Heute: Prof. Christine Haug: Warum gehen Frauen professioneller mit Büchern um – und warum stehen so wenige ganz oben auf dem Treppchen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Buchwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Haug.

Christine Haug ist gelernte, berufserfahrene Buchhändlerin (Bücherstube Jastram, Ulm, Ferbersche, Gießen) habilitierte in Mainz; Professorin für Buchwissenschaft und seit 2006 Leiterin der Studiengänge Buchwissenschaft an der Universität München.

Christine Haug:
„Vielleicht lernen wir
voneinander…

Frauenbranche Buchhandel – wie viele Prozent sind es wirklich über alle Sparten und alle Hierarchie-Ebenen?

Christine Haug: Einer viel zitierten Schätzung zufolge liegt der Frauenanteil über alle Teile der Buchbranche bei ca. 55 % – wobei ich allen solchen Schätzungen gegenüber skeptisch bin. Dass der Sortimentsbuchhandel stark frauendominiert ist…

… mit einem Anteil von 85 % Frauen an den eingestellten Auszubildenden in 2008…

Christine Haug: … schlägt sich natürlich in einem hohen Frauenanteil bei den Neuzugängen unseres Bachelor-Studiengangs nieder. Ein ausschlaggebender Grund dafür ist sicher auch die Karriere-Unzufriedenheit der Studentinnen: in den mittelständischen Unternehmen, in denen sie gelernt haben, kommen sie nicht mehr weiter, entschließen sich zum Studium und gehen anschließend größtenteils in den Verlag.

Was spricht Frauen am Buchmarkt so an, oder anders gefragt: gibt es etwas, was Männer daran abschreckt?

Christine Haug: Frauen haben mehr Interesse an der inhaltlichen Dimension des Publizierens. Frauen spricht es aber auch an, dass sie ihre soziale Kompetenz gut einbringen können: Sie wollen über die Inhalte in den Dialog treten, sie wollen Menschen beraten und von den Qualitäten der Produkte überzeugen. Männer haben Einkommen und Status stärker im Fokus, was aber klarerweise auch mit der traditionellen Verteilung der ökonomischen Rollen der Geschlechter zu tun hat, die Männern meist noch die Ernährerfunktion für die Familie zuweist.

Und warum sind Frauen so besonders gut?

Christine Haug: Dass Frauen professioneller mit Büchern umgehen, würde ich nicht unbedingt stehen lassen. Ich kenne viele Männer, die nicht weniger professionell mit Büchern umgehen als ihre Kolleginnen. Frauen sind auch nicht notwendigerweise inhaltsbezogen, während Männer nicht notwendig den ökonomischen Aspekt des Buchhandels im Visier haben. Man müsste das genau untersuchen, ob hier traditionelle Rollenzuweisungen nicht das vorherrschende Bild verzerren.

Andererseits ist nicht zu leugnen, dass bei männlichen Jugendlichen das Leitmedium nicht das Buch ist – im Gegenteil werden männliche Buch-Liebhaber von ihren Altersgenossen oft als Sonderlinge behandelt.

Christine Haug: Männliche Jugendliche müssen tatsächlich intensiver umworben und für Bücher begeistert werden.

Sehen Sie bei Ihren Student/innen einen Unterschied zwischen Männern und Frauen im Umgang mit dem Buch?

Christine Haug: Wir stellen keine Unterschiede fest, aufgrund der geringen Zahl an männlichen Studenten ist das aber schwer verlässlich zu sagen. Jedenfalls sehen wir, dass weibliche Studenten sich mit den „typisch männlichen“ Leitmedien – also den elektronischen Medien – genauso intensiv beschäftigen wie ihre Kommilitonen. In den Aufbaustudiengang kommen viele Frauen mit der Idee „Ich will Lektorin werden!“ und sehen im Verlauf der Ausbildung, dass es im Vertrieb, im Marketing, in der Pressearbeit usw. noch mehr Berufsfelder gibt. Diesen wenden sie sich genauso zu wie die Männer.

Andererseits gibt es Unternehmen, bei denen praktisch die komplette zweite Führungsebene weiblich ist – nur in der ersten fehlen die Frauen…

Christine Haug: Auf Geschäftsführungsebene wird der Frauenanteil tatsächlich geringer, das ist aber nicht branchenspezifisch. Das sehen wir auch bei BMW oder Telekom. Prekäre Arbeitsverhältnisse gibt es auch an den Universitäten, und unter Professoren sind Frauen schließlich auch seltener vertreten.

Ist es Ihr persönliches Anliegen, daran etwas zu ändern?

Christine Haug: Es ist schon allein mein beruflicher Auftrag. Das betrifft die Branche, aber es betrifft auch den wissenschaftlichen Nachwuchs. Wir müssen gute weibliche Kräfte fördern und ihnen helfen, Beschäftigung und Erziehung unter einen Hut zu bringen. Dazu kommt die Persönlichkeitsbildung: wir hören oft sogar von der Arbeitgeberseite, dass vielen Frauen die Kraft zur Durchsetzung etwa in Gehaltsverhandlungen fehlt. Die erwarten das einfach von ihren Führungskräften. Daher wollen wir außerhalb des regulären Ausbildungsplans Coachings für Bewerbung, Gehaltsgespräche usw. mit externen Trainern anbieten.

Sind das Veranstaltungen, an denen nur Frauen teilnehmen dürfen?

Christine Haug: In diese Maßnahmen beziehen wir Männer unterschiedslos ein. Vielleicht lernen dabei beide voneinander…

In der schulischen Erziehung wird in den letzten Jahren das leistungsmäßige Zurückfallen der männlichen Schüler registriert und sehr ernsthaft über Jungen-Förderung nachgedacht – spüren Sie bei Ihren neuen Studenten schon die Bugwelle eines solchen Trends?

Christine Haug: Das kommt bei der Germanistik – der die Buchwissenschaft in München zugeordnet ist – noch nicht an. Aber generell müssen wir die Techniken des selbstständigen Arbeitens und das Basiswissen, zum Beispiel historische Kenntnisse, heute intensiver vermitteln, als das früher der Fall gewesen sein mag. Die Erhebung von Studiengebühren scheint auch ein gewisses Anspruchsdenken hervorgerufen zu haben nach dem Motto „Wenn ich schon pro Semester 500 € zahle, haben Sie dafür zu sorgen, dass ich eine vernünftige Bachelor-Arbeit schreiben kann!“

Im außeruniversitären Bereich fordern Sie Ihren Studenten jedoch durchaus Eigeninitiative ab …

Christine Haug: Aber wir unterstützen sie dabei. Das universitätsübergreifende Nachwuchsforum etwa zeichnet sich schon klar als Erfolgsmodell ab. Es wurde vor etwa einem Jahr auf Initiative der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft gegründet, in deren Vorstand ich bin und mit dem wir in München in engem Austausch stehen. Bei der ersten Tagung im April 2011 hatten wir über 40 Teilnehmer. Hier geht es zentral um den wissenschaftlichen Nachwuchs, dem wir einen Rahmen schaffen wollten für Kongresse, Projekte, Publikationsmöglichkeiten, Unterstützung bei wissenschaftlichen Arbeiten, Networking.

Wo kommt das notwendige Geld her?

Christine Haug: Das Graduate Center der LU München hat die Auftaktveranstaltung gesponsert. Die Jahrestagung wird durch die einzelnen kooperierenden Universitäten wandern, die dann jeweils Gastgeber sind. Das müssen die Studenten selbst organisieren. Aber auch Verlage dürfen uns gerne sponsern.

In der Organisation Ihrer Studiengänge hat sich ja einiges getan…

Christine Haug: Wir haben Bologna umgesetzt wie alle europäischen Universitäten und den Diplomstudiengang in den um ein Jahr verkürzten Bachelor-Studiengang überführt. Das zentrale Ziel bleibt die Verlagskarriere, die etwa zwei Drittel der Studierenden verfolgen. Das übrige Drittel interessiert sich für Forschung und Lehre. Die meisten Bachelor-Absolventen werden voraussichtlich den Master dranhängen. Wie der Arbeitsmarkt die Absolventen aufnehmen wird, ist noch nicht zu sagen. Die Eingangsvoraussetzungen in München sind wie gehabt: abgeschlossene Berufsausbildung als Medienkaufmann/-frau oder Buchhändler/-in. Das haben wir als wohl einziger BA-Studiengang an deutschen Universitäten Gott sei Dank in vielen Gesprächen und Telefonaten durchsetzen können.

Das bewahrt Sie sicher auch vor einer hohen Überzahl von Studienbewerbern?

Christine Haug: Anders als zum Beispiel Erlangen oder Mainz haben wir dadurch nicht mit hunderten von Bewerbern zu kämpfen.

Sie können sich also auf Lehre und Forschung statt auf Verwaltung konzentrieren?

Christine Haug: Das ist ein großes Privileg. Es gibt härtere Schicksale, als in München Buchwissenschaft zu lehren…

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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