Er war sich des unternehmerischen Risikos eines literarischen Verlegers immer bewusst, er hat die Branche geprägt Klaus Wagenbach (90)

Klaus Wagenbach

Klaus Wagenbach wird heute 90 Jahre alt. Christoph Buchwald gratuliert dem Verleger zum runden Geburtstag:

1976 klingelte ein Student in der Bamberger Straße  in Berlin-Schöneberg beim Verlag Klaus Wagenbach an mit dem Wunsch, den Verleger zu sprechen. Der fragte, was der junge Mann denn wolle, worauf der Student ihm seine Magisterarbeit über die deutschsprachige Literatur zum Spanischen Bürgerkrieg in die Hand drückte mit der Frage, ob der Wagenbach Verlag das verlegen wolle. Der Verleger sah den Studenten amüsiert an, fragte, wer sowas heutzutage noch lesen wolle, versprach aber Lektüre. Nach zehn Tagen kam die Ablehnung („verkooft nich“) und wurde so der Beginn einer langen Freundschaft. Der Student war ich.

Es waren zuallererst die preiswerten und schön gemachten Bücher, die Quarthefte und Taschenbücher, die dem Studenten auffielen: die horizonterweiternden Sachbücher zu kulturgeschichtlichen Themen von Carlo Ginzburg (Der Käse und die Würmer) bis Peter Burke (Die Renaissance); die politischen Gegenreden von Ulrike Meinhof bis Peter Brückner, die Entdeckungsreisen in die italienische Literatur von Natalia Ginzburg über Italo Calvino bis Italo Svevo, und dazu so herrlich schräge Nummern wie das Buch über Wagenbachs Wappentier: Karnickelzirkus. Handbuch für das allgemeine Kaninchenwesen. Wer die Zwiebel, den wegen seines hintergründigen Witzes sehr begehrten Gesamtprospekt des Verlages genauer anschaute, dem fielen der anarchische Charme, die Neugier, das  literarische Qualitätsbewusstsein und ein sympathischer, italienisch eingefärbter Hedonismus auf. Dem Studenten gefiel das sehr, und da er Arbeit suchte, bot er dem Verlag seine Dienste an. Es war jedoch „beim besten Willen kein freier Stuhl zu finden“, aber hier und da mal Korrektur lesen, das ging. Viel später, da war der Student schon Lektor bei Hanser, wurden erste gemeinsame Herausgaben verabredet, z.B. das Lesebuch der siebziger Jahre.

Bei solchen Projekten lernte ich Klaus Wagenbach und seine Geschichte, die mit der der restaurativen Bundesrepublik ebenso verzahnt ist wie mit der Liebe zu Italien, der Literatur und Kunstgeschichte, den Karnickeln und den roten Socken, in vielen Gesprächen bei Bratkartoffeln (KW’s Lieblingsspeise) besser kennen. Der gut 20 Jahre Ältere wurde ein Freund, ein väterlicher Freund, der von seinem Handwerk immer anschaulich und weihrauchfrei erzählen kann. Lesetipp: KW: Die Freiheit des Verlegers, 2010.

Die Liste der verlegerischen Verdienste des Kafka-Faszinierten Wagenbach sind lang und reichen von Johannes Bobrowski bis zu Pasolini und hören bei der 40-bändigen Vasari-Ausgabe nicht auf. Was aber nicht vergessen werden sollte beim Gratulieren, sind drei andere Verdienste Wagenbachs, die in den Gratulationsartikeln eher selten vorkommen: politische Moral, Unternehmer-Voraussicht und menschlicher Anstand.

Unvergesslich sind mir zwei Ereignisse, bei denen der Freund eine für mich bewunderungswürdige Haltung zeigte: zum einen bei Ulrike Meinhof, zum andern bei Wolf Biermann. Letzterer wechselte 1976 nach seinem Köln-Konzert und der darauf folgenden Ausbürgerung überraschend von Wagenbach zu Kiepenheuer & Witsch. Wagenbach, der den Liedermacher im Westen berühmt gemacht hatte und deshalb nach der Veröffentlichung der Drahtharfe (1965) nicht mehr auf dem Landwege durch die DDR reisen durfte,  fortan also für jede Lesung und jeden Buchhandelsbesuch in der Bundesrepublik das Flugzeug nehmen musste, hätte getrost Karl Marx zitieren können (auf den sich Biermann öfter bezog), und von einer ausgemachten „Gesinnungslumperei“ sprechen können. Er hat aber von diesem Verlagswechsel, der sowohl eine persönliche, eine politische als auch eine moralische Enttäuschung war, nie viel Worte gemacht. Auch auf Nachfragen nicht.

Einen Monat nach dem Biermann-Abgang wurde Ulrike Meinhof auf dem Berlin-Tempelhofer Friedhof beerdigt. Am offenen Grab sprachen u.a. Helmuth Gollwitzer und auch Meinhofs Verleger (u.a. von Bambule, 1971) Klaus Wagenbach. In seiner Totenrede hielt er nicht hinterm Berg, dass er Meinhofs Weg in den Untergrund und den bewaffneten Kampf für falsch hielt. Im SPIEGEL-Interview zu seinem Achtzigsten sagt er dazu: „ Ich habe zu ihr gesagt: ‘Du kannst schreiben, wir brauchen Dich oben, nicht unten. Was willst du im Untergrund? (…) Nein, Kommandos führen zu nichts, Freundlichkeit führt zu vielem.“ Nach der Tempelhofer Totenrede wurde er von der RAF bedroht. – Ich stand bei Meinhofs Beerdigung (KW: „als mein Saalschutz“) dicht hinter ihm. Dass er trotz der umstehenden RAF-Sympathisanten, die mit geballter Faust „Ulrike, wir werden dich rächen!“ skandierten und den Redner ins offene Grab zu schubsen drohten, bei seiner prinzipiellen Kritik am bewaffneten Kampf blieb, steht für mich für eine bewunderungswürdige Unabhängigkeit des Denkens und moralische Integrität.

Und, drittens, zur Unternehmer-Voraussicht, oder besser: der rechtzeitigen Regelung der Nachfolge. Anders als einige seiner Verleger-Kollegen hat Wagenbach nie gedacht, unsterblich zu sein, das heißt: er hat den Stafetten-Stab wohlüberlegt und vor allem rechtzeitig in kompetente Hände übergegeben, in die einer Frau vom Fach, Susanne Schüssler, die, wie man sehen kann, das Handwerk des Verlegens ausgezeichnet beherrscht. Der Beispiele, wo das Verpassen des richtigen Zeitpunkts oder die mangelnde Einsicht in die eigene Sterblichkeit zu Schieflage oder Untergang eines Unternehmens geführt haben, sind viele.

Klaus Wagenbach war sich des unternehmerischen Risikos eines literarischen Verlegers immer bewusst und prägte – ein typischer KW-Ratschlag – den mutmachenden Satz: „Literarischer Verleger zu sein heißt vor allem eines: ein konkursreifes Unternehmen erfolgreich zu führen.“ Auch deswegen fragt ihn sein italienischer Winzerfreund: Klause (mit italienischem e hinten dran), du bist doch ein Studierter, was rätst Du, welche Dachrinne soll ich nehmen, Kupfer oder Plastik?

Und, alter Freund, lass mich‘s zum Neunzigsten ruhig mal lauter sagen: Danke für die Bücher, und alles drumrum.

Dein Christoph Buchwald

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