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Marianne Sax über das SBVV-Preisbindungs-Symposium

Marianne Sax

Unter dem Motto Vielfalt der Bücher fand in Solothurn am 2. Mai ein SBVV-Symposion über die Situation der Buchpreisbindung in Europa statt. Über die Erkenntnisse, welche das Symposion brachte, sprach BuchMarkt-Chefkorrespondent Gerhard Beckmann mit Marianne Sax, der neuen Präsidentin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes [mehr…].

Gerhard Beckmann: Trotz aller Einsprüche des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes (SBVV) hat im Frühjahr vergangenen Jahres die Wettbewerbskommission (WEKO) in Bern ihren hartnäckigen langen Kampf auf gerichtlichem Weg schließlich doch gewonnen [mehr…]. Und die Buchpreisbindung wurde rein aus wettbewerbsrechtlichen Gründen für den deutschsprachigen Teil Ihres Landes aufgehoben, nachdem der Bundesrat am 2. Mai das Gesuch des SBVV um eine kulturell begründete superprovisorische Ausnahmegenehmigung zurückwiesen hatte.

Sie sind die neue Präsidentin des SBVV, Ihr Verband setzt sich weiterhin für eine gesetzliche Buchpreisbindung in der Schweiz ein. Warum?
Marianne Sax: Formal handelt es sich zum ersten Mal um eine gesetzliche Regelung. Die von der WEKO verbotene Preisbindung bezog sich auf den Sammelrevers. Wir setzen auf eine gesetzliche Regelung, weil wir von der Wirksamkeit der Preisbindung für ein vielfältiges Literaturschaffen überzeugt sind. Schon jetzt, ein Jahr nach Aufhebung der Preisbindung, bemerkt unter anderem der Diogenes Verlag eine massive Verschiebung der Märkte. Die Bezüge des Billiganbieters Ex Libris haben sich vervielfacht, berücksichtigen aber nur etwa fünf Titel pro Saison. Die Bezüge des unabhängigen Buchhandels haben sich im gleichen Zeitraum um die gleiche Menge reduziert.

Sie teilen also nicht die Auffassung, die beispielsweise ein Kommentator im Zürcher Tages Anzeiger äußerte, dass die Entwicklung des Buchmarkts in der Schweiz während der ersten zwölf Monate nach dem Ende der Buchpreisbindung die WEKO bestätigt – angeblich soll der freie Preis in Ihrem Land eben doch kein Buchhandelssterben – und damit eine Minderung der flächendeckenden Versorgung der Bevölkerung mit Büchern – und keine Einschränkung des Titelangebots, also keine kulturelle Verarmung verursacht haben.
Die Situation in der Schweiz ist etwas komplizierter als jene in Deutschland. Wir sind ein viersprachiges Land mit drei großen Sprachregionen, die an die jeweils gleichsprachigen Länder Deutschland, Frankreich und Italien angrenzen. In der Französischen Schweiz (Romandie) wurde die kartellrechtliche Absprache schon in den 90er Jahren verboten. Seither hat sich der französische Buchhandelsriese FNAC ausgebreitet und einen erfolgreichen Verdrängungswettkampf geführt. Fast die Hälfte aller Buchhandlungen der Romandie mussten seither die Tore schließen. Da FNAC die Kontrolle sowohl über die grossen französischen Verlage als auch über die Schweizer Importeure ausübt, ist es den Buchhandlungen unmöglich, direkt aus Frankreich zu importieren. Die unabhängigen Buchhandlungen werden gezwungen, überteuerte Bücher bei den Importeuren zu beziehen. Diese Überteuerung wirkt sich auf den Ladenpreis so aus, dass Bücher in der Romandie 20-40% teurer verkauft werden müssen als im benachbarten Frankreich.

Der italienische Buchmarkt ist ganz anders organisiert. Die Tessiner Buchhandlungen kaufen die Bücher direkt bei den Mailänder Verlagshäusern ein und gestalten ihre Preise mehr oder weniger unabhängig vom Verlagspreis.

In der Deutschschweiz hat sich die Aufhebung der Preisbindung tatsächlich noch nicht sehr negativ auf die wirtschaftliche Lage des Buchhandels ausgewirkt. Dazu tragen vier Gründe bei: Erstens ist die allgemeine Konsumentenstimmung gut. Es geht dem ganzen Detailhandel ausgezeichnet, davon profitiert auch unsere Branche.

Zweitens hat das Verhältnis vom Franken zum Euro sich so verändert, dass es für die Konsumenten nicht mehr attraktiv ist, bei amazon.de einzukaufen. Davon profitiert das Online-Portal von Ex Libris, wo auf alle Titel 15% Rabatt gewährt wird. Der teure Euro erlaubt es zudem den Buchhandlungen, ihre Preise unauffällig zu erhöhen.

Drittens ist Thalia noch nicht in den Preiskampf eingestiegen. Sollte Thalia auch noch anfangen, Großkunden Rabatte bis zu 22% zu gewähren, könnte die Lage aber sehr schnell sehr ungemütlich werden.

Ein wesentliches Argument der Gegner der Buchpreisbindung hat sich aber auch nicht bestätigt: Die Bücher sind in der Schweiz nicht billiger geworden, oder?
Nein, das Gegenteil ist der Fall. Die Bücher sind leicht teurer geworden. Die vordersten 10-20 Titel werden mit marktschreierischen Rabatten (notabene sind das Rabatte auf Preise, die es gar nicht mehr geben dürfte!) angepriesen. Den Bibliotheken und Schulen werden selbstmörderische Konditionen zwischen 20 und 30% angeboten. Hintenherum werden unauffällig Preise erhöht. Hier ein Franken, dort 50 Rappen – systematisch angewendet, rechnet sich das durchaus. Die großen Lieferanten Buchzentrum und AVA bieten seit vielen Monaten an, Bücher mit dem von der Buchhandlung gewünschten Preis auszuzeichnen. Unser Warenwirtschaftssystem erlaubt es uns, Preise über eine Warengruppe systematisch zu erhöhen, das heißt dass wir z.B. alle Taschenbücher einen Franken teurer auszeichnen lassen können.

Die Initiative für das Modell eines Preisbindungsgesetzes mit spezifischen moderaten Rabattspielräumen war im vergangenen Frühjahr bereits recht weit gediehen. Sie ist dann jedoch vertagt worden – angeblich, um erst einmal die konkreten Auswirkungen des freien Ladenpreises zu beobachten. Ist es denn realistisch zu meinen, dass das Ausmaß solch konkreter Folgen kurzfristig überhaupt sichtbar wird und zu erfassen wäre?
Nein, das ist eher nicht realistisch. Die mit der Erhebung beauftragte Fachhochschule Nordwestschweiz [mehr…] bemüht sich redlich, mit statistischen Mitteln die Veränderung der Preise festzustellen. Weder die parlamentarische Kommission noch das beauftragte Bundesamt für Wirtschaft (SECO) haben exakte Vorstellungen davon, wie unsere Branche funktioniert. Für uns liegt es auf der Hand, dass es keinen Sinn macht, den Preis eines Buches am 1.6.2007 mit dem desselben Buches am 1.6.2008 zu vergleichen. In den meisten Fällen wird das Buch gar nicht mehr in der Buchhandlung sein. Zudem sehen Laien – und um solche handelt es sich bei den Politikern natürlich – im Buchhandel nur den Bestsellermarkt. Das ganze Backlist- und Risikogeschäft wird ausgeblendet. Es besteht halt bei den Politikern ein großer Erklärungsbedarf, den der SBVV in der Vergangenheit wohl zuwenig deckte.

Es würde also nicht genügen, wenn in Vorbereitung der neuen Diskussion zur Frage eines Preisbindungsgesetzes in der Schweiz die Kommission für Wirtschaft und Abgaben nur die aktuellen helvetischen Erfahrungen ohne festen Ladenpreis als Grundlage heranzöge.
Die Frist eines Jahres ohne Preisbindung ist sicher kurz. Wir erkennen ein paar Tendenzen, aber um die ganzen Auswirkungen aufzuzeigen, würde es sicher noch 5-10 Jahre dauern. Die negativen kulturellen Entwicklungen in einem völlig liberalisierten Buchmarkt, das zeigen Erfahrungen aus solchen Märkten deutlich, stellen sich schleichend ein. Dieses Risiko will die Branche natürlich nicht eingehen. Wir hoffen, die Politikerinnen und Politiker mit kulturpolitischen Argumenten zu überzeugen.

Hat der SBVV darum am vergangenen Freitag in Solothurn das hochkarätig besetzte Symposion „Vielfalt statt Einfalt“ veranstaltet? Um die Erfahrungen anderer europäischer Länder mit und ohne Buchpreisbindung in die öffentliche Diskussionen einzubringen?
Genau. Es wurde anhand des Beispiels von England und Irland eindrücklich aufgezeigt, wie sich die Märkte verändern. Es wurden auch positive Veränderungen festgestellt, aber der Preis für die Erhöhung der Innovationslust einer Buchhandlungen ist hoch. Jack Lang beschrieb die Geschichte der Aufhebung und Wiedereinführung der Preisbindung in Frankreich. Sylviane Friedrich aus Morges am Genfersee erklärte die schwierige Situation in der Romandie. Alle Referentinnen und Referenten äußerten sich differenziert, auch der Schriftsteller Peter Stamm, die Philosophin Annemarie Pieper und die Verlegerin Elisabeth Ruge erläuterten ihre Sicht der Dinge. Die Veranstaltung hat großes Echo in den Medien ausgelöst und unserer Branche gut getan.

In Großbritannien ist die Preisbindung, das so genannte Net Book Agreement, 1995 aufgehoben worden. Da müssten zumindest handfeste Erkenntnisse über mittelfristige Folgeerscheinungen des Problems vorliegen. Mit dem Wirtschaftswissenschaftler Frank Fishwick haben Sie einen führenden Kenner der britischen Szene nach Solothurn holen können. Wie hat er die Lage in England dargestellt Wie hat sich der freie Ladenpreis für den Buchhandel ausgewirkt.
Die Ausführungen Fishwicks waren sehr komplex. Sie können unter www.buchvielfalt-erhalten.ch nachgelesen werden. Der für den Buchhandel wichtigste Schluss war der folgende:

Unabhängige Buchhandlungen außerhalb der vier größten Ketten decken gerade noch 9,6% des Marktes ab. 1998 waren es noch 20%. Die Gewinner aber sind nicht die Buchhandelsketten, sondern der Verkauf via Internet oder Supermärkte wie Tesco, welche lediglich ein absolutes Minimalangebot von Bestsellern ohne jegliche Beratung anbieten.

Und welche Folgen hat der freie Ladenpreis für die Verlage und die Verlagsprogramme gezeitigt?
Einige Verleger konnten von der Ausweitung des Marktes profitieren, aber all jene, die auf so genannte „minority-interest titels“ fokussiert sind, haben verloren. Letztere aber machen über 80 Prozent der belletristischen Produktion aus – da kann man sich leicht ausmalen, was das für die kulturelle Vielfalt bedeutet.

Das heißt, Frank Fishwick hat seine anfänglich eher positive Beurteilung des Endes der Buchpreisbindung in Großbritannien revidiert. Demnach hat er sogar seine noch vor drei Jahren vertretene Meinung, als er dazu dem Schweizer Bundesrat Bericht erstattete, zurückgenommen?
Ja, das kann man so sagen. Er sieht zwar die wirtschaftstechnisch positiven Auswirkungen, hat aber klar aufgezeigt, dass die belletristische Produktion leidet und die Preisgestaltung nicht zu durchschauen ist. Von den Verlagen werden Fantasiepreise auf die Bücher gedruckt, damit der Buchhandel mit Rabatten angeben kann.

In Solothurn saß auch der ehemalige Kulturminister Jack Lang auf dem Podium, dem es während der Präsidentschaft Francois Mitterands sozusagen in letzter Minute noch gelang, gegen den Widerstand der EU eine Buchpreisbindung in Frankreich gesetzlich zu retten. Hat er neue Erkenntnisse aus unserem gemeinsamen Nachbarland vermitteln können, in dem Kultur, und das Buch, auch politisch eine besondere Rolle spielen?
Jack Lang referierte über die Geschichte der „Loi Lang“, wie das Gesetz in Frankreich heißt. In einem zweiten Statement reagierte er auf Fishwicks Ausführungen, indem er auf die kultur- und bildungspolitischen Werte von Literatur aufmerksam machte.

Wusste John McNamee (Irland – der Präsident des Europäischen Branchenverbandes) international neuerlich auf Gefahren hinzuweisen, die sich in Ländern ohne einen festen Ladenpreis entwickeln, oder neue Daten für die Buchpreisbindung anzuführen?
McNamee hielt sich mit Ratschlägen sehr zurück. Er sieht die Probleme des Preiszerfalls, kommt aber mit seiner eigenen Buchhandlung gut über die Runden. Man muss dazu sicher wissen, dass er in seiner Stadt nicht in direkter Konkurrenz zu einem Filialisten steht. Er betonte, dass nur eine Buchhandlung, welche kreativ ist, die Kunden ins Zentrum steht und exzellenten Service bietet, die Zeit ohne Preisbindung überstehen könne.

Welches Fazit haben die Diskussionen in Solothurn für die Schweiz und vielleicht auch für Deutschland und Österreich gebracht? Aus Deutschland hat unter anderem ja auch der Preisbindungstreuhänder Dieter Wallenfels an Ihrem Symposion teilgenommen…
Wir sind dem Börsenverein sehr dankbar, dass er unsere Bemühungen unterstützt. Wir erfahren immer wieder freundschaftliche und engagierte Hilfe auf jeder Ebene, die wir uns wünschen können, so auch bei der Organisation und Durchführung des Symposiums.

Das Referat Dieter Wallenfels’ war interessant und aufschlussreich. Er betonte den parteiübergreifenden Konsens, den das Preisbindungsgesetz in Deutschland genießt. Die deutschen Politiker stehen nach wie vor dahinter. Gefahr drohe der Preisbindung eher von innen, also von Preisbrechern aus der Branche. Uns ist klar geworden, dass ein so differenziertes Gesetz wie in Deutschland in der Schweiz nicht durchzusetzen wäre. Wir lehnen unseren Gesetzestext eher an die Versionen aus Frankreich und Österreich an.

Das Symposium hat Sie und Ihre Kollegen in Ihrem Bemühen um ein Schweizer Buchpreisbindungsgesetz also gestärkt. Auch hinsichtlich praktischer Anregungen?
Die Diskussion fand auf hohem Niveau statt. Wir müssen sie jetzt innerhalb der Branche weiterführen und Lobbyarbeit leisten. Die vordringlichste Arbeit ist es, die Branche auf einen gemeinsamen Nenner bezüglich des Gesetzes zu bringen. Wir müssen sehen, dass es innerhalb der Branche neben den generellen Gegnern einer gesetzlichen Lösung auch Skeptiker gibt, welche wir einbeziehen und wenn möglich ins Boot holen sollten.

Die Politik will Zahlen und plausible Erklärungen, welche wir nach diesem Symposium besser geben können. Wir wissen, dass ein Buchpreisbindungsgesetz auf dem Sorgenbarometer der Wählerinnen und Wähler nicht zuoberst steht. Wir müssen die Parlamentarier davon überzeugen, dass Bücher als kultureller Wert nicht nur mit der monetären Messlatte zu beurteilen sind. Gerade die Schweiz, die auf ihre Vielsprachigkeit ja stolz ist, müsste die Wichtigkeit des geschriebenen Wortes für den Zusammenhalt des Landes erkennen. Das Symposium, aber auch die vielen Diskussionen davor, hat uns klar gemacht, dass es eine Chance sein kann, sich innerhalb der Schweiz unter den Buchverbänden besser zu verständigen und einen gemeinsamen Konsens zu finden.

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