"Oktoberfest 1900" (S.Fischer) sprang auf Anhieb auf die Spiegel-Bestsellerliste. Wir sprachen mit der Autorin Petra Grill und dem Produzenten der gleichnamigen Serie, Michael Souvignier „Die meisten Geschichten, in der Serie wie im Roman, sind zeitlos: Freundschaft, Gier, Liebe, Mord, Ausbeutung, Verrat und die Sehnsucht nach einem besseren Leben“

Pünktlich zum Oktoberfest 2020 hätte sie starten sollen, die große ARD-Serie „Oktoberfest 1900“. Doch dann fiel die „Wiesn“ dem Virus zum Opfer. Für das Erste kein Grund, die Serie aus dem Programm zu nehmen. Im Gegenteil: Nach klassischer Jetzt-erst-recht-Manier hat man die Serie mit großem Aplomb herausgebracht. Auch S. Fischer hat sich nicht einschüchtern lassen und den Roman zur Serie unbeirrt an den Start gebracht. Der Erfolg gibt dem Verlag recht: Oktoberfest 1900 von Petra Grill sprang auf Anhieb auf die Spiegel-Bestsellerliste. Wir sprachen mit dem Produzenten der Serie, Michael Souvignier, und mit der Autorin des Romans gesprochen.

Petra Grill lebt in Erding und arbeitet in einer kleinen Buchhandlung in München. Zum Schreiben kam sie über Fanfiction und ihr Interesse an Geschichte; ans Veröffentlichen dachte sie ernsthaft erst, nachdem sie, als eifrige Leserin von Jane Austen-Romanen, zum Schluss gekommen war, die napoleonische Epoche sei eigentlich haargenau das Gleiche wie Jane Austen – nur mit mehr Kanonen. Unter Pseudonym hat sie bereits mehrere historische Romane veröffentlicht. „Oktoberfest 1900“ ist ihr erster Roman in einem klassischen Verlag (c) Hans Moritz

BuchMarkt: Frau Grill, seit ein paar Tagen kann man „Oktoberfest 1900“ endlich sehen. Wie fühlt sich das an: Eine Serie zu sehen, die man selbst – aber ganz anders – als Roman erzählt hat?

Petra Grill: In erster Linie bin ich stolz und sehr dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe. Und es war tatsächlich ein ganz seltsames Gefühl, die Serie, nachdem ich die Drehbücher gelesen und mich so lange mit den Figuren auseinandergesetzt hatte, dann tatsächlich zu sehen. Ich glaube, ich war dabei aufgeregter als am Erscheinungstag des Romans.

Worin liegt für Sie der besondere Unterschied zwischen Fernsehserie und Roman?

Die Schwerpunkte sind ganz anders gesetzt. In der Serie stehen die Machenschaften rund um Prank und Stifter und das Schicksal der Familie Hoflinger im Mittelpunkt; im Roman wird in erster Linie die Geschichte Colinas erzählt. Dadurch, dass ich mich im Wesentlichen auf diese eine Figur konzentrieren konnte, während die Serie viele verschiedene Handlungsstränge nebeneinander balancieren muss, konnte ich mir auch etwas mehr Zeit lassen und auf manche Dinge, die in der Serie nur kurz angerissen werden, etwas genauer eingehen.

Es kommt ja nicht oft vor, dass eine TV-Serie novellisiert wird, noch dazu vor ihrer Fertigstellung. Wie frei konnten Sie arbeiten? Wie eng mussten Sie sich an Vorgaben des Senders oder des Produzenten halten?

Ich glaube, ich hätte mich viel weiter vom Drehbuch entfernen können, als ich mich das letztlich (bei meinem allerersten Verlagsbuch) getraut habe. Aber Colinas Geschichte war so gut und ihre Figur so ungemein liebenswert, dass mir das auch nicht wirklich in den Sinn kam. Die einzige wirklich größere Änderung ist eine zusätzliche Figur, durch die wir der Münchner Polizei über die Schulter schauen und zumindest am Rande über die Intrigen auf der Wies’n informiert bleiben können.

Sie haben in Ihrem Roman eine ganz andere Perspektive eingenommen als der Film bzw. die Perspektiven sind sehr anders gewichtet: Was war Ihnen dabei wichtig?

Ich wollte als Hauptfigur gern jemanden, mit dem man sich gut identifizieren kann; da drängte sich Colina einfach auf. Sie ist gewitzt, sie ist mutig, und sie setzt sich mit ganzer Kraft auch für andere ein. Außerdem steht sie stellvertretend für ihren ganzen Berufsstand; wie sie versucht, sich aus ihren prekären Verhältnissen zu befreien, eine Freundschaft zu Clara aufbaut und dabei eine gewaltige soziale Kluft überwindet, ist auf jeden Fall eine Geschichte, die auch heute Mut macht. Die zweite Perspektive, die Aulehners, erlaubt es, die Handlung etwas mehr im historischen München zu verankern und auch eine männliche Stimme zu Wort kommen zu lassen.

Gibt es für Sie Figuren, die Ihnen besonders ans Herz gewachsen sind?

Witzigerweise Franziska zu Reventlow. Ich kannte von ihr vor dem Schreiben kaum mehr als den Namen, stand dieser Figur zunächst sehr skeptisch gegenüber und mochte sie immer lieber, je mehr ich über sie las. Außerdem natürlich Aulehners leidgeprüfter Chef, Inspektor Eder. Ludwig und Maria Hoflinger hätte ich gern auch noch viel mehr Szenen und Seiten gegönnt – aber es hätte die Geschichte gesprengt.

Weshalb sollte ich noch den Film sehen, wenn ich das Buch gelesen habe?

Weil der Film in Curt Prank einen wunderbaren Helden-Bösewicht hat, von dem im Roman leider viel zu wenig vorkommt, weil die Handlung der Serie viel umfangreicher ist als die des Buchs und weil der Roman ausdrücklich nicht alle Geheimnisse auflöst und Verbrechen aufklärt. Wer alle Morde sehen, alle Intrigen durchschauen und alle Mörder kennenlernen will, der muss schon den Fernseher einschalten.

Und weshalb das Buch lesen, nachdem ich die Serie geguckt habe?

Weil Colina »off-screen« eine ganze Menge mehr erlebt hat als in der Serie, und weil ihre Geschichte, die in der Serie nur eine unter vielen ist, es wirklich verdient hat, eigenständig erzählt zu werden. Weil wir uns auf ihren Spuren und auf denen der Gendarmerie das München der Jahrhundertwende samt seiner Schwabinger Bohème noch weit detaillierter anschauen können als in der Serie.

Und weil Eder sonst Aulehners schlechte Laune ganz allein aushalten muss; das kann man dem armen Kerl nicht zumuten.

Was sagt uns „Oktoberfest 1900“ heute überhaupt? Hat dieser Stoff für Sie eine Relevanz für die Gegenwart?

Jetzt mal unabhängig davon, dass es ja tatsächlich immer mal wieder zaghafte Versuche auswärtiger Brauereien gibt, auch heute noch, einen Platz auf dem Oktoberfest zu ergattern, sind die meisten Geschichten, in der Serie wie im Roman, zeitlos: Freundschaft, Gier, Liebe, Mord, Ausbeutung, Verrat und die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Mir ist gerade bei Colinas Geschichte wieder einmal klar geworden, wie hart frühere Generationen um eine Gerechtigkeit kämpfen mussten, die für uns heute normal ist. Sich das bewusst zu machen, schärft hoffentlich den Blick dafür und warnt uns, wenn sich ähnliche Ungerechtigkeiten in der Gegenwart wieder entwickeln.

Michael Souvignier ist Filmproduzent, Regisseur und Fotograf. Zu seinem bekanntesten Produktionen gehören „Das Wunder von Lengede“, „Contergan“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“. Er ist Träger des Grimme-Preises und wurde außerdem u.a. mit dem Deutschen Fernsehpreis, dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Seine Serie „Oktoberfest 1900“ ist eine der wichtigsten ARD-Produktionen der letzten Jahre und wird ab 1.10. bei Netflix zu sehen sein (c) Stephan Pick

Herr Souvignier, mit Ihrer Serie „Oktoberfest 1900“ haben Sie polarisiert. Den einen wird zu viel Hochdeutsch gesprochen, den anderen zu viel Bayerisch. Was ist es denn nun für eine Geschichte? Eine Münchnerische? Eine Bayerische? Eine Deutsche?

Michael Souvignier: Ich denke nicht in diesen Kategorien. Wir Filmemacher sind Geschichtenerzähler, die sollen einen fesseln, emotionalisieren und natürlich unterhalten. Der internationale Oktoberfestbrand eignet sich natürlich ausgezeichnet für diese shakespearehafte Serie, basierend auf wahren Gegebenheiten. Im Stil wie „Gangs of New York“ oder Peaky Blinders“. Die internationale Machart führte auch dazu, dass wir die Serie an Netflix verkaufen konnten und sie ab dem 1.10 dort weltweit zu sehen sein wird. Es ist wichtig, dass wir unsere Stoffe nicht als provinziell verstehen und nur Produktionen aus Amerika als international relevant. Das war noch nie richtig – aber es ändert sich auch im Bewusstsein zurzeit stark.

Dass sich die Oktoberfestwirte über das schlechte Bild beschwert haben, das sie in Ihrer Serie abgeben, dürfte Sie gefreut haben, oder?

Das habe ich erst gar nicht glauben können, dachte es wäre ein Witz. Wir erzählen ja eine rein fiktionale Serie, die vor mehr  120  Jahren spielt. Deshalb konnte ich mir den Bezug gar  nicht herleiten. Vielleicht betrachten sie die Serie aber jetzt auch etwas milder, wo sie wissen, wie viele Menschen sich dadurch zusätzlich fürs Oktoberfest interessieren. Jetzt können die Wirte die Filme sehen und wissen auch, worüber sie sprechen.

Zeitgleich mit der Serie ist ein Roman „Otoberfest 1900“ erschienen, das Buch zum Film sozusagen. Dass ein Roman verfilmt wird, das kennt man. Aber kann man einen Film auch novellisieren?

Das Oktoberfest, unsere Serie bietet eine so breite Range für Erweiterung, da hätten noch weitere Erzählungen jeder Art Platz gehabt. Wer weiß, vielleicht begründen wir ja mit diesem Buch das Genre des Oktoberfestromans? Petra Grill hat jedenfalls eine großartige Adaption unseres Stoffs geschaffen.

Weshalb sollte ich noch den Film sehen, wenn ich das Buch gelesen habe?

Oder umgekehrt. Das tolle sowohl bei der Serie als auch beim Buch ist doch, dass der Seher/Leser ganz viel über die Zeit, die Epoche, die beginnende Emanzipierung,

den Kampf der Soziallisten gegen das Kapital, über Thomas Mann und Kandinsky, die in München lebten (im Jahr 1900 schrieb Mann die Buddenbrocks), über die Boheme und den Simplizissimus erfahren, natürlich auch über die rauen Sitten auf dem Oktoberfeste – und dies alles auf unterhaltsame Art und Weise.

Und weshalb das Buch lesen, nachdem ich die Serie geguckt habe?

Buch und Serie zeigen auf faszinierende Weise, wie viele unterschiedliche Geschichten eine große Erzählung bilden! Keine Geschichte ist im Grunde jemals auserzählt. Aber auf einer simpleren Ebene: Es macht einfach Spaß, sich in diese Welt zu begeben und sich noch etwas mehr darin zu bewegen.

Haben Sie bei der Buchwerdung Ihrer Serie eigentlich mitgesprochen? Oder hatte der Verlag bzw. die Autorin da völlig freie Hand?

Die Autorin und der Verlag hatten völlig freie Hand. Film und Buch sind wie Geschwister: zwei unabhängige Kunstwerke.

Was sagt uns „Oktoberfest 1900“ heute überhaupt? Hat dieser Stoff für Sie eine Relevanz für die Gegenwart?

Das hat er. Wie alle menschlichen Geschichten die einen berühren. So sehr hat sich der Mensch in den letzten 120 Jahren nicht verändert. Und ich habe gerade besonders das Gefühl, die Zeiten werden wieder extremer.

Wir erzählen den Wendepunkt in der Geschichte der Wiesn: Auf dem Weg in das 20. Jahrhundert revolutioniert ausgerechnet ein Zugereister aus Nürnberg dieses Volksfest und baut die größte Bierburg seiner Zeit für 6000 Gäste. Und dazu ist ihm jedes Mittel Recht. Es ist eine Geschichte über Liebe, Eifersucht, Haltung in schweren Zeiten, Verlust und Verrat, Eifersucht, Intrigen und Sabotage. Aber eben auch über kapitalistischen Größenwahn und das Entstehen von Massenveranstaltungen mit all ihren Begleiterscheinungen. Ein Spiegel unserer Zeit!

 

 

 

 

 

 

 

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