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Wie war Ihr Jahr, Manfred Metzner?

Seit Nikolaustag fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2023 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Manfred Metzner (Verleger des Wunderhorn Verlags) unseren „anderen Fragebogen“: 

Manfred Metzner: „Mehr lesen möchte ich über den alltäglichen Rassismus in unserem Land, und wie wir zusammen dagegen vorgehen, Projekte entwicklen, die in unseren Alltag hineinwirken und unsere Gesellschaft verändern, die ja meist so tut als sei sie super tolerant und weltoffen“ (c) Wunderhorn Verlag

Welcher Tag war Ihr schönster in diesem Jahr?

Jeder Tag, da das Wunderhorn-Team die schweren  Jahre seit der Pandemie bis heute durchgehalten hat und weiter außergewöhnliche Bücher verlegen kann.

Worüber haben Sie sich 2022 am meisten geärgert?

Nicht geärgert, ich war nur sehr enttäuscht, dass es der Jury des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels nicht gelungen ist, den Preis zwischen Serhij Schadan, der den Preis uneingeschränkt verdient hat,  und unserem Autor Juri Andruchowytsch, den ich vorgeschlagen hatte, zu teilen. Es wäre generationenübergreifend eine schöne Geste gewesen, da auch Juri seit den 2000er Jahren für die orangene Revolution und u.a. 2014 für die Maidan-Revolution der Demokratie-Bewegung in der Ukraine steht.

Was war 2022 Ihr schönster Erfolg?

Die im deutschen Sprachraum völlig unbekannte malaysische Autorin Chuat Guat Eng mit „Echos der Stille“, ihrem kunstvoll komponierten, unterhaltsamen Gesellschaftsroman, der vom heutigen Malaysia bis in die britische Kolonialzeit und japanische Besatzung zurückreicht,  bekannt zu machen. Und Platz 1 der DLF-Krimi-Bestenliste Oktober zu erreichen.

 Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

… dass es bisher nicht gelungen ist, Annette Hugs außergewöhnlichen Roman „Tiefenlager“ in Deutschland durchzusetzen. In herkömmlichen Romanen geht es meist um die ewiggleichen Themen wie Liebe und Kindheit, Erinnerung und Alter, soziale Herkunft …  Annette Hug stellt sich in ihrem Roman «Tiefenlager» einem drängenden Zukunftsproblem, ohne aber ins Science-Fiction- oder Fantasy-Genre abzudriften: Es geht um die Endlagerung des Atommülls und wie man das Wissen um die Gefahren dieses hochaktiven Abfalls auch in kommenden Generationen sicherstellt. Sehr aktuell:  Die Debatte um neue Atomkraftwerke und die Suche nach einem Endlager. Leider hat auch jede Buchpreis-Jury den Roman ignoriert.

Ihre schönste Buchhandlung / Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?

Schönheit und Liebe sind relativ! Alle unabhängigen Buchhandlungen und Verlage, die in diesen schwierigen Zeiten durchhalten und das Buch als Kulturgut verteidigen, trotz erheblicher Umsatzrückgänge, steigender Papier-und Energiekosten etc.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?

Es sind zu viele.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Über den alltäglichen Rassismus in unserem Land, und wie wir zusammen dagegen vorgehen, Projekte entwicklen, die in unseren Alltag hineinwirken und unsere Gesellschaft verändern, die ja meist so tut als sei sie super tolerant und weltoffen.

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Zu wenig Zeit mit meinen Freundinnen und Freunden zu verbringen.

Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?

Meinen Kochkünsten keine Chance zu geben.

Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?

Das wunderbare Buch „Der Rhein“ von Hans Jürgen Balmes. Da ich in Friedrichshafen am Bodensee aufgewachsen bin, hat der Rhein schon immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt. Und jetzt kenne ich seine ganze Geschichte.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Sicherlich sind alle Bücher in unserem Programm die wichtigsten, aber über eins freue ich mich ganz besonders: Jörg Burkhards „ex&hopp, kolumnen für die flaschenpost“. Jörg Burkhard war 1968 der erste linke Buchhändler in Deutschland. Er ist einer der originellsten und innovativsten Schriftsteller deutscher Sprache, von der deutschen Literaturszene seit Jahrzehnten übersehen.

Von wem würden Sie gern auch mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Beatrice Faßbender

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?

Warum sind Sie für die strukturelle Förderung von unabhängigen Verlagen, wie sie in anderen Ländern schon längst gang und gäbe ist?

Hier können Sie die auch beantworten:

Die unabhängigen Verlage gewährleisten die künstlerische und thematische Vielfalt unserer kulturellen Landschaft zur Stärkung der Weltoffenheit, Demokratie und Vielheit unserer Gesellschaft. In der Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung steht ein entsprechender Arbeitsauftrag. Die Bundesregierung ist jetzt ein Jahr im Amt und wir haben davon nichts mehr gehört, obwohl für andere Branchen, gerade auch in der Kultur-und Kreativwirtschaft, immer schnell finanzielle Unterstützung gefunden wird.

Gestern fragten wir Anne Friebel, morgen antwortet Herbert Ullmann

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