Das Sonntagsgespräch Gunnar Cynybulk und Reinhard Rohn zu 70 Jahre Aufbau: „Ein Verlag mit Geschichte“

Vor genau 70 Jahren, am 16. August 1945, wurde in Berlin der Aufbau Verlag gegründet. Das ist Anlass für Fragen an Gunnar Cynybulk und Reinhard Rohn, die vor anderthalb Jahren die Verlagsleitung übernahmen.

Gunnar Cynybulk ist für Aufbau und Blumenbar verantwortlich, Reinhard Rohn für Aufbau Taschenbuch und Rütten & Loening.

BuchMarkt: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Wie ist die Stimmung im Jubiläumsjahr?

Gunnar Cynybulk, Reinhard Rohn

Gunnar Cynybulk: Die Stimmung wird von Tag zu Tag besser, weil wir in diesem Herbst wunderbare Bücher herausbringen. Schon im Juli ist Victor Klemperers Revolutionstagebuch 1919 erschienen, das auf Anhieb auf die Bestsellerliste kam. Außerdem hatten wir im Frühjahr viele Bestseller. Deswegen ist die Stimmung sehr gut. Und im September planen wir ein großes Fest. Wir rechnen mit 600, 700 Gästen und nehmen mit Interesse und großer Freude wahr, wie viel Sympathie es für den Aufbau Verlag gibt – bei der Presse und im Buchhandel.

Sie haben zum Jubiläum ein Logo entwickelt: Gestern.Heute.Aufbau. Welche Idee steckt dahinter?

Gunnar Cynybulk: Das Logo verbindet die beiden Schwungräder des Verlags: die Tradition und die Gegenwart. Aufbau gehört zu den wichtigen Verlagen im Bereich der Wiederentdeckung der modernen Klassiker. Man verbindet den Verlag mit Namen wie Hans Fallada, Anna Seghers und Victor Klemperer. Ein Literaturverlag kann aber nicht ohne Gegenwartsliteratur voranschreiten. Wichtige Erzähler von morgen zu finden ist unsere zweite Aufgabe.

Reinhard Rohn: Das Logo soll auch ausdrücken, dass Aufbau ein besonderer Verlag ist: 1945 gegründet, dann ein DDR-Verlag und nun seit 25 Jahren ein gesamtdeutscher Verlag. Auch bei unserem Fest soll zum Ausdruck kommen, dass Aufbau ein Verlag mit Geschichte ist.

Wie wollen Sie das zum Ausdruck bringen?

Gunnar Cynybulk: Wir wollen Aufbau als einen lebendigen, gegenwärtigen Verlag zeigen, als ein Haus mit Mitarbeitern und Autoren, die über Bücher reden, denen es gelingt, Themen zu setzen und zum Lesen anzustiften. So ist der Plan entstanden, hier im Haus einen Festakt zu veranstalten. Das Aufbau Haus, von der Familie Koch ins Leben gerufen, ist ja ein ganz besonderer Ort an der Schnittstelle zwischen Ost und West und unser vierter Verlagssitz. Die Festrede wird Gregor Gysi halten. Sein Vater Klaus Gysi war Aufbau-Verlagsleiter in schwieriger Zeit und was die Wenigsten wissen: auch Gysis Mutter war Verlagsleiterin. Irene Gysi leitete den Verlag Rütten & Loening.

Reinhard Rohn: Im Rahmen des Festaktes werden auch Harald Martenstein und Leslie Malton lesen.

Gunnar Cynybulk: Die beiden bringen einen Stimmenteppich zu Gehör, nämlich aus Briefwechseln zwischen Verlagsmitarbeitern und Autoren. Und nach dem Festakt wollen wir feiern. Mit Berliner Verlagskollegen und denen, mit denen wir zusammenarbeiten und die unsere Bücher hinaus in die Welt tragen. Mit Buchhändlern, Übersetzern, Journalisten und natürlich Autoren. Es wird eine „Blumenbar“ auf unserer Terrasse geben und einen Aufbau-Drink auf Wodka-Basis. Für die Musik sorgt die Bolschewistische Kurkapelle.

Wie gestaltete sich das Verhältnis der Verlagsgruppe zum Handel?

Gunnar Cynybulk: Wir haben uns im Jubiläumsjahr darauf konzentriert, einen so wichtigen Autor aus der Tradition des Hauses wie Victor Klemperer mit einem bisher unveröffentlichten Buch vorzulegen. Auch in Sachen Anna Seghers gab es ihm Frühjahr etwas Neues: Das siebte Kreuz mit den bisher noch nie wieder gesehenen Originalillustrationen von William Sharp aus dem Jahre 1942. Darüber hinaus präsentieren wir ein hochattraktives Programm, denn dem Handel dienen wir am besten, wenn sich jedes einzelne Buch ganz hervorragend behaupten kann. Die Bücher werden einen Jubiläumssticker erhalten, und es gibt eine Rabattaktion, die von den Vertretern an den Handel kommuniziert wird.

Reinhard Rohn: Die Buchhändler sind ja unsere engen Partner, daher haben wir viele von ihnen zu unserem Fest eingeladen, und unser Vertrieb ist angehalten, sehr eng mit dem Handel zusammenzuarbeiten. Aufbau war schon immer ein Sortimentsverlag. Darin sehen wir unsere Stärke.

Haben Sie Wünsche an den Handel?

Reinhard Rohn: Wir wünschen uns natürlich einen regen Austausch mit dem Sortiment und – was schon häufig der Fall ist –, dass Buchhändler sich als Kulturförderer verstehen und das kulturelle Leben in ihrer Stadt, in ihrem Stadtteil pflegen.

Gunnar Cynybulk: Das kann ich nur unterstützen. Und ich wünsche dem Buchhandel, dass er floriert, dass er den Mut hat, an ungewöhnlichen Standorten etwas zu wagen, dass er neugierig ist und Lesungen anbietet, denn Autoren leben von Lesungen, und es nützt allen, wenn Menschen Buchhandlungen betreten.

Zum Jubiläum bieten Sie dem Handel auch Werbemittel wie Papiertüten und Plakate, und Sie schreiben einen Schaufensterwettbewerb aus.

Gunnar Cynybulk: Unter allen Teilnehmern des Schaufensterwettbewerbs verlosen wir eine kostenlose Lesung mit Harald Martenstein.

Und sicher wünschen Sie sich, dass jeder Buchhändler Ihre neue Verlagschronik liest?

Gunnar Cynybulk: Absolut. Die deutsche Geschichte spiegelt sich in der Verlagsgeschichte spektakulär wider. Die Geschichte des Aufbau Verlags ist aber auch eine Geschichte der Zivilcourage, zumindest des Versuchs, Haltung in schwieriger Zeit zu bewahren. Auch nach 1989, als der Verlag privatisiert wurde. Es gab natürlich auch schwere Schicksale, die Mitarbeiterzahl hat sich damals stark reduziert. Die Auflagenhöhen, die man gewohnt war, konnten nicht gehalten werden. Doch schon bald stellten sich die ersten Erfolge ein: Alfred Kerr, Victor Klemperer, Die Päpstin. Eigentlich hätte der Aufbau Verlag schon mehrmals untergehen müssen, jetzt ist es zu spät dafür. Deshalb machen wir so schön weiter.

Auch nach der Übernahme durch Matthias Koch und dem Neustart habe die Verlagsgruppe „nicht die erwarteten und für das Überleben des Verlags notwendigen Umsätze erzielen können“, heißt es in der Chronik. Wie steht der Verlag heute da?

Gunnar Cynybulk: Das kann man so nicht ganz sagen. Es gab einen durchaus erfolgreichen Neustart mit erfolgreicher deutschsprachiger Literatur und natürlich mit dem großen Fallada-Erfolg. Aber tiefgreifende Strukturreformen sind nicht umgesetzt worden. Die haben wir jetzt nachvollzogen, und der Verlag hat jetzt eine innere Stärke, die uns sehr hoffnungsfroh stimmt. Wir sind auf einem guten Weg.

Der Verlag kann mit Genugtuung zurückblicken, heißt es in der Chronik, aber „ausruhen kann er sich nicht auf seinen Lorbeeren“. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Reinhard Rohn: Vor allem im E-Book-Bereich wird es Veränderungen geben. Unser Digitalanteil ist mit 15 Prozent schon jetzt relativ hoch. In nächster Zeit werden wir einen „Head of Digital“ einstellen. Außerdem haben wir die Lektorate neu aufgestellt. Gunnar Cynybulk leitet das Lektorat für die Literatur, ich das für die Unterhaltung. Es liegt ein ordentliches Jahr hinter uns, und wir haben einen Eigentümer, der zum Verlag steht. Und: Die Verkaufsgerüchte sind vom Tisch. Familie Koch wird das Unternehmen weiter führen, ein Unternehmen, das funktioniert und das kein Kapital mehr braucht. Jetzt ist konzentrierte Programmarbeit angesagt, was Print angeht, was Digital angeht und was das Hörbuch angeht, denn wir haben ja wieder ein eigenes Hörbuchlabel gegründet. Das Jubiläum nutzen wir, um die strukturellen Reformen der letzten anderthalb Jahre noch einmal darzustellen.

Gunnar Cynybulk: In diesem Jahr hat der Verlag auch im Bereich Sachbuch sehr gut abgeschnitten. Da haben wir die Autobiografie von Tom Pauls und das Buch von Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer Was bleiben wird vorgelegt. Auch Manfred Flügges Biografie Das Jahrhundert der Manns läuft sehr gut. Für einen Verlag unserer Marktposition sind das sehr achtbare Erfolge, die hoffentlich auch einen Trend anzeigen: dass es uns gelingt, unsere Themen mit bester Qualität und viel Schwung zu platzieren. Bei uns findet man eben die besonderen Bücher, die sich noch unterscheiden und aus dem Mainstream herausstechen.

Die Fragen stellte Margit Lesemann

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