Aus der Werkstatt der Verlage Daniela Thiele: „Wir warten. Wir warten auf die schönen Dinge. Dass das Wort »normal« einmal einen so verheißungsvollen Klang bekommen würde, hätte ich nie für möglich gehalten“

Die Serie „Aus der Werkstatt der Verlage“ geht heute weiter mit dem Editorial von Daniela Thiele (Thiele Verlag): 

Daniela Thiele: „Auch wir aus der kleinen Thiele-Werkstatt vermissen Sie sehr. Und weil das so ist, schicken wir Ihnen diesmal nicht nur herzliche Grüße, sondern eine feste Umarmung. Buchhändlerinnen- (und Buchhändler-) Umarmen statt Bäume-Umarmen. Es gibt ein Wiedersehen. Bis dahin behalten wir die Nerven und machen weiter“ (c) Julia Rotter

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mein Mann sagt, ich soll nichts über Corona schreiben. »Schreib bloß nichts über Corona«, sagte er. Und er hat ja recht. Corona ist wie Voldemort – am besten spricht man den Namen gar nicht erst aus.  Ich weiß nicht, ob das Wort des Jahres »Inzidenzwert« oder »Pandemiemüdigkeit« sein wird.

Für mich sind »Umarmen« und »Vermissen« die Wörter des Jahres. Bücher sind ein starker Trost. Aber sie können nicht einen geliebten Menschen ersetzen, den man in den Arm nehmen möchte. Und mit dem, was wir vermissen, könnte ich das ganze Editorial füllen, da würden mir sehr, sehr viele Wörter einfallen. Ich versichere Ihnen, »Video-Konferenz« wäre nicht dabei. Wir warten. Wir warten auf die schönen Dinge. Dass das Wort »normal« einmal einen so verheißungsvollen Klang bekommen würde, hätte ich nie für möglich gehalten.

Doch auch wenn Bücher keine Menschen ersetzen können, sind sie doch unsere Flucht, unser Zeitvertreib, unsere Anregung, unsere Sehnsucht, unsere Hoffnung, unsere kleine Freude – und das beste Mittel gegen »Du-weißt-schon-was«.

„Als ich Der fabelhafte Buchladen des Mr. Livingstone las, war ich für ein paar Stunden völlig verzaubert“ (Durch Klick auf Abbildung zum Blättern in der Thiele Vorschau)

Als ich Der fabelhafte Buchladen des Mr. Livingstone von Mónica Gutiérrez las, war ich für ein paar Stunden völlig verzaubert, ich habe alles um mich herum vergessen, und das war wahnsinnig schön. Nicht nur, weil diese sehr besondere Buchhandlung im Londoner Stadtteil Temple tatsächlich auf hatte und man reingehen konnte (Ach, wie vermissen wir das!), sondern weil ich mich absolut verliebt habe in die Menschen dieser poetischen Geschichte.

Der Roman Girl in the Walls ist für mich das außergewöhnlichste Buch dieses Herbstes. Das Debut des jungen Schriftstellers A. J. Gnuse hat mich zutiefst beeindruckt, berührt, süchtig gemacht. Es zeigt uns, was ein Zuhause eigentlich ist und warum es so schwer wird, ohne andere Menschen zu leben. Und ja: Manchmal kann ein Lego-Püppchen, das ein sehr einsames elfjähriges Mädchen, heimlich auf einen Turm setzt, um in Kontakt zu treten, mehr zu Herzen gehen als jede Liebeserklärung.

Auch wir aus der kleinen Thiele-Werkstatt vermissen Sie sehr. Und weil das so ist, schicken wir Ihnen diesmal nicht nur herzliche Grüße, sondern eine feste Umarmung. Buchhändlerinnen- (und Buchhändler-) Umarmen statt Bäume-Umarmen. Es gibt ein Wiedersehen. Bis dahin behalten wir die Nerven und machen weiter. Wir kriegen das hin.

Ihre

Daniela Thiele

Zuletzt brachten wir den Werkstattbericht von Sabine Dörlemann
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