Auf Platz 1: Michael Borgolte: "Die Welten des Mittelalters. Globalgeschichte eines Jahrtausends" (C.H. Beck Verlag) Die „Sachbücher des Monats Mai 2022“

Die Bestenliste von Die Welt/WDR 5/Neue Zürcher Zeitung/ORF-Radio Österreich 1:

  • 1. Michael Borgolte: Die Welten des Mittelalters. Globalgeschichte eines Jahrtausends, C. H. Beck Verlag
  • 2. Catherine Belton: Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge faßte. Übersetzt von Elisabeth Schmalen und Johanna Wais, Verlag HarperCollins
  •  3. Dipesh Chakrabarty: Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter. Übersetzt von Christine Pries, Suhrkamp Verlag
  • 4. Patrizia Nanz, Charles Taylor, Madeleine Beaubien-Taylor: Das wird unsere Stadt. Bürger:innen erneuern die Demokratie. Übersetzt von Rita Seuss, Edition Körber
  • 5. Peter Geimer: Die Farben der Vergangenheit. Wie Geschichte zu Bildern wird, C.H. Beck Verlag
  • 6. Jill Lepore: Die geheime Geschichte von Wonder Woman. Übersetzt von Werner Roller, C.H. Beck Verlag
  • 7. Wolfgang Müller-Funk: Crudelitas. Zwölf Kapitel einer Diskursgeschichte der Grausamkeit, Verlag Matthes & Seitz
  • 8. Philipp Felsch: Wie Nietzsche aus der Kälte kam. Geschichte einer Rettung, C.H. Beck Verlag
  • 9. Deborah Nelson: Denken ohne Trost. Arbus, Arendt, Didion, McCarthy, Sontag, Weil, Verlag Klaus Wagenbach, (Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek)
  • 10. Tobias Haberl: Der gekränkte Mann. Verteidigung eines Auslaufmodells, Piper Verlag

Besondere Empfehlung des Monats Mai: Melanie Möller, Homer, Reclam Verlag

Kaum ein in den letzten Wochen erschienenes Buch hat das Grauen, das seit dem 25. Februar ausgebrochen ist, in seiner Bedeutung als beschworene „Zeitenwende“ bereits miteinbeziehen können. Aber eine Reihe von Publikationen hat das Grundproblem aufgegriffen, dass zwischen moralischer Welterklärung und faktischer Realität eine unüberbrückbare Kluft liegt. Im Zuge der Gefühlsbestimmung, dass eine Zeit des ewigen Friedens ausgebrochen sei, wurden in den vergangenen Jahren bei Neuausgaben von Shakespeare bis zu Comics politisch unkorrekte Szenen aller Art umgeschrieben oder herausgelöscht. Diese Art retroaktiver Wirklichkeitsgestaltung ließ allein mehr die eigene Wunschwelt gelten. Der schmale, genau 100 Seiten umfassende Reclam-Band der Berliner Altertumsforscherin Melanie Möller zu Homer ist dagegen aus dem Bewusstsein geschrieben, dass diese Putzwut nicht nur die Literatur um ihre Extremausschläge bringt, sondern auch vermeidet, die Wirklichkeit in einem angemessenen Sinn zu begreifen. Für Schüler ebenso wie für Erwachsene geschrieben, zeigt der Band auf höchst inspirierte Weise den gesamten Homer, mit all seiner literarischen Kraft, seiner philosophischen Weitsicht und seinem erbarmungslosen Blick, dem Leben und der Geschichte ins Auge zu sehen. Eine Tabelle der schrecklichsten Morde krönt diese Darstellung, die das Land der „ewigen Bestie Mensch“ ebenso begreifbar macht wie die Sphäre des Erbarmens. Als Votum für die literarische Transzendenz der Welt ist dieser schmale Band ein eigenes Stück Wirklichkeit, entwickelt am ersten Dichter der historischen Zeit. Er ist, so die Autorin, verfasst als Therapie gegen jene „neunmalklugen, selbstgerechten“ Leser, „die eine schnörkellose Wohlfühllektüre for everybody ermöglichen wollen“. Ein kleines, großes Buch. (Horst Bredekamp)

 

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