Runde Geburtstage Alice Schwarzer (80)

Alice Schwarzer

Alice Schwarzer, Autorin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift EMMA wird heute 80 Jahre alt. Helge Malchow arbeitet seit fast 30 Jahren mit Alice Schwarzer zusammen, als Lektor und langjähriger Verleger ihrer Bücher bei Kiepenheuer & Witsch. Hier gratuliert er ihr zu ihrem runden Geburtstag:

„Die 70er Jahre: am Anfang stand Willy Brandts Kniefall in Warschau, am
Ende die Gründung der grünen Partei. Dazwischen lag ein
hochpolitisches Jahrzehnt voller Dramatik und voller Aufbrüche, die bis in die Gegenwart wirken. Dazu gehörte die Geburt der Frauenbewegung, die in Deutschland bis heute so eng mit dem Namen Alice Schwarzer verbunden ist. Selten hat eine einzige öffentliche Person so sehr (und oft gegen ihren Willen) für eine ganze gesellschaftliche Bewegung gestanden und eine solche Wirkungsmacht entwickelt wie in ihrem Fall, und dies mittlerweile über fünf Jahrzehnte.

Und wenn diese Bewegung unser Land in so vielen Punkten zu einem besseren Land gemacht hat, bei allem, was weiterhin zu tun ist, dann ist das auch ein Verdienst dieser bemerkenswerten Frau. Wir haben fast die erdrückenden Verhältnisse vergessen, gegen die Alice Schwarzer und viele ihrer Mitkämpferinnen antraten: das gesetzliche Abtreibungsverbot, die totale juristische und wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen in der Ehe, ihre Unsichtbarkeit in der Politik und in den Medien, die alltägliche Gewalt gegen Frauen, das Verbot der Homosexualität, der dramatische pay gap zwischen den
Geschlechtern…

Wer ist diese Frau, die an der Überwindung dieser Zustände einen so großen Anteil hatte und auf deren Schultern ganze Generationen von Feministinnen standen und stehen, trotz aller Abgrenzungen und Einwände, bis zur #Metoo Bewegung unserer Tage?

Begonnen hatte sie als Reporterin für die „Düsseldorfer Nachrichten“ und für das gesellschaftskritische Satiremagazin „pardon“, danach ging die junge Frau als freie Korrespondentin nach Paris, wo sie ihre zweite Heimat entdeckte und – mittendrin – den Aufbruch der französischen Frauenbewegung miterlebte. Hier traf sie auf die Jahrhundertfigur Simone de Beauvoir, mit der sie bis zu deren Tod eng verbunden blieb und an deren Durchsetzung als Klassikerin der Feminismus auch in Deutschland sie entscheidenden Anteil hatte. Von Paris brachte Alice Schwarzer Erfahrungen und Ideen des in vielen Ländern fast parallel entstehenden Feminismus mit nach Deutschland, wo sie in wenigen Jahren zur Galionsfigur der Bewegung wurde – durch die Initiierung spektakulärer Aktionen ( „Ich habe abgetrieben“ im „Stern“ 1971), durch umwälzende Buchveröffentlichungen („Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ 1975), durch historische TV Streitgespräche ( mit Esther Vilar 1975 und später mit Verona Feldbusch), durch die Gründung des Magazins EMMA und des Frauenmediaturms in Köln, einem
bedeutenden Archiv auch der historischen Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert. Und damit nicht genug, ihre Stimme als öffentliche Intellektuelle reicht oft weit über den Feminismus hinaus, aktuell gerade wieder beim Thema Krieg und Frieden in der Ukraine.

Eine Rätselfrage aber bleibt bis heute selbst für enge Freunde: wie kann ein einzelner Mensch über eine solche Lebensstrecke eine solche Energie entfalten: über 20 Buchveröffentlichungen als Autorin, zuletzt der zweite Band ihrer Autobiografie. Noch weit mehr als 20 Bücher als Herausgeberin, unzählbare Artikel, Essays, Editorials, die jahrzehntelange Leitung der EMMA als Herausgeberin und Chefredakteurin, Talkshowmoderatorin (ja, auch das), Interviews, Vorträge und Podiumsdiskussionen ohne Ende. Und dies alles nicht
selten begleitet von heftigen Meinungsstreits und oft auch bösartigen persönlichen Angriffen . Die Stichworte hier: Pornografie und Prostitution, Islamismus und Kopftuchstreit, in jüngster Zeit Transsexualität.

Ich habe auf diese Rätselfrage zwei Antworten. Die erste: Hinter Alice Schwarzers bisweilen regelrecht einschüchternder Wucht bei ihren leidenschaftlichen Einmischungen in öffentliche Angelegenheiten steckt eine ganz altmodische elementare Lust an deliberativer Demokratie, an Aufklärung und Humanität, nicht nur zwischen den Geschlechtern. Eine Lust am Argument, an der Rede und Gegenrede. In ihrer Autobiografie beschreibt sie lebendig ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen und ihre Kindheit und Jugend bei den politisch wachen, engagierten Großeltern in Wuppertal.

Und die zweite Antwort: Alice Schwarzers überschäumende, unstillbare Lebensfreude und Neugier auf andere Menschen, auf Freundschaften und Kontakte. Aus diesem Spirit entstanden ihre bemerkenswerten biografischen Bücher über Romy Schneider, Simone de Beauvoir oder Marion Gräfin Dönhoff. Mit allen dreien war sie auch freundschaftlich verbunden, so wie mit Jean Paul Sartre, mit Margarete Mitscherlich, Irmtraut Morgner, Elisabeth Badinter und vielen anderen bekannten und unbekannten Freundinnen und Freunden. Sie alle kennen und lieben Alice Schwarzers ansteckendes Lachen, ihre Lust am Reisen und Feiern, an der Kunst und an der Natur, ihre Liebe zu Kindern und zu ihren Katzen. Dies oft miterlebt zu haben, war und ist für mich eine genauso große Freude wie mit ihr zu arbeiten. Seit vielen Jahrzehnten. Und hoffentlich noch lange.

Ich bin sicher: meine Glückwünsche zum 80. Geburtstag unterschreiben alle ihre Freunde und Freundinnen, ihre Kolleginnen bei EMMA, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei KiWi und alle Menschen in diesem Land, die wissen, wie viel wir ihr alle verdanken.

Helge Malchow

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