Barbara Kalender und Richard Stoiber über den Relaunch des März Verlags „Es herrscht Aufbruchstimmung“

Vor einem guten Jahr starb Jörg Schröder, der legendäre Verleger des 1969 von ihm gegründeten März Verlags, den er später gemeinsam mit seiner Frau Barbara Kalender führte. Seit 1988 schlummerte das Verlagsarchiv im Literaturarchiv Marbach und in der Universitätsbibliothek Leipzig. Nun kehrt der März Verlag in die Gegenwart zurück. Barbara Kalender hat mit Richard Stoiber, langjähriger Lektor bei Matthes & Seitz Berlin, einen neuen Verleger für den März Verlag gefunden. Im Frühjahr 2022 soll das erste Programm der neu gegründeten März Verlag GmbH erscheinen. Das war Anlass für ein Gespräch mit Barbara Kalender und Richard Stoiber über die „Selbstverständlichkeit, den Verlag zu reaktivieren“:

Richard Stoiber (links neben ihm Barbara Kalender):  „Ich halte März deshalb für so produktiv und wichtig für die Gegenwart, weil hier seit 1969 die Fragen gestellt werden, die heute umso drängender sind, nämlich die nach der Verknüpfung von Begehren und Gesellschaft, von Körpern und Kapitalismus. Theoretisch und wissenschaftlich wird dazu viel gearbeitet. Es fehlt aber an einem Verlag, einem Ort, an dem genau für diese Fragestellungen auch literarische und künstlerische Freiräume geschaffen werden“ © Christian Werner

 Was hat Sie bewogen, den März Verlag nach über 30 Jahren zu reaktivieren?

Barbara Kalender: Nach dreißig Jahren war unser Work in Progress Schröder erzählt abgeschlossen. Und nach dem Tod meines Mannes suchte ich neue Partner. Gründe für einen Relaunch gibt es genug: Wegen des nicht nachlassenden Interesses an März. Es fanden einige Ausstellungen über den Verlag statt, zuletzt in der Universitätsbibliothek Leipzig. Außerdem erhielt ich regelmäßig Anfragen von Verlagen wegen Lizenzausgaben, denn sehr viele Bücher sind auch heute noch aktuell. Hinzu kommt noch das rege Interesse an den Verlagsarchiven in Marbach und Leipzig.

Woher nehmen Sie den Mut für einen Neustart?

BK: Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, den Verlag zu reaktivieren. Ich kann ja auch nichts anderes als Büchermachen, schließlich tue ich es seit 1980.

Richard Stoiber: Diese Antwort möchte ich auch geben, wobei ich deutlich später mit dem Büchermachen begonnen habe. Mut braucht es dafür nicht viel, nur ein wenig Glück.

Wie sind Sie beide zusammengekommen?

BK: Ich suchte einen Partner, fragte einige Verleger und ging auch zu Matthes & Seitz. An­dreas Rötzer und Richard Stoiber waren von Anfang an begeistert. Gemeinsam suchten wir dann nach einem Weg, März neu zu starten.

RS: Schon als ich mit 18 Jahren erste dilettantische Heftchen mit Texten aus meinem Freundeskreis veröffentlicht habe, war Jörg Schröder mein verlegerisches Idol. Diese unerreichbare Coolness, der Sex, die politische Chuzpe, aber auch der Mut zur schier dadaistischen Aktionskunst: das wollte ich auch! Als dann irgendwann Barbara Kalender vor mir stand, wusste ich, dass ich mein Versprechen, bis zur Rente bei Matthes & Seitz zu bleiben, werde brechen müssen.

War es schwer einen Partner zu finden?

BK: Nein, gar nicht, es war sehr interessant, ich erfuhr viele Neuigkeiten aus der Buchbranche. Auch herrscht Aufbruchsstimmung, in den letzten eineinhalb Jahren wurden einige Verlage gegründet.

RS: Nachdem klar war, dass es mit März weitergehen muss, konnte ich mich recht schnell mit Andreas Rötzer von Matthes & Seitz, für den ich fast zehn Jahre lang gearbeitet habe, und mit Andreas Guse, der als IT-Berater tätig ist, zusammenfinden. Wir waren alle gleichermaßen von der Geschichte, aber auch der Aktualität und den Möglichkeiten von März begeistert. So haben wir im Juni die März Verlag GmbH gegründet, und ich bin sehr glücklich, diese beiden mit an Bord zu haben, weil sie nicht nur ein immenses Wissen mit in den Verlag bringen, sondern auch einen frischen Geist.

Welche Ziele verfolgen Sie beide? Und auf welche Themen setzen Sie?

RS: Die Tradition von März fortzusetzen. Das bedeutet, wir möchten die politische und künstlerische Bewegung des 20. Jahrhunderts fördern, die Avantgarde. Gleichzeitig aber auch offen sein für die Tendenzen der Gegenwart, das heißt die Avantgarde von morgen.

BK: Übrigens verlegte März nie nur Belletristik, sondern Bildbände, Comics, Politisches, Pornografie, Kinderbücher, Theorie und war immer offen für alles Neue. Ich liebe die Vielfalt.

Werden die MÄRZ-Klassiker in dem typischen gelb-rot-schwarzen Design erscheinen?

BK: Natürlich werden die März-Klassiker so erscheinen, wie Jörg Schröder sie entworfen hat. Er war ja nicht nur der Verleger, sondern auch Buchgestalter und Schriftsteller. Die neuen Titel hingegen werden sich absetzen …

RS: … was sich sowohl inhaltlich als auch ästhetisch zeigen wird. Eine Leitlinie zu haben, sich immer wieder orientieren zu können an einem verlegerischen Ideal, ist dabei eine große Hilfe. Denn eines ist klar: Auch die neuen Bücher sollen den einstigen Ansprüchen genügen und Teil des März-Kosmos werden.

Wie viele Titel planen Sie pro Saison?

BK: Im Frühjahr 2022 erscheinen drei Neuausgaben aus der Backlist, die ich herausgeben werde, und drei Novitäten.

RS: Ab dem zweiten Programm erhöhen wir die Schlagzahl dann auf acht Titel pro Programm.

Wo setzen Sie Schwerpunkte bei den Neuerscheinungen?

RS: Ich halte März deshalb für so produktiv und wichtig für die Gegenwart, weil hier seit 1969 die Fragen gestellt werden, die heute umso drängender sind, nämlich die nach der Verknüpfung von Begehren und Gesellschaft, von Körpern und Kapitalismus. Theoretisch und wissenschaftlich wird dazu viel gearbeitet. Es fehlt aber an einem Verlag, einem Ort, an dem genau für diese Fragestellungen auch literarische und künstlerische Freiräume geschaffen werden.

Ist der März Verlag überhaupt noch genügend in den Köpfen der Leserinnen und Leser präsent?

BK: Klassiker bleiben aktuell, sonst wären sie keine. Und März hat eine Menge Bücher verlegt, die Bestseller wurden und noch heute gelesen werden. Diese Titel veröffentlichen wir jetzt wieder.

RS: Ich merke es auch in meiner Generation. Wer sich für Verlage interessiert, der kennt März. Wer viel liest, auch abseits der behäbigen Einschlafliteratur, kommt früher oder später auf März-Titel. Jetzt setzen wir der Belanglosigkeit neue funkelnde Perlen entgegen.

Welche Zielgruppe wollen Sie mit Ihrem Programm ansprechen?

BK: Wie Jörg Schröder im Film Die März-Akte bereits treffend sagte: „Ich kümmere mich nicht um ein Publikum …“ Er wählte die Bücher aus, die ihm gefielen. Das war sein Kriterium und sonst nichts. Entweder man hat das Gespür oder nicht. Deshalb gibt es nur wenig bedeutende Verleger.

RS: Wenn ich an die Pseudopsychogramme denke, die manche Vertriebsabteilungen großer Verlage von ihren „idealen Leserinnen“ entwerfen, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Erstens ist die Zielgruppe für jedes Buch anders, zweitens sind März-Bücher für alle da.

Wie machen Sie den Buchhandel auf den März-Relaunch aufmerksam?

BK: Mit Prolit haben wir einen großartigen Partner, um gleich zu Beginn im Handel präsent zu sein. Auch unsere Vertreterinnen und Vertreter in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind unsere Wunschbesetzung. Die Presse- und Vertriebsarbeit übernehme ich, sowie auch die Pflege von VLB-Tix, Richard ist für Werbung und Marketing zuständig.

RS: Die Vorschau ist also Gemeinschaftsarbeit, wie ja eigentlich alles bei uns. Gerade gehen wir verschiedene Entwürfe durch, die uns alle so gut gefallen, dass wir uns kaum entscheiden können. Daneben wird Ende des Jahres eine neue Website online gehen, auf der man sich informieren und unterhalten lassen kann.

Endkundenwerbung werden wir vor allem auf Social Media schalten, wo wir ganz unmittelbar in Kontakt mit unseren Leserinnen und Lesern treten wollen. Auf klassische Anzeigenwerbung werden wir aber dennoch nicht komplett verzichten. Auch mit dieser Arbeit unterstützen wir den Buchhandel, denn wer ein interessantes Buch fünf Mal sieht, auf Instagram, in der Zeitung, braucht es in der Buchhandlung nur ein weiteres Mal zu sehen, um es gleich mitzunehmen.

BK: Der Buchhandel ist für uns natürlich der wichtigste Vermittler unserer Bücher, weshalb wir gleich zu Beginn einige Plakate und Werbematerialien mit anbieten werden. Auch Leseexemplare, gedruckt und digital, stellen wir zur Verfügung.

Auf welches Buch aus dem ersten Programm freuen Sie sich am meisten?

BK: Mein Favorit ist Jules VallèsJacques Vingtras. Der erste Band dieser Trilogie erscheint im Februar. Vallès erzählt von den aufsässigen, jungen Intellektuellen am Rande der Gesellschaft in der Zeit der Pariser Kommune. Die Parallelen zu heutigen Verhältnissen drängen sich auf: Damals wie heute schlägt das akademische Proletariat sich notdürftig durch, kämpft mit Armut und Arbeitslosigkeit.

RS: Ich freue mich vor allem darauf, dass Valerie SolanasSCUM-Manifest wieder lieferbar sein wird. Die Frage danach, wie wir leben wollen, hat niemand je so radikal beantwortet wie sie. Dass der Text aber bei allem revolutionären Tenor eine weitere Ebene aufweist, ja, von der Autorin selbst stets auch als Satire bezeichnet wurde, kann jetzt hoffentlich neu erschlossen werden. Es ist erstaunlich, wie viele kluge Einsichten dieser schmale Band liefert.

Die Fragen stellte Margit Lesemann

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