„Das grosse Friedenswerk vollenden“ – Lyrik zu Ehren J.W. Stalins

An lebenden Diktatoren und Diktaturen scheint es nicht zu mangeln. Um so erstaunlicher, daß ein vor 50 Jahren verstorbener Diktator einen Gedichtband gewidmet erhält. Pünktlich zum 50. Todestag von J.W. Stalin, am 05.Mai, ist ein Druck erschienen: Deutsche Dichter singen „Stalin“. Mit Gedichten und Lobpreisungen auf Stalin figurieren hier u.a. von Johannes R. Becher über Bertolt Brecht, Peter Huchel, Anna Seghers, Ludwig Renn, Rudolf Leonhard, Stephan Hermlin, Friedrich Wolf bis Arnold Zweig. Arnold Zweigs Votum aus dem Jahre 1953: „In der Weltgeschichte der Neueren Zeit können wir – nach Lenin – nur einen Mann nennen, der im Verlauf von 50 Jahren eine positive Veränderung aller menschlichen Perspektiven hervorgebracht hat: J.W. Stalin.“ Versammelt sind nicht unbekannte, aber ein wenig vergessene politisch -lyrische Hymnen von 1937 bis 1954, Lieder, Kantaten, Grüße, ein Chor der Komsomolzen (Franz Fühmann), ein Gruß an Stalin (Paul Wiens, Juni 1952). Eine Erklärung der Deutschen Akademie der Künste, vom 6. März 1953, ziert weitere bedeutende Namen. Es ist eine Kondolenz-Adresse des Präsidiums der deutschen an die Moskauer Akademie, mit dem hehren Gelöbnis, in der Arbeit die Lehren Stalins zu verwirklichen, und ihm, dem Genius des Friedens, die Treue zu halten und sein großes Friedenswerk zu vollenden. Das Mitglied der Sektion Dichtkunst und Sprachpflege Bertolt Brecht: „Den Unterdrückten von 5 Erdteilen, denen die sich schon befreit haben, und allen, die für den Weltfrieden kämpfen, muß der Herzschlag gestoppt haben, als sie hörten, Stalin ist tot. Er war die Verkörperung ihrer Hoffnung. Aber die geistigen und materiellen Waffen, die er herstellte, sind da, und da ist die Lehre, neue herzustellen.“ Die Zeitschrift „Sinn und Form“ veröffentlichte 1953 eine Reihe der Texte und lyrischen Auslassungen. Für Rudolf Leonhard war Stalin 1952 „der Mann, der uns Menschen frei gemacht zur Freiheit./ Dieser Mann,/Josef Wissarionovitsch Dshugaschwili,/ der große Stalin,/ ist unser Freund.“

Wie es sich gehört, ist die allerdings in arg hellroter Kartonage geheftete, mit ironischer Entlarvungstrategie veranstaltete Veröffentlichung ein Raubdruck. Der 43 Seiten umfassende Hymnus enthält auch Gedichte aus: „Du Welt im Licht“. J.W. Stalin im Werk deutscher Schriftsteller. Herausgegeben von Günter Caspar, Berlin: Aufbau-Verlag 1954, zum 75. Geburtstag des „gütigen Georgiers“, wie er in Kreisen von DKP, KAB, KPDAO, KPDML und anderen etwas angejahrten Splitter-Gruppen der frühen 70er Jahre dereinst hieß.

Auf dem Umschlag ist ein Bildnis Stalins von Picasso zu bewundern, 1953 in „Les lettres francaises“ erschienen.

Der private klandestine Raubdruck hat sogar eine ISB-Nummer, die dem 50. Todestag numerisch und natürlich apokryph angepaßt ist: 5-03-1953. Sorgsam wird auch das Copyright 2003 vermerkt und daß alle Rechte an den Texten in der Zukunft „natürlich bei den jeweiligen Autoren“ verbleiben. Die wenigen verbliebenen Altstalinisten werden sich schwer tun, in der bibliophilen Subkultur Berlins eine Klage zu plazieren.

Bleibt nämlich noch zu vermerken, wer der heimliche Herausgeber ist, der für Auswahl, Druck und Gestaltung verantwortlich zeichnet. Der Anonymus enthüllt sich – recht passend – als Rene Gat, was, wenn wir dem Duden glauben dürfen, so viel bedeutet wie „Abtrünniger vom Glauben“. Adresse unbekannt.

Inwieweit einige der Autoren später einen eigenen Abfall vom Glauben manifestiert haben, wird nicht verzeichnet. Jedenfalls ist Ludwig Renns Wort nicht zu überlesen, wonach in tausenden von Jahren der Name des Schöpfers der großen Friedensfront der Welt nicht aus der Geschichte der Völker verschwinden wird. Auf dem Rückentitel ist ein Zitat von Martin Walser aus „Tod eines Kritikers“ zu lesen: „Wenn jemand schon Gedichte schreibe, so dürfe er die auch gedruckt sehen. Das sei ein Menschenrecht. Gedichte zu schreiben sei sowieso Ausdruck einer weitreichenden, jedes Mitgefühl verdienenden Schwäche. Die könne, wenn überhaupt, dann nur durch Gedrucktwerden gelindert werden.“

Das Zitat hat, wenn ers denn überhaupt ernst gemeint hätte, der große national- und geschichtsbewusste Dichter und Denker Walser wohl kaum auf dieses scheinbar wohlmeinende Werk gemünzt.

A. Götz von Olenhusen

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