen kann, die er braucht – die, kurzum: die Nation entsprechend ihrer vielfältigen Wünsche mit Büchern versorgt – sind erheblich kostspieliger zu führen. Und originales Verlegen bedingt, mit beträchtlichen Risiken, hohe Entwicklungskosten, mit hohen Werbe- und Vertriebskosten wie hohen Autorenhonoraren, wie sie fürs Moderne Antiquariat nicht anfallen.
Die Bücher sind, alles in allem, bei uns keineswegs zu teuer. Die meisten sind sogar, auf jeden Fall im Publikums- und Ratgeberbereich, unterkalkuliert. Würden die Preise, wie Carel Halff fordert, um bis zu zwanzig Prozent gesenkt, würden die meisten Bücher mit kleinen Auflagen (bis zu 5.000 oder gar 10.000 Exemplaren) wirtschaftlich überhaupt nicht mehr machbar sein. Sollen denn nur mehr von vornherein als „Bestseller“ ruchbare Titel verlegt werden, wie sie für Weltbild-Plus-Läden brauchbar sein könnten?
Der Artikel in der SZ ist letzten Endes ideologisch. Carel Halff ist gegen die Preisbindung für Bücher in Deutschland. Das ist sein gutes persönliches Recht. Nur: Seine Argumente sind unhaltbar. Und wenn er meint, ohne festen Ladenpreis würden die Bücher billiger – auch das stünde nur für „Bestseller“, also Massenware zu erwarten. In Ländern ohne festen Ladenpreis sind Bücher insgesamt, titelbezogen, meines Wissens übrigens teurer als bei uns – und dort, wo die Preisbindung fiel, wie in Skandinavien, teurer geworden.