Michael Blume über sein Buch "Rückzug oder Kreuzzug" (Patmos) „Wer es spannend findet, religiöse Mythen und Symbole in der Politik, im Sport und in der Kunst zu entschlüsseln, wird hier fündig werden“

Michael Blume: „Ich wende mich an all jene, die sich für die Geschichte und Zukunft des Christentums interessieren – ob sie selbst christlich, andersglaubend oder religionskritisch sind. Auch wer es spannend findet, religiöse Mythen und Symbole in der Politik, im Sport und in der Kunst zu entschlüsseln, wird hier fündig werden“

Sein Buch Islam in der Krise bietet eine Chance, die Krise des Islams und die Konflikte zwischen den Kulturen besser zu verstehen. In seinem Nachfolgeband Rückzug oder Kreuzzug (ebenfalls Patmos) erklärt der Autor Michael Blume warum sich – durch ihren Umgang mit der Digitalisierung und der Klimakrise – heute entscheidet, welche Eigenständigkeit die christlichen Kirchen – und die Religionen überhaupt – sich zwischen Säkularismus und Fundamentalismus künftig bewahren können. Anlass für Fragen:

BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch Rückzug oder Kreuzzug?

Michael Blume: In meinem Buch Islam in der Krise hatte ich erkundet, wie sich das Verbot des Buchdrucks in arabischen Lettern auf die verzögerte Alphabetisierung und dann auch gescheiterte Demokratisierung der islamischen Welt ausgewirkt hat. Immer mehr Menschen muslimischer Herkunft geben die religiöse Praxis auf, während sich ein kleinerer, aber gewalttätiger Teil mit den Mitteln moderner Medien und Waffen gegen die Moderne stellt. Sehr viele muslimische, christliche und nichtreligiöse Leserinnen und Leser stimmten der Analyse zu und fragten dann, was daraus für die Zukunft des Christentums im Zeitalter der Digitalisierung folgt. Darauf habe ich nun in Rückzug oder Kreuzzug? geantwortet. Ich beobachte, dass die Säkularisierung auch die christlichen Kirchen voll erfasst, dass aber religiöse Mythen und Symbole wie Kreuz und Regenbogen in die staatliche und populäre Kultur eingehen. Das Christentum verändert sich rasant und entkirchlicht, aber es stirbt nicht.

Religionen werden maßgeblich durch ihre Medien geprägt sagen Sie also – was genau bedeutet das?

Übernatürliche Wesen wie Gottheiten, Geister oder Engel nehmen wir Menschen immer über Medien wahr: Über Erzählungen, Texte, Bilder, Bauwerke, Filme. Schon im jüdischen Talmud wird richtig beobachtet, dass die vokalarmen Alphabete des Hebräischen, Aramäischen und später Arabischen ganz andere religiöse Vorstellungen begünstigen als die vollvokalisierten Alphabete des Griechischen, Kyrillischen und Lateinischen. Sie werden sogar unterschiedlichen Söhnen des Noah zugeschrieben – Hebräisch für Sem, Griechisch für Japheth. Die heutige Hirnforschung vermag das noch genauer zu erklären, auch etwa die unterschiedliche Schriftrichtungen. Wer das einmal begriffen hat, versteht plötzlich die riesigen Unterschiede zwischen Judentum und Islam einerseits und dem Christentum andererseits – etwa in den Fragen von Bildern und Musik, von Rezitationen und auch der Länge und Zahl der Glaubensbekenntnisse. Marshal McLuhan hatte Recht: Das Medium prägt die Botschaft. Unsere Alphabete kommen uns so natürlich vor, dass wir ihre enormen Wirkungen gar nicht mehr bemerken!

Ist die zunehmende Digitalisierung also eher eine Gefahr für den Glauben?

Ja, traditionelle Formen des Glaubens, die etwa auf biblischen Texten basieren, geraten unter Druck. Aber gerade Jesus hat ja laut den Evangelien nur in den Sand geschrieben und sprach mit seinem ganzen Leben und Sterben. Bildertabus wie im frühen Buddhismus oder heute noch Islam haben sich daher gar nicht entwickelt. Jesus wurde und wird in allen Medien dargestellt, von Bildern über Skulpturen bis zu Filmen und Computerspielen. Ich stelle die Chancen, aber auch Gefahren dieser Multimedialität am Beispiel des Gemäldes „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ des deutsch-jüdischen Malers Max Liebermann dar. Die Zukunft jeder religiösen Tradition wird stärker denn je von ihrer Medienkompetenz bestimmt. Niemand sollte das Netz radikalen Verschwörungssekten wie dem sogenannten Islamischen Staat oder QAnon überlassen.

Und welche Leserschaft wollen Sie damit erreichen?

Ich wende mich an all jene, die sich für die Geschichte und Zukunft des Christentums interessieren – ob sie selbst christlich, andersglaubend oder religionskritisch sind. Auch wer es spannend findet, religiöse Mythen und Symbole in der Politik, im Sport und in der Kunst zu entschlüsseln, wird hier fündig werden.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch im Laden gut verkaufen?

Wer sich schon immer gefragt hat, warum das Christentum mit langen Glaubensbekenntnissen, Dreifaltigkeitslehren, Bilderreichtum und Kirchenmusik einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat als das Judentum davor und der Islam danach, findet hier endlich überprüfbare Antworten. Und weil sich gerade durch die Digitalisierung auch unser Lesen verändert, erlaubt es sogar Überlegungen  zur Zukunft von Glauben und Nichtglauben.

Sie haben nun auch einen Podcast dazu veröffentlicht, richtig?

Ja, ich habe mich gerade riesig über einen längeren Hossa-Talk zu Rückzug oder Kreuzzug? gefreut. Mindestens einer der beiden hatte das Buch richtig durchgearbeitet und es entstand ein unglaublich intensives Podcast-Gespräch. Zu erleben, wie das eigene Buch Menschen berührt und bewegt – für solche Glücksmomente schreibe ich.

Was ist die Intention dahinter, wirkt das Buch – als klassisches Medium – nicht ausreichend?

Früher wurden ja Bücher durch andere Texte wie Rezensionen und Erwiderungen lebendig. Heute geschieht das sehr viel schneller, unmittelbarer und wilder durch Podcasts, Videos, Instagram und Twitter. Klar sehe ich auch die Gefahr, dass Bücher nur noch gehört, aber nicht mehr gelesen werden und Verlage sowie Buchhandel dadurch leiden. Aber ich sehe auch eine Chance, dass es umgekehrt immer mehr Leserinnen und Leser geben kann, die das Schreiben und Denken über mehrere Bücher hinweg im Dialog begleiten. Schon jetzt bekomme ich ermutigende Hinweise und Fragen für das nächste Buch! Vielleicht erleben wir gerade, dass Schreibende nicht mehr generell als fern und abgehoben, sondern manche als digital nah und ansprechbar entdeckt werden. Also mehr Dialog und Weggemeinschaft a la Sokrates und Buber, weniger Belehrung von oben herab a la Platon und Steiner. Dieses Risiko möchte ich gerne eingehen.

Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie dennoch gerne beantwortet?

Warum war Islam in der Krise leichter zu lesen als Rückzug oder Kreuzzug??

Hier können Sie dies tun:

Wenn Sie einen Menschen neu kennenlernen, wirken alle Informationen sofort interessant und relevant. Wenn Sie aber einen Menschen schon seit Jahren kennen, dann braucht es mehr, um noch überrascht zu werden.

Dass im Islam lange der Buchdruck unterdrückt war, war in Fachkreisen schon länger bekannt, aber leider kaum in der Öffentlichkeit. Wie stark aber auch das Christentum durch seine vollvokalisierten Alphabete geprägt wurde und wird, das verblüfft auch gestandene Fachleute. Das so Vertraute, manchmal schon langweilig Wirkende mit neuen Augen sehen – ja, das ist anspruchsvoller. Aber ich finde, es lohnt sich.

 

 

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.