
Dr. Heinz Gollhardt wird heute 75 Jahre alt.
Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Foto (es ist ein Schnappschuss von einer seiner vielen, oft spontanen Fernreisen) hier vollständig oder als Ausschnitt abbilden soll. Ich hatte mich für den Ausschnitt entschieden – jetzt zweifle ich wieder, denn der Ausschnitt verrät wenig von seinem anderen Leben, über das er in der aktuellen Ausgabe von „Schmitz Katze“ übers „Älter werden oder neue Leben finden und alte wiederentdecken“ geschrieben hat.
Ich denke nach dessen Lektüre, wir dürfen ihn beneiden und hoffe, er hat nichts dagegen, dass wir seinen Text hier ungekürzt „nachdrucken“. Lieber Hein, ich danke Dir für alles, was Du für BuchMarkt fast von der ersten Ausgabe geschrieben hast und für die Freundschaft, die daraus entstanden ist.
Dein Christian.
Hier der Text aus „schmitzkatze“:
Nach dem Beruf, wenn die Kinder aus dem Haus sind, nach einer Krankheit, nach körperlicher und vielleicht sogar nach mentaler Einschränkung…, was kommt dann?
Wohl denen, deren Leben nicht nur durch den Beruf oder die Kinder oder die eine oder andere einzelne Beschäftigung erfüllt war und damit auch als Erfüllung empfunden wurde, sondern die sich noch ein paar andere Leben erhalten haben. Ich spreche bewusst von ein paar anderen Leben. Denn nach einer Krankheit kann durchaus ein anderes Leben neue Erfülltheit bedeuten als nach dem Berufsende. Der oder die eine entdeckt für sich vielleicht das Schreiben, ein anderer Mensch das Wandern in den Bergen.
Nach meiner eigenen und auch der Erfahrung vieler anderer Menschen, mit denen ich gesprochen habe, ist das Finden und Wiederentdecken anderer Leben im Alter äußerst schwer, wenn man sie nicht ein Leben lang lebendig gehalten und die Fähigkeit dazu wach gehalten hat. Wenn Politiker oder Unternehmer – oft sogar prahlend – davon reden, dass sie 16 Stunden am Tag in ihrem Beruf tätig seien, tun sie mir leid; einmal abgesehen davon, dass ich es ihnen nicht glaube, dass sie 16 Stunden am Tag wirklich arbeiten. Ich habe mir als Verleger die Wochenenden und Abende, wenn es irgend ging, immer freigehalten, und die Erfahrung gemacht, dass es geht. Mein Kalender war auch fast nie länger als 14 Tage im Voraus mit Terminen gefüllt, was mir Kollegen einfach nicht glauben wollten.
Wenn ich zurückblicke, habe ich ein erfülltes Leben darin gesehen, in Familie und Beruf und im Freundeskreis möglichst »gut« zu sein, was freilich nicht immer gelang; aber darüber hinaus viele andere Dinge und Fähigkeiten wach gehalten und auch weiter entwickelt. Oft hatte ich allerdings dabei auch das Gefühl, mich zu verzetteln, und daraus entstand der Wunsch, auf einem Gebiet wirklich Spitze zu sein. Ich hätte dafür vieles aufgeben müssen, einmal abgesehen davon, dass ich mich nicht hätte entscheiden können, auf welchem Gebiet meiner Interessen das hätte sein können.
Ich bin jetzt fast 75 Jahre alt und seit 10 Jahren nicht mehr im Beruf. Ich habe also schon ein paar Erfahrungen machen können im Zusammenhang mit der Frage: was kommt danach? Zunächst dauerte es ein paar Jahre, bis ich mich am Ende eines Tages nicht mehr fragte, was habe ich heute eigentlich gemacht oder – schlimmer noch – was habe ich heute geleistet? Da steckte natürlich noch viel »altes« Leben in mir und auch alte Maßstäbe für Leistung. Das habe ich heute überwunden. So kann ich jetzt zum Beispiel ohne lange Vorbereitung viel reisen. Und da mich dabei keine Gedanken an berufliche Probleme belasten, darüber schreiben, was nicht im Reiseführer steht. Nicht, dass ich dabei den Ehrgeiz hätte, das zu veröffentlichen. Ich meine ein Schreiben für sich selbst. Schreibend – und das gilt auch für Menschen mit Einschränkungen – kann man vieles für sich selbst aus seinem Leben entdecken, das vielleicht verschüttet oder sogar nur verdrängt war.
Ich lebe inzwischen auf dem Land in einem wieder hergestellten Bauernhaus mit großem Garten und Obstwiese. Und da habe ich entdeckt, wie erfüllend es sein kann, ihn zu gestalten und zu pflegen. Als mich ein Mann aus dem Dorf fragte, ob er seine Bienen auf meine Obstwiese stellen könne, war ich nicht nur glücklich darüber wegen der Bäume, sondern auch wegen der Anregung, selbst mit dem Imkern zu beginnen. Und so besuchen wir nun gemeinsam ein Seminar und staunen über die Ankündigung, dass zwei Völker im Jahr 30 Kilo Honig sammeln können. Wir haben zusammen vier.
Ich habe seit meiner Kindheit gerne gebastelt. Inzwischen habe ich mir eine Holzwerkstatt eingerichtet und finde das Wort Basteln eigentlich ein bisschen abwertend. Aus dem Holz eines wunderschönen Kirschbaums von meiner Wiese, den der Vorbesitzer in einem Anfall von Heizkostensparzwang abgesägt hat, habe ich mir meinen Schreibtisch gebaut.
Oder wie wäre es mit Segeln? Wer einigermaßen gesund ist und nicht an Seekrankheit leidet, kann es noch im Alter auch auf hoher See lernen und sich unter der Leitung eines Skippers ans Ruder setzen. Und wenn das folgende auch fast wie Übertreibung klingt: Man kann mit 70 noch seinen Flugschein in Paragliding machen. Das habe ich mir in jüngeren Jahren immer gewünscht, aber dazu nie die Zeit gehabt. Zu meinem 70. haben mir dann meine beiden Söhne einen Grundkurs in Gleitschirmfliegen geschenkt. Dass sie mir das noch zutrauten, hat mich natürlich sehr gefreut. Ich war dann mit Abstand der älteste Flugschüler. Beim Start unter schwierigen Bedingungen klopft schon einmal das Herz; aber wenn es dann nach wenigen schnellen Schritten am steilen Hang in die Luft geht, überflutet mich ein großes Gefühl der Euphorie, das zu beschreiben mir die Worte fehlen. Beim Kurs für die Flugscheinprüfung kam es schon einmal vor, dass mir die jungen Mitschüler den 21 Kilo schweren Rucksack mit Schirm, Gurtzeug, Helm und Elektronikgerät so hochhielten, dass ich ihn mir bequem auf den Rücken schnallen konnte. Aber das verringerte meinen Stolz ebenso wenig wie die Frage aus einer anderen Gruppe: gehört der eigentlich zu euch? Die Antwort: Na, was denn sonst, war für mich eine Art Ritterschlag.
So sehr mir mein Beruf Freude gemacht und auch Anerkennung gebracht hat, so sehr habe ich es genossen, diese Welt zu verlassen. Ich habe mich von einem Tag auf den anderen – und gut darauf vorbereitet – von ihm getrennt, keinen Beratervertrag für die Zeit danach abgeschlossen und einfach darauf vertraut, dass es meine Nachfolger schon machen werden. Anders als ich, aber vielleicht auch zeitgemäßer. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass das Abschiednehmen aus dem Beruf vielen sehr schwer fällt. Aber ich denke doch, dass man sich selber mit gebremstem Weitermachen keinen Gefallen tut und vor allem den Nachfolgern nicht. Sie haben das Gefühl, dass man es ihnen nicht wirklich zutraut. Für mich habe ich gemerkt, dass mir der Umgang mit dem PC immer eine fremde Technik geblieben ist, so sehr ich es natürlich genossen habe, welche Erleichterungen und Möglichkeiten sie für ein Unternehmen bietet. Neben vielen anderen Zeichen war es spätestens dieses, mir zu sagen: jetzt ist es mit diesem Stück Leben gut.
Heute genieße ich vieles, was vielleicht nur Kleinigkeiten sind, zum Beispiel endlich nach meiner inneren Uhr leben zu können. Man stelle sich vor, dass eine geborene Nachteule vom 6. Lebensjahr bis zur Rente gegen diese Uhr leben musste. Erst in der Schule, dann im Beruf. Heute kann ich bis 1 Uhr lesen, dann bis 9 Uhr schlafen, dann in aller Ruhe ausführlich frühstücken mit Zeitungen und leiser Musik im Hintergrund. Himmlisch.
Die Leser dieser Zeitschrift werden – so nehme ich doch an – Leser von vielen Büchern sein. Bücher sind die vielseitigsten Anreger, sie sind Vorführer anderer Leben, unter denen wir lesend vielleicht sogar ein eigenes in einer veränderten Form wieder finden und die uns dadurch um Nachdenken über das eigene anregen können. Älterwerden ist nach meiner Erfahrung die Phase des Lebens, in der man mehr noch als in jüngeren Jahren sehr viel über sich selbst erfährt. Es ist ja nicht so, dass ältere Menschen gern von der Vergangenheit reden, weil sie in der Gegenwart nichts mehr erleben würden. Ihr Bedürfnis nach Überprüfung des bisher gelebten Lebens und auch danach, manches Hängen gebliebene zu Ende zu bringen, vielleicht endlich auch zu einem guten, ist groß. Da kann dann plötzlich auch das Verhältnis zu den eigenen Kindern, die inzwischen längst erwachsen sind und vielleicht selbst Kinder haben, eine ganz neue Qualität bekommen. So habe ich erst spät begriffen, dass ich auch von ihnen vieles lernen kann, was mir vor 20/30 Jahren manches heute Bereute erspart hätte. Kinder in der Mitte des Lebens können Eltern gegenüber nicht nur gnädig sein, sondern ebenbürtige Gesprächspartner in lebenspraktischen, zeitverbundenen und – ja, das auch – philosophischen Fragen.
Junge Leser dieses Textes werden vielleicht sagen: Für all das, wenn es denn auch für mich eintreten sollte, habe ich noch unendlich viel Zeit. Wenn schon genügend andere Leben für die Zeit des Alters da sind – was ich nicht glaube, weil die Anforderungen der Gegenwart alles beanspruchen –, dann muss man sich tatsächlich keine Gedanken machen. Aber wenn das nicht so ist, kann man nicht früh genug mit dem Erobern, Ausbilden und Sammeln von ein paar anderen Leben anfangen. Es sei denn, man ist ein neuer Müller-Stahl, der immer noch ein exzellenter und gesuchter Schauspieler ist. Aber er ist – nicht zu vergessen – auch ein exzellenter Musiker und Maler!
Kontakt: heinz.gollhardt@snafu.de
(Im aktuellen BuchMarkt-Heft findet sich zudem eine Bilderleiste, die auch ein Foto enthält, dass er während (s)eines Paragliding-Fluges selbst geschossen hat).
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