"Er lässt uns das sehen, wofür wir bisher noch keine Begriffe hatten. Genau das soll Literatur, weil nur Literatur das kann" Der Mörike-Preis 2021 geht an Leif Randt

Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull mit der Urkunde vor der Preisträger-Station von Leif Randt im StadtMuseum Fellbach © Stadt Fellbach

Es ist der erste Mörike-Preis in der Geschichte Fellbachs, der in Abwesenheit verliehen wird – der 11. Mörike-Preis für Leif Randt, der nach dreimaliger coronabedingter Terminverschiebung am Mittwoch,  15. Dezember 2021, feierlich übergeben werden sollte. Wie alle städtischen Veranstaltungen im Dezember wurde auch die Preisverleihung abgesagt. Der Mörike-Preis ist mit 15. 000 Euro dotiert. Den Förderpreis in Höhe von 3 .000 Euro hat Leif Randt der Autorin und Performerin Olivia Wenzel zuerkannt.

Vertrauensperson und vorgesehener Laudator Ijoma Mangold begründet seine Entscheidung, Leif Randt als Preisträger auszuwählen, wie folgt: „Leif Randt ist für mich einer der faszinierendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Literatur, weil seine Romane eine Gegenwart beschreiben, die uns auf unheimliche Art vertraut vorkommt, für die wir aber ohne Leif Randts Erzählstil, seinen Tonfall, seinen Blick, blind geblieben wären. Er lässt uns das sehen, wofür wir bisher noch keine Begriffe hatten. Genau das soll Literatur, weil nur Literatur das kann.“

Traditioneller Höhepunkt der Preisverleihung ist die Mörike-Rede des Preisträgers. Die Rede von Leif Randt kann, von ihm selbst eingesprochen, ab 16. Dezember auf der Homepage der Stadt angehört werden, zudem auch an der neuen Station im Preisträgerraum des StadtMuseums. Hier hat Randt seinen Platz gefunden in Form eines Jahreskalenders mit zwölf Handyaufnahmen aus dem iPhoneSE-Archiv von Belle Santos, entstanden in der Zeit zwischen dem ersten Lockdown im März 2020 und der ursprünglich im Oktober 2021 geplanten Mörike-Preisverleihung. Persönlich vorstellen wird sich der Preisträger in Fellbach bei einer Lesung im kommenden Sommer.

Seit 1991 wurden Wolf Biermann, Sigrid Damm, W. G. Sebald, Robert Schindel, Brigitte Kronauer, Michael Krüger, Ernst Augustin, Jan Peter Bremer, Jan Wagner und Elke Erb ausgezeichnet: Die beiden letzteren erhielten ebenso wie Wolf Biermann und Brigitte Kronauer später auch den Georg-Büchner-Preis, der als renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur gilt.

Leif Randt, geboren 1983 in Frankfurt am Main, ist der bisher mit Abstand jüngste Mörike-Preisträger. Seine präzise beobachtenden, ebenso intelligent wie konsequent konstruierten und dabei leichtfüßigen Romane erfahren seit der Veröffentlichung seines Debüts Leuchtspielhaus 2009 in der Literaturkritik hohe Beachtung und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sein viertes Buch Allegro Pastell erschien im März 2020, war nominiert für den Leipziger Buchpreis und stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Der Science-Fiction-Roman Planet Magnon (2015) wurde vom Spiegel in die Liste „50 Bücher unserer Zeit“ aufgenommen. Für einen Auszug aus Schimmernder Dunst über CobyCounty, das 2011 erschien und von der Frankfurter Allgemeine Zeitung als „fast epochaler Generationenroman“ gelobt wurde, erhielt er im selben Jahr den Ernst-Willner-Preis beim Klagenfurter Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Zum Mörike-Preis gehört ein Förderpreis, über den der Preisträger entscheidet. Leif Randt hat den Mörike-Förderpreis 2021 der in Berlin lebenden Autorin und Performerin Olivia Wenzel zuerkannt. Geboren 1985 in Weimar, studierte sie Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim. Ihr erster Roman 1000 Serpentinen Angst, hochgelobt vom deutschen Feuilleton, stand 2020 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde mit dem Literaturpreis der Stadt Fulda ausgezeichnet. Neben Prosa schreibt sie Theatertexte, die u. a. in den Münchner Kammerspielen und dem Deutschen Theater Berlin zur Aufführung kommen, und tritt als Musikerin und Performerin auf. In ihren Texten setzt sie sich häufig mit den diversen Rollen der Menschen in der Gesellschaft und der Vereinzelung und Entfremdung des Subjekts auseinander und reflektiert über Identität, Diskriminierung, Kapitalismus und moderne Technologien.

 

 

 

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.