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Abseits – und aus: Zum 17. Januar schließt in Leipzig die legendäre Buchhandlung im Franz-Mehring-Haus

Franz-Mehring-Haus

Es geht voran in Leipzigs Innenstadt: Schon steht der Universitätsneubau samt dem der alten Universitätskirche St. Pauli nachempfundenen »Paulinum« vor der Fertigstellung, Starbucks-Cafés schießen wie Pilze aus dem Boden – und die Buchhandlungsszene konzentriert sich. Das heißt, sie schrumpft.

Jüngstes Opfer dieser bekanntlich nicht allein für Leipzig typischen Entwicklung ist die traditionsreiche Buchhandlung Franz-Mehring-Haus, immerhin einmal die größte Buchhandlung der DDR. Zum 17. Januar wird sie geschlossen.

Neben dem Mietpreis, dem verschärften Wettbewerb in der vergleichsweise kleinen City, in der Hugendubel und Lehmanns fast auf Rufweite jeweils eine Großbuchhandlung betreiben, hat vor allem die abseitige Lage das Geschäft unrentabel gemacht. Die Franz-Mehring-Buchhandlung liegt eher am Rande des Zentrums, nicht in einer Fußgängerzone, sondern an der verkehrsreichen Goethestraße. Der Abriss der benachbarten alten Universitätsbauten und die Verlegung der Hörsäle und Seminarräume in Interimsgebäude, die sich nun über die ganze Stadt verteilen, haben auch die studentische Kundschaft abwandern lassen. »Ganz klar«, sagt Lutz Gehrken, einer der beiden Geschäftsführer der Dresdner Buch & Kunst-Gruppe, zu der die Franz-Mehring-Buchhandlung gehört, »vor allem die ungünstige Lage hat uns zugesetzt«.

Außerdem hat ein Jahr lang ein Baugerüst, das zur Sanierung eines Nachbargebäudes aufgestellt war, den Eingang der Buchhandlung versteckt. »Das hat uns dann definitiv das Genick gebrochen«, fügt Gehrken hinzu.

Dabei wurde in der Vergangenheit manches unternommen, die Buchhandlung zu retten. Um die Schieflage des Stammhauses auszugleichen, wurden mehrere Filialen in Leipzig und Umgebung eröffnet. Dennoch ging die Franz-Mehring-Buchhandlung 2003 in die Insolvenz. Auch die Übernahme durch Buch & Kunst im selben Jahr hat den Niedergang nicht aufhalten können. Tradition und ein gutes Sortiment reichen eben nicht zum Überleben.

Seit Anfang 2007 gehört die Buch & Kunst-Gruppe ihrerseits zu Thalia. Wegen der massiven Präsenz von Lehmanns und Hugendubel dürfte jedoch mit einem Engagement des großen Filialisten in Leipzig kaum zu rechnen sein, wenigstens kommt ein Teil der vier Mitarbeiter in der Buch & Kunst-Filiale unweit des Zentrums in der Karl-Liebknecht-Straße unter. Was aus der Immobilie wird, ist bis dato nicht geklärt.

Mit der Franz-Mehring-Buchhandlung ist wieder einmal eine alte Leipziger Institution verschwunden. Das ist bedauerlich, aber möglicherweise ist damit auch der Konzentrationsprozess in der Leipziger Buchhandlungsszene zu einem vorläufigen Ende gekommen. An mittleren und kleinen Buchhandlungen existieren – abgesehen von der Buchhandlung Ludwig im zentrumsnahen Hauptbahnhof und den unvermeidlichen Bertelsmann-Club– und Weltbild-Läden – noch die Buchhandlung an der Thomaskirche, die aufgrund ihrer Lage direkt gegenüber der einstigen Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs von den zahlreichen Musik-Touristen profitieren kann, die zur Schweitzer-Gruppe gehörige Universitätsbuchhandlung, die sich auf Wirtschaftswissenschaften, Recht und Medizin spezialisiert hat, und Peter Hinkes kleine, aber feine Connewitzer Verlagsbuchhandlung als erste Adresse für Literaturkenner.

Momentan spricht nichts dagegen, dass diese Buchhandlungen auch auf längere Sicht die Stellung halten können. Und bedenkt man die Größe der Leipziger Innenstadt, sind es gar nicht so wenige. Bedenkt man allerdings Leipzigs einstige Bedeutung als Verlags- und Buchstadt, klingt es wie Hohn.
Olaf Schmidt

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