Besonderen Verdienste um die Förderung des literarischen Lebens in Berlin Britta Jürgs und Thomas Wohlfahrt mit der Rahel Varnhagen von Ense-Medaille geehrt

Ein festlicher Abend gestern in Berlin: Im Roten Rathaus am Alexanderplatz wurden AvivA-Verlegerin Britta Jürgs und der Leiter des Hauses für Poesie, Thomas Wohlfahrt, mit der Rahel Varnhagen von Ense-Medaille geehrt. Sie erhielten die Auszeichnungen von Hans Gerhard Hannesen, dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Preußische Seehandlung und Kultursenator Klaus Lederer.

Britta Jürgs und Thomas Wohlfahrt

Die Auszeichnung, die an die Berliner Schriftstellerin Rahel Varnhagen von Ense erinnert, wird seit 1993 für besonderen Verdienste um die Förderung des literarischen Lebens in Berlin verliehen. Zu den Preisträgern gehören Walter Höllerer, Elke Erb, Christa und Gerhard Wolf, Manfred Bofinger und Klaus Wagenbach. Britta Jürgs werde als sechste Frau von 21 Geehrten ausgezeichnet, betonte Laudatorin Pieke Biermann, wobei zwei der anderen fünf Frauen die Medaille im Doppelpack mit ihren Männern bekommen hätten.

Ebenso wie Rahel Varnhagen sei Britta Jürgs eine intellektuelle Netzknüpferin. Sie sei eine unermüdliche Aktivistin, Herausgeberin und Verlegerin von Zeitschriften und Büchern. „Wer sich – wie sie und ein paar andere Frauen seit Jahrzehnten – auf das Ausgraben und (Wieder-) Publizieren des immensen Beitrags von Frauen zur Kultur verlegt, hat es natürlich sofort sozusagen automatisch zu tun mit Universalität. Das heißt: mit vielen Sprachen und Genres, denn von Frauen geschriebene Literatur kann gar nicht anders als Poetisch-Ästhetisches mit Politik, Ökonomie und Wissenschaft zu verbinden, und sie muss wie alle Literatur, die wirkmächtig sein und bleiben will, innovativ sein, also experimentieren.“

AvivA-Bücher seien vor allem von, aber auch über Frauen geschrieben, sagte Pieke Biermann und nannte als Beispiele unter anderem Lili Grün, Alice Berend, Victoria Wolff, Margaret Goldsmith, Vicki Baum, Lessie Sachs, Margarete Beutler, Maria Leitner, Ruth Landshoff-Yorck und Florence Hervé. Seit der Gründung des AvivA Verlags vor 24 Jahren seien gut hundert Titel erschienen, teils selbst entdeckte, teils von anderen entdeckte, zum Beispiel von exzellenten Fachleuten fürs Übersetzen, Edieren und Nachworteschreiben. Und rund 95 Prozent seien in der Backlist präsent. Pieke Biermann machte neugierig auf die oft vergessenen Frauen der Kunst- und Literaturgeschichte, die Britta Jürgs ausgräbt, und weckte die Lust auf die Bücher aus dem AvivA Verlag. Gerade eben habe dieser mit Aphra Behn (1640 bis 1689) einen „sehr großen Coup“ gelandet. Die Britin scheine die Facetten – Sexismus, Rassismus und Ausschluss aufgrund der Klasse – wie ein Kaleidoskop zu bündeln. Der erste Band der von Tobias Schwartz übersetzten und herausgegebenen Werkauswahl trägt den vielversprechenden Titel Ich lehne es ab, meine Zunge im Zaum zu halten.

V. l.: Thomas Sparr, Hans Gerhard Hannesen, Thoms Sparr, Britta Jürgs, Pieke Biermann, Klaus Lederer

Thomas Wohlfahrt wurde als Leiter des Hauses für Poesie, das er 1991 unter dem Namen Literaturwerkstatt Berlin gründete, für sein Lebenswerk geehrt. „Er vermag es, Verbindungen zwischen Dichtkunst und Politik, Ökonomie und Wissenschaft zu knüpfen und innovative und experimentelle Literaturprojekte ins Leben zu rufen“, heißt es in der Begründung. Mit seiner Arbeit trage er maßgeblich zur Verbreitung und weltweiten Wahrnehmbarkeit der Dichterinnen und Dichter bei. Unter anderem initiierte er das poesiefestival berlin und den Literatur Express Europa 2000.

Thomas Wohlfahrt habe sich mit Haut und Haaren der Poesie verschrieben, so Laudator Thomas Sparr. Es sei ihm auf ungewöhnliche Weise gelungen, die leise Poesie in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und in ihrer Stille, ihren Geräuschen vernehmbar werden zu lassen. Sparr hob zudem die Rolle Wohlfahrts in der internationalen Lyrikszene hervor. Mit der Website www.lyrikline.org, die mehr als 13.000 Gedichte in 88 Sprachen und über 20.000 Übersetzungen präsentiert, habe er auch für andere Länder Maßstäbe gesetzt.

Umrahmt wurde die Veranstaltung im Großen Festsaal des Rathauses von Klaviermusik und Lesungen aus Briefen von Rahel Varnhagen. Das Publikum war begeistert und dankte mit langanhaltendem Applaus.

ml

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