Dr. Jürgen Kühnert (Foto) wurde 1977 in Simbach am Inn geboren. Nach einer Ausbildung zum Verlagskaufmann studierte er in München Diplombuchwissenschaft und wurde im vergangenen Jahr mit einer Arbeit zur Geschichte der Buchpreisbindung in Deutschland. Von ihren Anfängen bis ins Jahr 1945 (Harrassowitz) promoviert. Heute arbeitet er als Contentmanager im Online-Bereich des Carl Hanser Verlages.
Argumente für und wider die Preisbindung sind heute wie damals vergleichbar. Mit buchmarkt.de sprach Kühnert über eine der herausstechendsten Eigenheiten der Branche.

buchmarkt.de: Ist man nach einer Arbeit über die historische Entstehung der Buchpreisbindung für oder gegen dieses Instrument?
Kühnert: Eigentlich ist es eher so, dass man, je länger man sich mit der Materie befasst, umso weniger eindeutig Stellung beziehen kann. Grundsätzlich gelten meine Sympathien durchaus der Buchpreisbindung. Viele Argumente sind für mich aus theoretischer Sicht berechtigt.
buchmarkt.de: Das klingt nach einem „aber …“
Kühnert: Man muss sehen, dass das Bekenntnis zur Preisbindung in Teilen des Buchhandels oftmals leider mehr Pose als gelebtes Ideal ist. Oft wird sie in der Theorie unterstützt, in der Praxis jedoch Eigeninteressen untergeordnet. Das gilt übrigens für die gesamte Geschichte der Buchpreisbindung.
buchmarkt.de: Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Kühnert: Man erkennt hier eine langfristige Tendenz: Noch im 19. Jahrhundert wurde der buchhändlerische Beruf von der überwiegenden Mehrheit mit einer großen Portion Idealismus betrieben. Man fühlte sich in erster Linie als Kulturvermittler, erst danach als Geschäftsmann. Durch die „Professionalisierung“ der Branche, die Ende des 18. Jahrhunderts begann und sich bis heute fortsetzt, wurde dieses Berufsverständnis nach und nach verdrängt. Die Buchpreisbindung lässt sich in diesem Zusammenhang als eines der letzten starken, bleibenden Zeichen sehen, die der traditionelle Buchhandel setzen konnte. Betriebswirtschaftliches – und damit auf den eigenen Erfolg gerichtetes – Denken begann, sich durchzusetzen. In den umkämpften Märkten von heute ist ein solches Denken selbstverständlich. Dass sich diese „egoistische“ Einstellung mit einem Institut wie der Buchpreisbindung nicht immer gut verträgt, versteht sich. Nebenbei: Die Befürwortung fester Preise geschieht in der Praxis übrigens meist ebensowenig aus Selbstlosigkeit. Die meisten Buchhändler sehen die Buchpreisbindung ja gerade als Garant für den Erhalt ihrer wirtschaftlichen Existenz.
Gerade bei größeren, „renditegetriebenen“ Firmen nimmt aber die Ambivalenz gegenüber festen Preisen zu, wenn sie ihren Zielen zuwiderlaufen; dies, obwohl sie es – unter anderem wegen der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz der Buchpreisbindung – auch meist nicht offen aussprechen.
buchmarkt.de: Kann eine solche Haltung die Preisbindung gefährden?
Kühnert: Auf jeden Fall leidet die Glaubwürdigkeit der Preisbindungsbefürworter gefährlich. Und es ist ein Indiz dafür, dass sich Theorie und Praxis in der Argumentation für die Buchpreisbindung nicht decken. Außerdem wird ein Teil der Argumente durch die Entwicklungen in den letzten Jahren zunehmend obsolet, was eine Verteidigung der festen Preise umso schwerer macht.
buchmarkt.de: Welche der Argumente sind denn obsolet geworden?
Kühnert: Trotz Preisbindung verzeichnen wir eine zunehmende Konzentration im Sortiment. Die Buchpreisbindung kann diese Tendenz zwar etwas bremsen aber nicht verhindern. Vor allem aber ist im Zeitalter des Internets der unbeschränkte Zugang zu Büchern und Informationen jederzeit garantiert.
buchmarkt.de: Mit dem E-Book ist das Thema einmal mehr auf der Tagesordnung.
Kühnert: Hier kommt durch die Digitalisierung schriftlicher Information eine neue Qualität ins Spiel. Bei den momentanen E-Books wird das oft noch nicht so deutlich, da sie meist eine Substitution des gedruckten Buches darstellen. Argumente für eine Preisbindung lassen sich daher durchaus noch finden; wenn sie auch, wie gesagt, durch die Digitalisierung bereits heute geschwächt wird. Unlösbar wird das Problem für die Preisbindung von E-Books aber, sobald sich diese weiter wandeln, vom reinen Buchsubstitut zu veränderbaren, multimedialen Informationspaketen ohne feststehenden Textkörper.
buchmarkt.de: Die Buchpreisbindung entstand zu einer Zeit, in der sich kleinere Buchhandlungen existenziell bedroht fühlten. Eigentlich sehr aktuell …
Kühnert: Das ist wahr, auch aus heutiger Sicht klingt es irgendwie vertraut: Initiiert wurde die Regelung damals von den kleineren Buchhändlern auf dem Land, den so genannten „Provinzialbuchhändlern“. Diese fühlten sich in ihrem Bestand gefährdet durch große Unternehmen, die als Versandhändler oft aus den buchhändlerischen Zentren heraus mit einem hohen Rabatt bei niedrigem Porto ins ganze Reich lieferten und in die bisher geschützten, regionalen Märkte eindrangen. Diesem verschärften Preiswettbewerb konnte sich langfristig niemand entziehen.
buchmarkt.de: Und so kam es schließlich nach langem Hin und Her zur Buchpreisbindung. Stabilisierte sie den ländlichen Handel?
Kühnert: Das befürchtete Buchhändlersterben blieb jedenfalls aus. Natürlich ist aber schwer zu sagen, wie die Dinge gelaufen wären, wäre die Buchpreisbindung nicht eingeführt worden.
buchmarkt.de: Auch sonst klingt manches an dieser Geschichte bekannt …
Es gibt einige Parallelen zwischen früher und heute, die sich nicht geändert haben, in den wirtschaftstheoretischen Rahmenbedingungen z. B.: Der preisbindungsorientierte Buchhandel stand und steht in Opposition zum freien, uneingeschränkten Wettbewerb im Handel und dem unkontrollierten Wirken der Marktkräfte mit all seinen Konsequenzen. Diese Gegebenheiten sind ja grundlegend für das effektive Wirken einer Preisbindung. Die Konflikte um den Stellenwert ökonomischer Freiheit waren zu jedem Zeitpunkt der Preisbindungsgeschichte aktuell. Dies spiegelt sich auch in den Bedrohungen früher und heute wider: Ende des 19. Jahrhunderts hatte man mit den Folgen der Reichsgründung und dem damit einhergehenden Abbau der Handelsbeschränkungen zu kämpfen, Ende des 20. Jahrhunderts mit der Liberalisierung des übernationalen Handels durch die europäische Einigung. Intensiviert wird diese Entwicklung aber heute noch durch die Folgen der Globalisierung, begleitet von einem technologischen Fortschritt, der den Handel immer schrankenloser macht. Die Situation ist also gegenüber der damaligen noch einmal verschärft.
buchmarkt.de: Damals wie heute gab es Kritiker, die Argumente sind im Grunde dieselben. Eine unumstrittene Buchpreisbindung ist wohl nicht möglich?
Kühnert: Einen „Schlusspunkt“ der Diskussion, wie er nach Einführung des Buchpreisbindungsgesetzes 2002 ausgerufen wurde, wird es nicht geben. Für den Buchhandel bedeutet das, dass er immer für sein Ideal kämpfen und einstehen muss – wenn er das denn will – und es dafür immer genügend Leute geben muss, die überzeugend für die Sache einstehen. Ist sich die Branche hier nicht einig, dann ist auch die Buchpreisbindung in Gefahr. Das hat sich auch in der Vergangenheit immer wieder gezeigt.
buchmarkt.de: Sie sagen „wenn er das denn will“?
Kühnert: Ja, denn das Bekenntnis zur Buchpreisbindung ist auch innerhalb der Branche keine Selbstverständlichkeit. Für die Ziele manches Unternehmers kann die Buchpreisbindung kontraproduktiv sein. Spätestens dann stellt sich die Frage, wie viele Abstriche er bereit ist, dafür zu machen.
buchmarkt.de: Ganz eindeutig pro Preisbindung Position zu beziehen, scheint also auch Ihnen schwerzufallen?
Wie eingangs gesagt, ist es für mich schwer geworden, hier kategorisch „weiß“ oder „schwarz“ zu sagen. Ich habe in meiner Arbeit versucht, mich in eine möglichst objektive Perspektive zu begeben. Wenn man sich dann eingehend mit den Argumentenund den Verhaltensweisen der Protagonisten befasst – was ich im historischen Kontext ja getan habe –, kann man für beide Seiten Verständnis aufbringen. Subjektiv stehe ich der Idee der Preisbindung nach wie vor positiv gegenüber. Aber schon an der Emotionalität, mit der die Debatte geführt wurde und wird, sieht man, dass es ein objektives „richtig“ oder „falsch“ einfach nicht gibt.