Der Buchhandel ist überfordert, Saison für Saison. Wie soll er angesichts der vielen, vielen Neuerscheinungen beim Einkauf die richtigen auswählen, treffsicher ordern und präsentieren? Wie soll er bei der riesigen Backlist, von der selbst der belesenste und tüchtigste Sortimenter das Meiste nicht mehr kennt, einen suchenden Kunden beraten? Keine Frage, der deutsche Buchhandel braucht Orientierungshilfe.
Und im Barsortiment wird laut darüber nachgedacht, wie diesem Notstand abzuhelfen sei.
Mit einer zusätzlichen Klassifizierung der Bücher im Barsortiments-Katalog nämlich.
Da stünde dann, möglicherweise bereits im nächsten Jahr, zum Abschluss jedes Titeleintrags wahrscheinlich bloß ein einziger, ein rettender Buchstabe: ein l oder m oder s, als Kürzel für „leicht zu lesen“, „mittlerer Schwierigkeitsgrad“ und „schwere Kost“.
Ein famoser Einfall. Aber eine Lösung des Problems?
Wohl nur auf den ersten Blick.
Zur Erinnerung: Dergleichen wird in anderen Bereichen längst praktiziert, beispielsweise für im Fremdsprachenunterricht verwendete schöngeistige Literatur. Dort sind solch schlichte Unterscheidungen von leicht, mittelschwer und schwer auch sinnvoll und im übrigen einfach zu treffen. Sie richten sich im wesentlichen nach der Menge des Vokabulars, das den Schülern je nach Alter und Klassen- bzw. Kursstufe zugemutet werden kann. Da handelt es sich um das pädagogische Kalkül eines systematisch aufbauenden und kontrollierten Lernprozesses.
Auf bei aller Andersartigkeit ähnliche Weise funktioniert so etwas meines Wissens auch bei den Lese- und literarischen Diskusssionsclubs, die in den USA und in Großbritannien bis in die Firmen hinein greifen. In der Bevölkerung angelsächsischer Länder existiert seit jeher eine Art Wasserscheide, die durch die sogenannten „short words“ und „long words“ markiert wird – einem relativ kleinen Wortschatz mit meist altenglischen Wurzeln, der einfachen Leute vertraut ist, und dem außergewöhnlich reichen Vokabular eher fremdsprachigen Ursprungs formal höhergebildeter Kreise. In den Leseclubs nun kommen Menschen unterschiedlichster Bildungsgrade zusammen – was keineswegs unbedingt unterschiedliche Grade literarischer Aufgeschlossenheit und kultureller Neugier bedeutet. Die Kategorisierung des Leseangebots nach leicht, mittelschwer und schwer gemäß Vokabular ist also in diesem Fall primär nicht ästhetischer, geistiger oder inhaltlicher Natur noch spiegelt sie kommerzielle Interessen. Sie erfolgt vielmehr nach den Kriterien der „literacy“. Sie dient demokratischer Gesprächskultur. Und sie ist ein Hilfsmittel zur Lektüreauswahl für quasi institutionelle Gruppierungen – einer Art von sich selbst organisierenden Volkshochschulen.
Lässt solche Differenzierung sich auf das Angebot der Barsortimentskataloge übertragen? Kann sie dem Buchhandel dienlich sein? Wie soll sie denn auf dem freien, offenen Markt funktionieren?
Die rund dreißig Sortimenter, die erstmals von diesem Plan hörten, reagierten mehrheitlich spontan ablehnend.
Welche Kriterien könnten da überhaupt angelegt werden? Wer soll sie bestimmen? Wer kann sie – und sei es nur in der Belletristik – ausführen?
Die Barsortimenter?
Haben Händler, Großhändler gar die Kompetenz zu einer auch ästhetischen und inhaltlichen Bewertung von Büchern? Könnte so etwas nicht als kommerzielle Zensur des Lesekonsums von vornherein auf Diskriminierung gehaltvollerer Literatur hinaus laufen?
Oder sollen die Verlage ihre Produktion im Sinne von leichter, mittlerer und schwerer Lektüre differenzieren? Das schiene schon plausibler. Doch wiederum nur auf den ersten Blick.
Denn wer in den Verlagen sollte so eine Kategorisierung vornehmen?
Die Werbeabteilungen natürlich, meinte ein lieber Freund.
Aber haben denn nicht gerade die Werbeabteilungen – mit starker Schützenhilfe vor allem des Vertriebs, aber auch so manchen Verlegers – um angeblich größerer Verkaufschancen willen eben jene Nivellierung der Bücher betrieben, die den Durchblick der Buchhändler und die Orientierung der Kunden so erschwert – von der Titelgebung und Schutzumschlag-Gestaltung bis hinzu Klappen- und Vorschautexten? Weil sie immer ein möglichst großes Marktsegment erreichen wollen und dabei die eigentlichen Zielgruppen der Titel aus dem Auge verlieren?
Die Grundidee, die hinter dem erwähnten Vorschlag aus Barsortimenterkreisen steht, ist gut und richtig. Das Sortiment braucht kundendienliche Hinweise zu den vielen Titeln in den Katalogen. Das [ist ein Thema.
Der konkrete Vorschlag aber scheint mir nicht ausreichend und deshalb so wenig hilfreich.
Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los gehts.