Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Barbara Kalender?

Seit Nikolaustag fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2023 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Barbara Kalender (März Verlag) unseren „anderen“ Fragebogen: 
Barbara Kalender:Die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt sollte endlich aufhören. Bei gleicher Qualifikation muss gleiches Gehalt gezahlt werden. Trotzdem werden Frauen heute noch immer geringer entlohnt als Männer“(c) Matthias Reichelt
Welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr?
Am 2. April luden die MÄRZ Gesellschaft e.V. und die neu gegründete MÄRZ Verlag GmbH zu einem Fest ein. Richard Stoiber und ich präsentierten das erste Programm, und alle Autor:innen, Mitarbeiter:innen und Freund:innen kamen.
Worüber haben Sie sich 2022 am meisten geärgert?
Die Inflationsrate hat sich weiter erhöht, die Preise steigen weiter. Papier kostet etwa vierzig Prozent mehr, und Druckereien melden Lieferengpässe. Bücher können deshalb oft nur verspätet erscheinen, so mussten wir Howard Zinns ›Eine Geschichte des amerikanischen Volkes‹ auf das Frühjahr 2023 verschieben.
Was war 2022 Ihr schönster Erfolg?
Eberhard Seidels ›Döner‹-Buch, seine ›türkisch-deutsche Kulturgeschichte‹ hatte ein riesiges Presse-Echo in zahlreichen Zeitungen und Magazinen sowie in sechs TV-Sendungen von ARTE bis SAT.1-Frühstücksfernsehen, vom BR bis RTL. Viele Buchhändler:innen luden Eberhard Seidel zu Veranstaltungen ein, und das Interesse ist ungebrochen. 
Und Ihr traurigster Misserfolg war?
Wir sind erst seit einem Jahr wieder im Buchhandel, da haben wir noch keinen Misserfolg erlebt. Doch ich weiß wohl, auch das wird uns nicht erspart bleiben. So werde ich demnächst diese Frage wahrscheinlich beantworten können. Übrigens bezieht sich meine Aussage nur auf das Jahr 2022, natürlich habe ich einige Fehlschläge einstecken müssen, nur nicht in diesem Jahr.
Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?
Wohl wissend, dass ich hier nicht zwanzig Namen nennen sollte, was ein Leichtes wäre, beschränke ich mich also schweren Herzens! Dieses Jahr besuchte ich Robert Eberhardt in der Buchhandlung Felix Jud in Hamburg und war bezaubert von der Eleganz des Ladens und der Vielfaltigkeit des Sortimens.
Außerordentlich ist auch die legendäre Buchhandlung Aegis in Ulm, die Ernst Bauer, der deutsche Widerstandskämpfer, Verleger und Buchhändler 1946 gründete. Otl Aicher gestaltete die Räume, Sigfried Unseld begann seine Lehre dort. In der Buchhandlung mit großer Geschichte wirkt heute Rasmus Schöll und sein junges Team. Hier findet man Bücher, die nicht in jedem Laden liegen.
Und der Verbrecher Verlag ist nicht nur dieses Jahr mein Favorit. Kristine Listau und Jörg Sundermeier machen großartige Bücher, sie sind aber auch großartige Freunde. 
Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?
Von der Corona-Pandemie und Ausgangsbeschränkungen. Bisher hieß es immer: Die Pandemie wird aufhören, wenn die meisten Menschen immun geworden sind. Ich hoffe, dass im kommenden Jahr die Herdenimmunität erreicht werden kann.
Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?
In den alten Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, wünsche ich mir: Die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt sollte endlich aufhören. Bei gleicher Qualifikation muss gleiches Gehalt gezahlt werden. Trotzdem werden Frauen heute noch immer geringer entlohnt als Männer.
Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?
Mein guter Vorsatz ist, alle Arbeiten zeitlich früher zu erledigen, um Hektik zu vermeiden.
Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?
Alle meine Fehler, weil gute Vorsätze immer nur kurze Zeit funktionieren. Dann kehrt der Alltag wieder ein.
Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?
Belletristik: Jules Vallès: ›Jacques Vingtras‹. Dieses Jahr konnten wir die beiden Bände ›Das Kind‹ und ›Die Bildung‹ ausliefern, im Frühjahr 2023 erscheint der dritte Band: ›Die Revolte‹. Somit ist einer der großen Romane der Weltliteratur endlich wieder lieferbar! Und ich möchte Émile Zola zitieren, denn besser kann man es nicht sagen: »Ein wahres Buch. Ein Buch, das aus den genauesten, ergreifendsten menschlichen Zeugnissen besteht. Es ist ewig her, dass mich ein Werk zuletzt so bewegt hat.«
Sachbuch: Huguette Couffignal: ›Die Küche der Armen‹ enthält ethnologische Essays, Reiseberichte und 300 Rezepte. Dieses Buch ist eine Aufforderung zur Besinnung und gestattet einen Blick in die Kochtöpfe, Erdmulden, Dampfkörbe und Lehmöfen der Welt. 
Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?
Zunächst ein Roman: Jenny Hvals ›Gott hassen‹ ist ein so kompromissloser wie nachdenklicher, zugleich spielerischer und doch unheilvoller Roman über schwarze Magie, Black Metal und die Rebellion gegen kleinliche oder engstirnige Anschauungen und gesellschaftliche Normen.
Sachbuch: Eva Tepests ›Power Bottom‹ untersucht unser Begehren und fragt, wo die Grenze zwischen subjektiver Lust, sexueller Identität und gesellschaftlicher Norm verläuft. Ihre Texte sind ein Kaleidoskop aus intimen Betrachtungen und kritischen Auseinandersetzungen. 
Von wem würden Sie gern auch mal  die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Natürlich von Richard Stoiber, der übrigens bei uns für die Novitäten verantwortlich ist, während ich die MÄRZ-Klassiker auswähle.
Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie eigentlich gern beantwortet?
Sollten Verlage angesichts der Kostensteigerungen die Ladenpreise anheben?
Hier können Sie die auch beantworten:
Ich finde: Ja, andernfalls kann doch keine Firma existieren. Und schließlich gehört zur Ausbildung einer jeden Verlagskauffrau oder eines jeden Verlagskaufmanns auch das Fach Buchführung. Insofern wundere ich mich über unsere Branche.
Gestern antwortete Gunnar Cynybulk, morgen fragen wir Peter Kraus vom Cleff.
 
Kommentare (2)
  1. Danke für dieses interessante Gespräch!
    Für mich Anlass, den am 1. Juli 1981 erstandenen tollen Band von Jules Valles „Jacques Vingtras. Das Kind/Die Bildung/Die Revolte zur Hand zu nehmen – ich erstand ihn für 7.90 DM (!) bei Zweitausendeins in München.
    Ich hoffe, der Winter dauert lang, dass ich alle drei Teile dieser außergewöhnlichen Biographie schaffe. Mit 70 muss man beim Lesen unbedingt Prioritäten setzen!
    Danke – und allen ein schönes Weihnachtsfest und ein friedvolles Neues Jahr!
    Dieter Klug, Wolfratshausen

  2. Sich mit Barbara Kalender zu unterhalten, ist immer ein Gewinn für Menschen, die sich fürs Büchermachen interessieren. Sie hat ein tolles Gespür für wichtige Themen und interessante Autorinnen und Autoren.

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