Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Carsten Pfeiffer?

Seit dem 6. Dezember (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2021 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Carsten Pfeiffer (Verlag das kulturelle Gedächtnis) unseren „anderen“ Fragebogen:

Carsten Pfeiffer: „Ganz neu für mich entdeckt habe ich den Verlag der Connewitzer Verlagsbuchhandlung mit seinen wunderschön gestalteten, typographisch reizvollen Büchern“

 

Welcher Tag war Ihr schönster im letzten Jahr?

Warum nur ein Tag? Ich muss zwei Tage benennen:

1.) Den ersten Tag nach dem Ende des Frühjahrs-Lockdown, als bundeweit die Buchhandlungen wieder öffnen durften.

2.) Den Tag, an dem ich erfuhr, dass meine 80jährige Mutter in München sich im Krankenhaus nach einer Hand-OP doch nicht mit Corona infiziert hat. Sie lag im Dreibett-Zimmer mit zwei alten Damen, die Corona-positv getestet wurden.

Worüber haben Sie sich 2020 am meisten geärgert? 

Über den Frühjahrs-Lockdown, aus zwei Gründen: Man hätte (hinterher ist man immer schlauer) nicht den gesamten Einzelhandel, den Buchhandel schließen müssen, Abstands- und Hygiene-Konzepte wie im Supermarkt oder der Apotheke hätten auch im Buchhandlungen und Boutiquen eingehalten werden können. Nur Berlin und ein weiteres Bundesland Sachsen-Anhalt hatten erkannt: BÜCHER sind LEBENSMITTEL …

Zweites Ärgernis: Kaum war der Lockdown verkündet, meldeten sich zuallererst zwei Barsortimente und die bekannten Filialisten mit pauschalen Forderungen bezgl. Sonder-Valuten, Sonder-Rabatten, Sonder-Zahlungszielen bei vielen Verlagen.  Als ob die Verlage nicht genauso vom Lockdown, von Umsatzausfällen etc. betroffen gewesen wären. Selbstverständlich galt es, den Handel zu erhalten, zu unterstützen – hier wurde jedoch qua Marktmacht einfach „durchgereicht“. Soviel zum Thema „Brachensolidarität“ in unserem Drei-Sparten-Club. Viele bewundernswerte Independent-Buchhandlungen haben die Lage mit viel Einsatz bewundernswert gemeistert. Ich ziehe den Hut vor all diesen engagierten, pfiffigen Kolleginnen und Kollegen!

Was war 2020 Ihr schönster Erfolg?

Für mich völlig überraschend: Der Bestseller-Erfolg der „Berliner Briefe“ von Susanne Kerckhoff, die Peter Graf für den Verlag Das Kulturelle Gedächntnis wieder entdeckt hat. Wir hatten keine 300 Vormerker zur Auslieferung – und haben nun an die 10.000 Expl. absetzen können.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Dass Martin Beradts wunderbarer Roman aus dem jüdischen Scheunenviertel im Berlin der 1920er Jahre „Beide Seiten einer Straße“ bisher keine 800 Käufer gefunden hat.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag im letzten Jahr?

Ich mag einen Typus benennen: Buchhandlungen und Verlage, die weiterhin sich nicht nur am „Mainstream“ orientieren, sondern Programm machen, entdecken, zum Entdecken einladen. Pars pro toto — alle Buchhandlungen, die sich angesprochen fühlen, sind auch gemeint. Buchhandlungenwie die Schleichers, Bingers, Ozelots, Moths‘, Dombrowskys, Hoffmanns (in Achim), Bittners, Felix Juds, Connewitzer, Fabulariums, Zapatas, Lehmkuhls, Wiernys, Benders, Lengfeldschen dieses Landes…

Verlage: Ganz neu für mich entdeckt habe ich den Verlag der Connewitzer Verlagsbuchhandlung mit seinen wunderschön gestalteten, typographisch reizvollen Büchern. Ein großes, wenn auch kurzes Lesevergnügen (Autor Jörg Jacob): Herr Tod will sterben  und Herr Tod wil leben/Godot gießt nach!

Von welchem Thema wollen Sie im neuen Jahr nichts mehr lesen?

Weiteren Rabattorderungen der Barsortimente und Filialisten.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Wie unabhängige Buchhandlungen die Krise bewältigt haben/bewältigen. „Best practise“ zur lokalen Kundenbindung.

Und Verkaufsschulung: Wie verkauft man auch höherpreisige Bücher, Vorzugsausgaben… Die Kunden gibt es!

Welchen Fehler aus dem letzten Jahr möchten Sie im neuen Jahr vermeiden?

Fehler? Welche Fehler? Ha, ha! Mehr Gelassenheit, weniger Drang zu „Perfektionismus“. Weniger ist mehr!

Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?

Vermutlich: Weiterhin Drang zu „Perfektionismus“, ohne dem je genügen zu können. Ich fürchte, ich kann da nicht aus meiner Haut.

Welches Buch hat Ihnen 2020 besonders viel Freude gemacht?

Von Tobias Roth: Die Welt der Renaissance! Erschienen bei Galiani. Ein Meisterwerk! (Die ZEIT schrieb, in der Renaissance hätte man dafür Tobias Roth wohl zum Kardinal ernannt!)

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis: Wortschönheiten aus – lange vor Grimm – Jacobs Sprengs (1699-1768) gigantischem, 20 Folianten umfassenden und noch nie veröffentlichten Wörterbuch der deutschen Sprache, dem „Glossarium Teutonicum“, entdeckt in einem Archiv in Basel. Das Buch  enthält viele wunderschöne deutsche Wörter, die auch Gebrüder Grimm nicht kannten: Eulenlicht, Abfäumling,  Löselnächte, Mondschaum, Ohruwel, Trauerbaum, Verfinsterungszoll…

Im Verlag Faber & Faber die wunderbare Erzählung von Anna Kergagi aus dem kleinen Stamm dernomadisch lebenden Nenzen  in Westsibirien, mit einer Fotostrecke von Sebastiao Salgado.

Von wem würden Sie gern auch mal  die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Von Christian von Zittwitz himself!

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben,  hätten Sie gern beantwortet?

Die können Sie auch nicht beantworten: Warum wählte eine Mehrheit der bibeltreuen Amerikaner, der Evangelikalen, die an die 10 Gebote glauben, einen Rassisten, vermutlichen Ehebrecher und „Pussigrabscher“, einen mehrfachen Bankrotteur, vermutlichen Steuerbetrüger und erwiesenen Dauer-Lügner? Nicht die Mehrheit der Amerikaner, aber doch über 70 Millonen!

Hier können Sie die auch beantworten:

Weil diese  (u.a.) nicht lesen! Sich nicht neutral und objektiv informieren wollen. Nicht ohne Grund haben Fürsten, Kirche, Autokraten in der Vergangenheit die Untertanen von Bildung und Büchen versucht fern zu halten…

Gestern antwortete Jan Weitendorf von Hacht, morgen fragen wir Sybil Gräfin Schönfeldt.

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