Alexander Oetker über seine beiden Krimi-Novitäten „Ich möchte nicht, dass schlicht eine Leiche mit Baskenmütze und Baguette unterm Arm in irgendeiner schönen Landschaft umfällt“

Sein Pseudonym hatten wir im BuchMarkt – Oktoberheft enthüllt: Hinter Alex Lépic, dem Autor des Weihnachtskrimis „Lacroix und die Stille Nacht von Montmartre“ (gestern bei Kampa erschienen) steckt Alexander Oetker. Jetzt aber muss er sich von der Seele reden, er sehe sich „nicht als Vielschreiber“,  wie wir ihn auch etikettiert hatten. Das war Anlass für unser heutiges Autorengespräch:

Alexander Oetker mit seinen beiden neuen Krimis in diesem Monat: „Ich möchte nicht, dass jemand mit meinen Büchern zwanghaft etwas lernen muss oder rausfinden muss, wieviel ich weiß. Es geht um die Gesellschaft, aber immer auch im gute Unterhaltung“

 

BuchMarkt: Herr Oetker, worum geht es denn in Ihrem neuen Buch?

Alexander Oetker: In welchem denn genau?

Ich spüre, das Etikett „Vielschreiber“ hat Sie getroffen. Daraus sollte Hochachtung klingen und Neid auf Ihr Talent. Aber das fechten wir bald mal irgendwie privat aus. Aber nochmal, für unsere Leser im Handel wollen wir das einfach immer zuerst klären: Worum geht es in Ihren gleich zwei Krimi – Novitäten? 

Da Sie mein strenggeheimes Pseudonym haben entschlüsseln können, sind es tatsächlich zwei: In Baskische Tragödie ermittelt mein Commissaire Luc Verlain nunmehr zum vierten Mal bei Hoffmann und Campe.

Und was ermittelt er?

Es geht um die Kokainfunde, die es im letzten Jahr überall an der Atlantikküste gab. Tonnenweise Drogen wurden im wahren Leben angespült, die Ursache wurde nie gefunden. Diese Funde münden im Buch in Lucs persönlichsten Fall – eine Rachejagd, die ihn quer durch die herrliche Landschaft des Baskenlandes führt, bis über die Grenze nach Spanien.

Und Ihr Buch bei Kampa?  

Ja, da ist unter meinem Pseudonym Alex Lépic der Weihnachtskrimi Lacroix und die Stille Nacht von Montmartre erschienen. Es ist eine leise Geschichte, in der sich die Krimihandlung ganz unweihnachtlich anschleicht, aber es ist auch ein typischer Lacroix …

…was heißt, Sie haben zum dritten mal den Stadtplan von Paris zum Wohlfühlkrimi „verfilmt“.

Ja, das war die Idee für die Lepic-Krimis: Es ist jetzt schon der dritte „Reiseführer“ durch die schönste Stadt der Welt, die wir ja dieses Jahr nicht mehr werden besuchen können, Corona ist wirklich eine Pest. Dafür gibt’s für die Leser Paris im Schnee – das geschieht ja auch nicht allzuoft in der Realität.

Welche Lesertypen stellen Sie sich als Ihr Publikum vor? 

Nach meinen Ausflügen ins Thrillergenre will ich nun wieder meine Kernkompetenz stärken: Frankreich, Frankreich, Frankreich. Ich will den Leserinnen und Lesern das Land und den Süden greifbar machen. Und ich möchte nicht, dass schlicht eine Leiche mit Baskenmütze und Baguette unterm Arm in irgendeiner schönen Landschaft umfällt. All diese Geschichten sollen immer tief verwurzelt sein in der französischen Gesellschaft. Es geht mir darum, den Lesern unseren geliebten, aber oft so unbekannten Nachbarn noch näherzubringen und etwas über die Sorgen, Nöte und Abgründe der Franzosen zu erzählen.

Und mit welchem Argument kann man denen die am besten verkaufen?

Mir ist es aber ein Graus, wenn ich manche historischen Zusammenhänge oder Hintergründe so oberlehrerhaft aufgeschrieben vorfinde, dass ich mich in den Französisch-Unterricht am Gymnasium Wandlitz zurückversetzt fühle. Ich möchte nicht, dass jemand mit meinen Büchern zwanghaft etwas lernen muss oder rausfinden muss, wieviel ich weiß. Es geht um die Gesellschaft, aber immer auch im gute Unterhaltung.

Sie schaffen es, Buch um Buch auf den Markt zu werfen – leiden da nicht aber die verschiedenen Protagonisten?

Wenn ich nach den Reaktionen der Leserinnen und Leser gehe: Nein. Ich schreibe die Bücher ja stets einzeln, mache dann lange Pausen, fühle mich anschließend wieder neu in den Protagonisten ein, der nun an der Reihe ist. Zwischendurch gibt es lange Recherchereisen nach Frankreich. Mein Verleger Tim Jung  …

… bei Hoffmann und Campe …

… bescheinigt mir, dass jede Reihe ihren ganz eigenen Sound hat, und das ist es auch, was mir die Leser spiegeln. Zudem finde ich, dass das Etikett „Vielschreiber“ ganz zu Unrecht einen negativen Impuls auslöst. Dem Besten von allen haben die Feuilletonisten zu seiner Zeit auch dieses Etikett verpasst – und ich glaube, Georges Simenon hat ihnen allen bewiesen, dass sie Unrecht hatten. Klar, Simenon ist Simenon und ich werde mich nicht annähernd an einen Vergleich heranwagen. Aber ein Vorbild ist er natürlich.

Dass ihr erster Lepic-Krimi mit überdeutlichen Anspielungen auf Simenons  Maigret ausgerechnet bei Kampa kam, war mehr als ein Marketingtrick? 

Simenon einfache, bildhafte Sprache, das Formulieren tiefster Sehnsüchte und schwierigster Umstände in einem kurzen Satz, das war einmalig – und das versuche ich irgendwie ins Heute zu übertragen.

Kann es sein, dass Sie das als Fensehjournalist gelernt haben? Was liegt Ihnen eigentlich beruflich näher? 

Ich bin jetzt seit über 20 Jahren beim Fernsehen tätig und habe über so viele Katastrophen berichtet: Über Terroranschläge, Flugzeugabstürze, über Erdbeben, über Fluten, über Nazis, über Islamisten. Das schlaucht. Ich war fünf Jahre Frankreich-Korrespondent und bin nun seit einiger Zeit wieder in Berlin und berichte über Bundespolitik. Das ist toll, ich liebe den Journalismus. Er ist direkt, er fordert dich, er ist die vierte Säule der Demokratie, davon bin ich nach wie vor überzeugt. Und doch ist alles immer schneller geworden und auch in Berlin treibt dich die Politik immer wieder zur Zuspitzung. Wenn Politiker sagen, es ginge um Inhalte, dann kann ich mich gar nicht mehr halten vor lachen. Es geht leider immer um Köpfe, um Kandidaten, um Karrieren. Sehen sie sich mal die Fernsehquoten an, wenn über die K-Frage in der CDU berichtet wird. Und dann, wenn es um Bildungsgerechtigkeit geht. Die Menschen wollen Zuspitzung, keine Arbeit an schwierigen Themen. So wird immer alles schneller und lauter und kontroverser, ohne aber wirklich ein Problem zu lösen.

Ist das schon die Antwort?

Ja, deshalb ist mir das Schreiben mittlerweile an vielen Tagen näher: Weil ich da ganz allein für mich die Chance habe, auf 300 Seiten den Leserinnen und Lesern wirklich etwas mitzugeben, über eine Problemlage, über die Globalisierung, über Hintergründe europäischer Politik. Das wirkt sicher länger nach. Ich glaube: In dieser schnellen Welt braucht es langsame Geschichten.

Zuletzt erreichte ich Sie am Telefon in Biarritz, da ging es mal nicht um große Politik, sondern um große Küche. Nun also auch noch Reportagen für den FEINSCHMECKER. Hört sich nicht so an, als  brauchten Sie unser Mitleid.

Ich will nicht verhehlen, dass die Arbeit als Autor ihre sehr angenehmen Seiten hat. Dazu gehören wochenlange Recherchereisen unter französischer Sonne, dazu gehören jetzt aucg manche Schmankerl in der Ganske-Verlagsgruppe wie ab und zu eine Reportage für den FEINSCHMECKER – und ich bin besonders den Buchhändlerinnen und Buchhändlern dankbar für ihre Arbeit, weil ohne sie der erste Luc Verlain-Krimi nie so eingeschlagen hätte – und die Dankbarkeit bleibt, bis heute.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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