Die Schweiz wird um einen führenden Publukumsverlag ärmer Orell Füssli Gruppe schließt „Transformation der Verlage“ ab – und damit einen Teil von 500 Jahren Verlagsgeschichte

Das Gerücht hielt sich schon länger, jetzt ist sicher: Die Orell Füssli AG schliesst „die Umsetzung des Transformationsprogrammes der Verlage erfolgreich ab“, wie es heute in einer Presseinfo heißt und „konzentriert sich künftig auf Lern- und juristische Medien sowie auf die bekannten Kinderbuchmarken Globi und Carigiet für Kinder im Primarschulalter“. Das heißt im Klartext heißt: Die Schweiz wird um einen führenden Publikumsverlag ärmer, nach 500 Jahren Verlagstradition.

Denn: Die Einstellung des Sachbuch- und eigenen Kinderbuchprogramms bedeutet das Ende des Publikumsverlages Orell Fuessli, dessen Anfänge bis ins Jahr 1519 zurückreichen, als der gebürtige Deutsche Christoph Froschauer von der Stadt Zürich beauftragt wurde, eine Staatsdruckerei aufzubauen – Froschauer entwickelte sie zu einem der bedeutendsten protestantischen Verlage des deutschen Sprachraums, wo neben dem Reformator Ulrich Zwingli übrigens auch Erasmus von Rotterdam verlegt wurde. Der Verlag ging dann in das Eigentum verschiedener Zürcher Familien über – daher auch der heutige Name des Unternehmens – und war auch während der Aufklärungsszeit eines der bedeutenden europäischen Häuser.

Im letzten Jahrzehnt ist Orell Füssli mit seinem Sachbuchprogramm  – unter der Leitung von Stephan Meyer, einem der erfahrensten Buchmacher auf diesem Gebiet (vorher bei C.H. Beck,  bei der DVA und bei Herder) zu dem wichtigsten politischen Verlag der Schweiz geworden, der auch in Österreich und Deutschland hier unter den ersten zehn Häusern gehörte und jüngst umsatzmäßíg wie in der öffentlichen Wirkung spürbar stark zulegte, wofür etwa beispielhaft die neue – erstmals umfassende  und gründlich umwertende – Biographie  der Film-Regisseurin und Hitler-Vertrauten Leini Riefenstahl durch die deutsche Dokumentarfilmerin Nina Gladitz steht. Der Grund für die Schließung dieses Verlagsbereichs ist wohl vor allem auf ein fehlendes publizistisches Interesse in der Führungsspitze zurückzuführen, denn Orell Füssli ist nach wie vor eines der weltweit führenden Unternehmen für Sicherheits- und Banknotendruck.

Im Zuge dieser Fokussierung wird der Atlantis Verlag für Kinderbücher (das hatten wir vorhin bereits gemeldet) an den Kampa Verlag verkauft, der Atlantis als eigenständiges Programm und mit bestehender Programmleitung weiterführt.

In der PM von heute heißt es zur Erklärung:Die 2019 initiierte Transformation der Orell Füssli Verlage konnte erfolgreich und wie geplant auf Ende Jahr hin abgeschlossen werden. Der Orell Füssli Verlag wird künftig seine Ausrichtung auf den Bereich Bildung fokussieren und das Angebot auf Lernmedien und juristische Fachmedien für den Schweizer Markt konzentrieren. Der Verlag verfügt in diesem Bereich über ein starkes und etabliertes Programm und sieht attraktives Potenzial für die Weiterentwicklung des Geschäftsbereiches und den Ausbau der Marktposition. Hierfür sollen die programmatische Ausrichtung und die Digitalisierung des Angebotes im Bereich Lernmedien verstärkt vorangetrieben werden. Die Kinderbuch-Marken Globi und Carigiet mit den wissensvermittelnden Buchreihen wie z.B. «Globi lernt» oder «Technik mit Globi» und ihrem Fokus auf den Schweizer Markt passen sehr gut zur neuen Ausrichtung und verbleiben beim Orell Füssli Verlag.“

In der Orell Füssli Kinderbuch-Reihe ebenso wie in der Sachbuchreihe, welche beide in den letzten Jahren nicht mehr kostendeckend waren, bleibt das bestehende Programm verfügbar, ab 2021 werden jedoch keine neuen Werke mehr publiziert. Im Rahmen dieser Massnahmen kommt es zur Kündigung von einer Mitarbeitenden im Teilzeitpensum und einer Frühpensionierung. Mit den betroffenen Mitarbeitenden wurden sozialverträgliche Lösungen gefunden.

Mit der Konzentration auf Lern- und Bildungsmedien sowie den Klassikern von Globi und Carigiet für Kinder im Primarschulalter, dem Verkauf des Atlantis Verlags und der Einstellung der verlagseigenen Kinder- und Sachbuchreihe folgt die Orell Füssli Gruppe der im Frühjahr 2020 vorgestellten Strategie mit Fokus auf Sicherheit und Bildung.“

Kommentare (2)
  1. Es ist nicht zu fassen, wie die wichtigen Produktionsstätten von wichtigen Erzeugnissen ausgedünnt werden. Die gleiche Tendenz sieht man ja auch im Schweizer TV und Radio. Wohin gehen wir?

  2. Bei einem Verlag mit langer Tradition findet sich der Begriff „Mitarbeitende“? Unfassbar! Auf jeden Fall ist mir jetzt klar, dass ich auf Ihre Produkte dankend verzichte. Wer die eigene Muttersprache derart vergewaltigt, ist nicht mehr lesenswert!

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