Jürgen Christen über sein neues Buch "Glück auf vier Pfoten – Frauen und ihre Hunde" „Lass uns Gassi gehen und den Kopf frei kriegen!“

Mitte September erscheint bei ebersbach & simon eine literarische Anthologie über die besondere Beziehung von Schriftstellerinnen zu ihren Hunden. Zusammengestellt und herausgeben von Jürgen Christen, der als langjähriger Branchenjournalist auch unseren LeserInnen bekannt ist. Allemal Anlass genug für unser Autorengespräch über eine literarische Fährtensuche:

Jürgen Christen: „Es ist schon auffallend, in welchem Umfang Hunde als kreatürliches Pendant zur Welt der Worte und Gedanken die Schreibstuben und das Leben so vieler Autorinnen und Autoren bevölkern und bisweilen sogar zu literarischen Helden in ihren Büchern avancieren“

 

Wie immer die erste Frage: Wie kamen Sie auf die Idee zu Glück auf vier Pfoten Frauen und ihre Hunde?

Jürgen Christen: Es ist über zehn Jahre her, dass im Berliner Autorenhaus Verlag der Band „Musen auf vier Pfoten – Schriftsteller und ihre Hunde“ von mir erschien. Bereits bei den Recherchen dazu war ich damals überrascht, wie viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller von Weltrang einen Hund hatten und was für eine bedeutende Rolle die Vierbeiner in ihrem Leben einnahmen. Es ist schon auffallend, in welchem Umfang Hunde als kreatürliches Pendant zur Welt der Worte und Gedanken die Schreibstuben und das Leben so vieler Autorinnen und Autoren bevölkern und bisweilen sogar zu literarischen Helden in ihren Büchern avancieren. Und da hat es mich gereizt, noch einmal nachzulegen.

„Frauen und Hunde sind einfach perfektere Weggefährten“ (Durch Klick aufs Cover geht’s zum Buch)

Warum aber gerade in einem doch eher feministisch ausgerichteten Verlag?

Ich sag’s mal etwas provokativ und ohne entsprechende Klischees bedienen zu wollen: Frauen  und Hunde bilden schon seit prähistorischen Zeiten eine natürliche Einheit. An der Seite der Frauen mussten die Hunde nämlich nicht jagen, Fährten lesen und kämpfen, sondern fanden immer Geborgenheit, Zuwendung und vor allem Nahrung, sprich Abfälle bei der Essenszubereitung etc.

So weit, so pauschal?

Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang aber auch den vorwiegend weiblichen Hunde-Kult in den wilden 1920er Jahren, als die Frauen verstärkt begannen, alte Zöpfe abzuschneiden und die Vorrechte der Männer zu erobern. Sie rauchten auf offener Straße, trugen Herrenkleidung und stellten mit ihrem Hund an der Seite alles in Frage und die Welt bisweilen frech auf den Kopf:  Mit dem Hund öffentlich flanieren und posieren – damit konnten sie zudem unverhohlen und öffentlich ein Bedürfnis nach Zärtlichkeit ausleben, das aus der damals typischen Ehe eher verbannt war.

Auch heute noch ist der Hund der beste Freund vor allem starker Frauen?

Ja! Und ich freue mich ganz besonders, dass im Buch neben Texten von Virginia Woolf, Elizabeth von Arnim, Dorothy Parker, Vita Sackville-West  u.a.m. auch zum Teil exklusive, aktuelle  Beiträge von starken, kreativen Frauen wie Juli Zeh, Ulrike Draesner oder Zora del Buono versammelt sind. Als ich der Verlegerin  Sascha Simon von meiner Idee zu diesem Buch eher zufällig auf der Frankfurter Buchmesse erzählte, war sie sofort begeistert und schlug vor, den Band in ihrer bibliophilen Reihe blue notes zu veröffentlichen. Dabei hat sicherlich eine Rolle gespielt, dass sie selbst auch eine glückliche Hundebesitzerin ist.

Welche Leserschaft wollen Sie damit ansprechen?

Hunde- und Literaturfans beiderlei  Geschlechts. Und natürlich Menschen, die Freude an schön gemachten Büchern haben. Denn (fast) alle Texte sind zudem mit historischen oder aktuellen Fotos illustriert, die die AutorInnen ganz privat mit ihren Vierbeinern zeigen.

Und die BuchhändlerInnen? Mit welchen Argumenten können die das Buch idealerweise verkaufen? Gibt es nicht schon genug Hunde-Bücher auf dem Markt?

In Deutschland werden derzeit über 10 Millionen Hunde gehalten. Auch wenn nicht alle Hunde-BesitzerInnen Literatur-Freaks sind, bleibt da doch ein gehöriges Potenzial. Allerdings sollten die BuchhändlerInnen schon darauf hinweisen, dass es in dem Buch nicht nur um Frauen und Hunde geht, sondern eben um Schriftstellerinnen und ihre Hunde. Denn das ist nun mal – wie die Lektüre zeigen mag – ein ganz besonders Verhältnis, wird aber im Titel nicht explizit zum Ausdruck gebracht.

Was interessiert Sie denn so besonders am Verhältnis zwischen Mensch und Hund?

Im Gegensatz zu Katzen und allen anderen (Haus-)Tieren müssen Hunde nicht „gehalten“ werden.  Juli Zeh bringt das im Buch wunderbar auf den Punkt: „Hunde brauchen keine Gehege, Ställe, Käfige. Nicht einmal eine Katzenklappe, denn ohne ihren Menschen wollen die meisten sowieso nicht raus. Kein Papagei oder Meerschweinchen wäre freiwillig bereit, sein Frauchen in eine U-Bahn zu begleiten, auf einen Flohmarkt oder in ein überfülltes Restaurant.

Und warum haben Sie kein Buch über Mensch und Katze geschrieben?

Ein Hund ist kein halb gezähmtes Wildtier. Er teilt unser Leben mitten im Herzen der Zivilisation.

Das also ist es?

Und das genau fasziniert mich an Hunden. Und sie holen uns aus Alltagsstress und Hektik immer wieder beruhigend auf den Boden zurück – und an die frische Luft. Als Journalist und Lektor verbringe ich viel Zeit am Schreibtisch vor dem PC. Und dann kommt der Hund mit der Leine im Maul daher und signalisiert mir: „Komm jetzt endlich. Ich will Gassi. Lass uns raus gehen und den Kopf frei kriegen!“  Hunde sind eben auch lebensverlängernd – und der beste Coach, den man/frau sich denken kann.

Welche drei Wörter beschreiben Ihr Buch perfekt?

Hunde machen glücklich.

Haben Sie selbst einen Hund?

Selbstverständlich. Ich bin mit Hunden aufgewachsen, und nachdem ich mich dann vor 30 Jahren selbständig machen konnte, habe ich mir gleich einen Hund angeschafft. Terrier natürlich. Was mich allerdings stört, ist die gigantische Industrie, die sich rund um den Hund mittlerweile aufgebaut hat. Dazu gehören auch die bisweilen absurden Geschäftsmodelle der Hunde-Therapeuten und –flüsterer sowie das Geschäft mit importierten Straßenhunden, an denen sich nicht nur hierzulande die Tierärzte eine goldene Nase verdienen.

Wenn Sie nicht gerade Gassi gehen, was lesen Sie in Ihrer Freizeit?

Zu meinen Lieblingsautoren gehören vor allem die Großen der russischen Literatur wie Tolstoi, Dostojewskij, Turgenjew & Co., dann die Klassiker der Moderne wie Joyce, Dos Passos,  Gertrude Stein und Virginia Woolf. Und – ganz wichtig: die literarische SF und Phantastik  z. B. von H. P. Lovecraft über Olaf Stapledon oder Daniel Suarez bis – ja bis zu Stephen King, der übrigens auch einen Hund hat . Aber „Männer und ihre Hunde“ – das interessiert mich irgendwie nicht, denn Frauen und Hunde sind einfach perfektere Weggefährten.

Die Fragen stellte Franziska Altepost

 

 

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