
Der Verleger Christian Strasser feiert heute seinen 80. Geburtstag. Dazu gratuliert ihm der Autor Maurice Philip Remy.
Um die Jahrtausendwende war Rodeo im Reich der Bücher. Die Vorschüsse für erfolgreiche Autoren oder solche, die Erfolg versprechend schienen, wuchsen in astronomische Höhen. In Deutschland kaufte ein Verleger allen anderen den Schneid ab: Christian Strasser. Millionen für Stephen King, John Le Carré, Isabel Allende oder Hera Lind. Strasser befand sich damals auf Expansionskurs und hatte ein Imperium von 14 Verlagen zusammengekauft, darunter Econ, Ullstein und List. Mit Springer im Rücken erwarb er im Dezember 2000 noch den Heyne Verlag und schloss mit rund 200 Millionen Umsatz zum bisherigen Marktführer Random House auf.
Ich produzierte in dieser Zeit eine Dokumentarserie über den Generalfeldmarschall Erwin Rommel für die ARD und hatte am Ende so viel Material zusammenrecherchiert, dass ich darüber auch ein Buch schreiben konnte. Mit Hilfe meines Agenten Lionel von dem Knesebeck gelang es, das Projekt beim List-Verlag unterzubringen, wo es von Doris Jahnsen als Verlagsleiterin einfühlsam betreut wurde. „Mythos Rommel“ erschien im November 2002 und es war in dieser Zeit, dass ich Christian Strasser bei Verhandlungen über künftige Buchprojekte zum ersten und für lange Zeit zum einzigen Mal traf.
Ich erinnere das Setting dunkel, es muss wohl in der Goethestraße gewesen sein, dem Sitz der Unternehmensgruppe. Die Möbel in dem Besprechungszimmer weiß und funktionell, der Besprechungstisch riesig, an den Wänden wie bei Verlagen üblich: Bücher. Drei Dinge des erfolgreich verlaufenen Gesprächs sehe ich deutlicher vor mir. Erstens, die Augen! Ungewöhnlich blau, strahlend, etwas Hans Albers. Dann, zweitens, Strasser war in dem Gespräch sehr klar und bestimmt. Er verhandelte nicht einfach, er entwickelte Visionen und trug sie mitreißend vor. Dabei mehr Topmanager, als Buchhändler. Ich hatte damals das durchaus respektvolle Gefühl dem Gordon Gekko der Buchbranche begegnet zu sein.
Zu dem Eindruck trug eindeutig bei, dass Strasser uns, Knesebeck und mir, zum Abschied seinen neuesten Coup in die Hand drückte: „Nichts als die Wahrheit“, die Autobiographie von Dieter Bohlen. Diese dritte Erinnerung steht mir am plastischsten vor Augen, auch, weil ich das schwarz glänzende Hardcover anschließend beim Schuhmann liegengelassen habe. Für Strasser, der den Literaturbetrieb damals in einem Interview mit dem Profifußball verglichen hatte, war das Buch ein ungeheurer Erfolg. Es stürmte die Beststellerlisten und verkaufte sich zu Hundertausenden.
Sein Triumph färbte ab. „Mythos Rommel“ schaffte es in die Beststeller-Liste des Spiegel und verkaufte sich über 100.000 Mal. Zwei weitere Bücher folgten; sie wurden Achtungserfolge, so umschreibt man glaube ich schlechte Verkaufszahlen. Rückblickend wundert mich das nicht. Der Kapitän hatte die Brücke verlassen, Strasser war bei der Zerschlagung des von ihm neugeschmiedeten Konzerns im wahrsten Sinn des Wortes ausgebootet worden. Auch wir verloren uns aus den Augen und sollten 15 Jahre nichts mehr voneinander hören.
Am Sonntag, den 3. November 2013 machte der Focus seine elektronische Vorausgabe mit der Geschichte des sogenannten „Kunsteremiten“ Cornelius Gurlitt auf, der in seiner Wohnung in Schwabing angeblich Raubkunst in Milliardenhöhe „gehortet“ habe. Auf dem Sachgebiet der Nazi-Raubkunst hatte ich etwas Erfahrung, und mir war sofort klar, dass die Geschichte so nicht stimmen konnte. Wie sehr der Focus hier einem Narrativ aufgesessen war, dass von der Kulturabteilung des Kanzleramts gestreut worden war, um vom Versagen der Museen und öffentlichen Sammlungen bei der Aufarbeitung ihrer Kunstbestände abzulenken, ahnte ich freilich noch nicht.
Aber ich blieb am Thema dran und vertiefte mich in die Materie. Dabei kam mir entgegen, dass der Sender Arte eine Dokumentation über das Thema wünschte und ich als Autor dafür beauftragt wurde. Die Doku „Der seltsame Herr Gurlitt“ wurde im März 2014 ausgestrahlt. Meine These, dass sich unter den weit über tausend Kunstwerken nur ein halbes Dutzend Raubkunstbilder befanden, kam in den Feuilletons nicht besonders gut an. Das weckte meinen Kampfgeist und ich nahm mir vor, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Es lag nahe, die Ergebnisse in ein Buch zu gießen.
Lionel von dem Knesebeck gelang es, Klaus Fricke vom Heyne Verlag dafür einzunehmen. Es war Knesebecks letzter Einsatz für mich. Im Winter verstarb er und ließ mich allein und unbetreut in der Welt der Bücher zurück. Erschwerend kam hinzu, dass ich kein schneller Schreiber bin, was ein Euphemismus ist für die vielen Blockaden, die mich zuverlässig immer dann fest im Griff halten, wenn ein Buch abzuliefern ist. Ganz abgesehen davon, dass der Stoff umfangreich war und ich diesmal noch gründlicher sein wollte, als ich es ohnehin bei meiner Arbeit schon bin. Und so riss ich die Abgabetermine für den Gurlitt ein ums andere Mal, bis ich endlich im Juli 2017 liefern konnte.
Es war tatsächlich der letzte mögliche Moment; Anfang November stand in der Kunsthalle in Bonn die Eröffnung einer Ausstellung mit Rückenwind aus der Kulturabteilung des Kanzleramts an, die das Narrativ von der Raubkunstsammlung für die Ewigkeit festschreiben sollte. Danach, so stand zu befürchten, würde das Interesse der Öffentlichkeit an der Affäre, die mittlerweile vier Jahre zurücklag, endgültig versiegen. Das Buch war „etwas“ aus dem Leim gegangen. 700 Seiten, davon allein 200 für die wissenschaftlichen Anmerkungen, sollten als Schutzschild dienen gegen den Verdacht, ich würde mich zum Anwalt der Gurlitts machen, wie man es mir zu meinem Dokumentarfilm unterstellt hatte. Klaus Fricke war entsetzt. Das Buch sollte gekürzt werden, auf 300 Seiten, andernfalls könne es nicht erscheinen. Auch eine üppige farbige Bebilderung, die ich mir vorgestellt hatte, kam schon allein wegen der Notwendigkeit zu kürzen, nicht infrage. Kurz und gut, es kam zur Katastrophe.
Fricke, der mich mit Wohlwollen und großer Freundlichkeit jahrelang ertragen hatte, zog sich aus dem Projekt zurück. Dass das gute, fast freundschaftliche Verhältnis zu ihm trotzdem überdauert hat, ist für mich ein kleines Wunder. Ich habe an anderer Stelle darüber berichtet. Für meine Lage brauchte ich damals aber ein großes Wunder. Ich stand im August 2017 mit einem 700-seitigen Manuskript über den Fall Gurlitt ohne Verlag auf der Straße. Und das Buch musste im November erscheinen.
Ein bekannter Agent, den ich aus dem Internet gesucht und angesprochen hatte, machte mir keine Hoffnungen. Es sei, so trug er im Brustton felsenfester Überzeugung vor, völlig ausgeschlossen, dass ich noch einen Verlag finden könne. Das mag eine realistische Einschätzung gewesen sein, ich wollte trotzdem nicht aufgeben. Manche Leute schreiben Bücher, um die Welt zu retten, andere, so wie ich, um sich selbst zu retten. Ohne hier näher darauf eingehen zu wollen, die Vorstellung, das Gurlitt-Buch umsonst geschrieben zu haben, hätte mich damals aus der Bahn werfen können.
In dieser Lage erinnerte ich mich an Doris Janhsen, die seit 1. Juli 2017 Verlegerin bei Droemer geworden war. Auch wir hatten über ein Jahrzehnt nichts voneinander gehört. Mit gewohnter Herzlichkeit hörte sie sich meine Sorgen an; in ihren Verlagen wollte sie mich freilich nicht unterbringen. Es sei zu früh für einen solchen „Schnellschuss“. Aber sie reichte mir die E-Mail-Adresse von Christian Strasser weiter. „Er weiß, dass Sie sich bei ihm melden werden“, schrieb sie als einzigen Kommentar dazu.
Strasser war damals längst wieder im Verlagswesen angekommen und hütete eine kleine Anzahl feiner Häuser, deren Schwerpunkte vom politischen Geschehen über Geschichte bis hin zu Esoterik reichte. Am Sonntag, den 28. Juli um 12.47 Uhr schickte ich ihm eine E-Mail, pries mein Werk, schilderte meine Lage, fügte das Manuskript an und bat ihn um seinen Rat. Keine 24 Stunden später, am Montagmorgen um neun Uhr rief er mich an. Er habe das Manuskript vollständig gelesen. Dann folgte eine Eröffnung, die ich bis zu meinem letzten Tag nicht vergessen werde. Christian Strasser sagte zu, das Buch beim Europa Verlag herauszugeben. In nur zwei Monaten entstand, auch dank der Hilfe seines eingespielten Teams, was außer ihm wohl kein zweiter Verleger in Deutschland gewagt und vollbracht hätte.
Am Donnerstag, den 2. November, genau einen Tag vor der Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn und wenige hundert Meter von Kanzleramt entfernt, stellten wir im Haus der Bundespressekonferenz das Buch „Der Fall Gurlitt“ vor. Das Interesse war riesig, die Resonanz außergewöhnlich. Ein „Bestseller“ wurde das Buch trotzdem nicht, die Zeiten für Sachbücher hatten sich geändert. Aber mehr als ein Achtungserfolg war es doch. Auch, weil es gelang, das Narrativ der Kulturabteilung des Kanzleramts zu erschüttern und dem geschunden Cornelius Gurlitt posthum damit etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dass das Buch damit auch inhaltlich auf Strassers neuer Linie lag, habe ich erst später verstanden.
In einem bereits 2010 erschienenen Buch kündete Strasser vom „Erwachen des Bewusstseins“, auch bei sich. Die Schrift trägt autobiografische Züge und beschreibt seine Wandlung in einer sich wandelnden Welt. Ein Paradigmenwechsel, der sich auch niederschlägt in seiner Berufung. Dem heiligen Ernst, wenn es um Bücher geht, dem phänomenale Gespür für Themen und der Unerschrockenheit, auch heiße Eisen anzufassen. Das Programm des Europa Verlags der letzten Dekade, aber natürlich auch von Scorpio, Trinity, L.E.O. und Golkonda sagt viel über ihn. Christian Strasser hat einen weiten Weg zurückgelegt, seit ich ihn Anfang des zweiten Jahrtausends in München getroffen habe. Längst geht es nicht mehr nur um Auflage. Christian Strasser verlegt Bücher, um die Welt zu retten!
Maurice Philip Remy
Maurice Philip Remy ist Buch-Autor (EUROPA VERLAG) und u.a. Produzent der sechsteiligen ZDF-Dokumentation »Holocaust«, die mit großem Erfolg ausgestrahlt wurde.
Wie man es schaffen kann, über jemanden schreiben zu wollen, aber hauptsächlich über sich selbst zu schreiben…