
Den Bertelsmann Club haben die Sortimenter im Börsenverein schon etliche Male aufs Horn genommen. Dass sie ernsthaft gegen den Buchversender Weltbild angehen wollen, ist ein Novum.
Unvergesslich die Szene, als Christian Strasser wegen John Grisham – einem Autor, den der Buchhandel in Deutschland zu einem Star-Erfolgsautor gemacht hat – zu Kreuze kriechen musste, weil er dem Club für Grishams Die Farm die Premiere überlassen hatte. Groß – zu Recht – das Geschrei der Sortimenter, als der Club jüngst für Hillary Clintons Gelebte Geschichte eigenmächtig die Regeln des Potsdamer Abkommens verletzte.
Noch größer das entsetzte Erstaunen, als der Börsenverein darauf mit der Überlegung reagierte, nicht den Club abzumahnen, sondern das Potsdamer Abkommen in Frage zu stellen und die entsprechenden Regeln neu – zugunsten des Clubs – zu definieren. Wenn ich mich nicht täusche, war es das, was den Sortimenterausschuss, sicher auf Grund des Unmuts an der Basis, aus seiner bisher schlafend inaktiven Haltung gegenüber Weltbild aufgeschreckt hat. Oder haben sie sich in wichtigen diesbezüglichen Entscheidungen des Börsenvereins von der Verlegerseite überrumpeln lassen?
Ich kenne viele Sortimenter und etliche Verleger, die nie verstanden haben, warum der Börsenverein in der Frage der „Reader“ einen Branchenkonsens zugunsten von Weltbild ausgehandelt hat – sofern es überhaupt ein echter Konsens, der auch die Basis einbegriff, und nicht bloß ein Nachgeben der Gremien gegenüber einem starken Marktteilnehmer und den mit ihm verbundenen Nutznießern war. Denn dieser „Konsens“ bedeutete eine deutliche Benachteiligung des Clubs und musste ihn reizen. Genauso wie er, eigentlich in noch höherem Maße, auf Dauer einen Wettbewerbsnachteil des Sortiments zur Folge hatte.
Hintergrund: Bei aller noch immer bestehenden Bedeutung des Clubs für Lizenzeinnahmen ist Weltbild in der Breite für die Verlage ein ganzes Stück wichtiger. Das Ausmaß dieser Verschiebung wird durch die Tatsache signalisiert, dass manche Verlage in bestimmten Programmsegmenten ein Drittel ihres Umsatzes mit Weltbild (und Weltbild Plus) machen. Es ist diese Größenordnung, die erklärt, warum Weltbild zumindest mancherorts – angeblich oft mit Erfolg – 60 Prozent fordert. Es ist die Tatsache, dass viele Verlage eine Lizenzentlastung für die hohen Vorschüsse heute weniger beim Club als mehr bei Weltbild erreichen, dass sie Weltbild-Neuerungen wie den „Reader“ unterstützt haben. Und unterstützen.
Das ist nämlich auch der Hintergrund für die Reaktion der Verleger auf das Ansinnen des Sortimenterausschusses, die bisherigen Leitlinien für „Reader“ in Frage zu stellen. Jürgen A. Bach hat als Vorsitzender des Verlegerausschusses im Börsenverein sofort erklärt, dass sie für ihn „nicht zur Diskussion“ stehen. Ein eklatanter Spartenkonflikt im Börsenverein – nur: neu ist er nicht, er wurde bis dato bloß überkittet.
Er wird die Frage anheizen, ob der Börsenverein, wie bisher, Verleger und Handel unter einem Dach vereinen sollte. Doch eine Aufspaltung wäre falsch, und sie würde nichts bringen außer einer Beschädigung der Branche im Vertreten ihrer Belange gegenüber der Politik und in der Öffentlichkeit. Der allergrößte Konflikt steht nämlich noch bevor, er beginnt sich eben erst laut abzuzeichen. Er betrifft die unterschiedlichen Interessen innerhalb des Buchhandels. Das expansive Verhalten der Großen ist mit den Anliegen der Kleinen auf keinen gemeinsamen Nenner mehr zu bringen, da wird es schon bald keine gemeinsame Verhandlungsbasis mit den Verlagen mehr geben.
Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de