Eineinhalb Jahre gab es Osiander media, eine 600 Quadratmeter große, auf den Bereich Neue Medien und Jugendbuch spezialisierte Altstadt-Zweigstelle der umsatzstärksten Tübinger Buchhandlung. Nach dem Auszug des letzten Relikts der dort einmal ansässigen Firma Elektro Mayer, des Sony-Shops „On-Off“ (ging in die Firma Expert über), sind jetzt 300 Quadratmeter dazugekommen. Mit ihnen haben sich Name und Status der Buchhandlung verändert: Osiander Metzgergasse bietet seit dem 20. Oktober ein Vollsortiment, ist damit zur vollwertigen Schwester der Hauptfiliale an der Wilhelmstraße geworden.
In der Stadt hat man nun sogar 50 Quadratmeter mehr Verkaufsfläche als in der Wilhelmstraße, wo aber auch in Zukunft der meiste Umsatz gemacht werden wird, so Geschäftsführer Hermann-Arndt Riethmüller. Denn dort liegt nach wie vor der Schwerpunkt der finanziell stark zu Buche schlagenden Universitätsbuchhandlung. Auch „Osiander Metzgergasse“ behält seinen Schwerpunkt: Neue Medien und Jugendbücher findet man zukünftig nur in der Altstadt.
Der Einzug in der Metzgergasse vor eineinhalb Jahren hatte zwei Gründe: Zum einen war es dem expandierenden Familienunternehmen in der Wilhelmstraße zu eng geworden. Zum anderen suchte man verstärkte Präsenz in der Stadt, vor allem, um den Anschluss an die Käuferschaft von Software, EDV-Büchern, Internet-Guides, Computer-Sprachkursen und ähnlichem nicht zu verpassen. Eine eher junge Kundschaft, der ein womöglich ungewohnter Weg in die Buchhandlung leichter fällt, wenn man, in der Stadt unterwegs, sowieso daran vorbeikommt.
Von Anfang an war man also auf die städtische Laufkundschaft eingestellt. Aber offensichtlich nicht im vollen Umfang: „Immer wieder haben sich Leute beklagt, dass sie hier nicht alles bekommen können“, so Riethmüller zu den Motiven der jetzigen Umgestaltung. Die Dringlichkeit der Kundenwünsche hätte die Buchhandlung überrascht, die Entwicklung sei so nicht abzusehen gewesen.
Die Konkurrenz indes hatte sie frühzeitig vorausgesehen. Erich Schönleben von der Buchhandlung Beneke (er hatte allerdings selbst ein Auge auf die Räume von Elektro Mayer geworfen) prophezeite Ende 1999: „In absehbarer Zeit wird der ’Riese’ Osiander in der Altstadt ein Vollsortiment betreiben.“ In einem TAGBLATT-Streitgespräch mit Tübinger Buchhändlern drei Monate später wollte auch Riethmüller nicht mehr ausschließen, dass schließlich das komplette Sortiment in das Fachwerkhaus gegenüber dem Nonnenmarkt wandern könnte.
Das Unbehagen der Tübinger Buchhändler an der Osiander-Erweiterung hat sich seither zwar nicht gelegt, virulent scheint es momentan nicht mehr. Inwieweit Rückgänge im Verkauf mit der Konkurrenz zu tun hätten, ließe sich schlecht feststellen, heißt es im Hause Gastl, wo man die jetzige Entwicklung von „Osiander media“ auch schon „von Anfang an erwartet“ hatte und außerdem: „Es hilft ja nichts.“
Vom Blick der Konkurrenz zum Blick des Kunden, zum Innenleben der umgestalteten Buchhandlung: Zusätzlich zum neu gewonnenen Platz wurden Trennwände abgebaut, beides schafft eine für Buchhandlungen ungewohnt helle, freundliche und geräumige Einkaufsfläche, die sich nun über fünf Geschosse hinzieht. Das frei gewordene untere Zwischengeschoss ist jetzt das Reich der Ratgeber aller Art, angefangen vom boomenden Gesundheits- und Wellnessbereich über Psychologie, Philosophie zur nach wie vor gefragten Esoterik. Postkarten und alles zum Thema Schwaben komplettieren das Angebot.
Im Untergeschoss ist die Abteilung Musik/Theater/Film untergebracht, außerdem Romane, Hörbücher und Biografien. Anglophile und Antiquaphile kommen hier bei englischsprachigen Taschenbüchern und dem Modernen Antiquariat auf ihre Kosten. Im oberen Zwischengeschoss gibt es alles zu den verschiedensten Hobbys, im ersten Obergeschoss haben sich zur EDV- und Softwareabteilung die Abteilungen Reise, Kunst und Architektur gesellt. Desweiteren alles, was mit dem Thema Lernen zu tun hat.
Im Erdgeschoss befindet sich die Kinder- und Jugendbuchabteilung, außerdem alles, was aktuell ist und den Touristen interessieren könnte, also Newseller, Bestseller und Tübingen-Literatur. Dass im neuen Osiander von Windows 98 über Comics bis hin zu Computerspielen mit zusätzlich mitgelieferten Bauklötzen oder – je nach PR-Einfall der Verlage – auch mal Harry-Potter -Söckchen feilgeboten werden, stört Hermann-Arndt Riethmüller nicht, „solange das Buch im Zentrum steht“. Davon abgesehen sei man vom Markt abhängig, der Kunde verlange eben auch nach solchen Artikeln.
Von ursprünglichen Plänen, im Gebäude auch ein Media-Café einzurichten, habe man wieder Abstand genommen, da hierfür laut städtischer Satzung Stellplätze nachzuweisen gewesen wären, die es auf diesem Areal einfach nicht gibt, meint Riethmüller. Zwar hält er auch die Satzung für änderbar, „aber da wollten wir nicht die Vorreiter spielen“. Die öffentliche Diskussion, die man mit dem Einzug in der Metzgergasse und einige Monate später mit werbewirksam aufs Pflaster aufgemalten, zur Buchhandlung führenden, Fußstapfen hatte, habe bei dieser Entschedung keine Rolle gespielt. (Aus dem SCHÄBISCHEN TAGBLATT)