
an der Berger Bücherstube
Bei fast sommerlichem Sonnenschein fanden sich am Samstag, 24. April, etwa 80 Interessierte an der Berger Bücherstube in Frankfurt Bergen-Enkheim zu einem literarischen Spaziergang ein.
Im Mittelpunkt stand die Aktion Frankfurt liest ein Buch und damit Valentin Sengers Kaiserhofstraße 12 [mehr…], [mehr…], [mehr…].
Bücherstuben-Inhaberin Monika Steinkopf begab sich gemeinsam mit Ortsvorsteher Helmut Ulshöfer und Wilfred Stöcker-Lebzien und den etwa 50 Gästen auf die Spuren jüdischen Lebens in Bergen.
Von der Buchhandlung ging es zum Rathaus, hier wurde 2009 eine Gedenktafel für 28 jüdische Bürger angebracht, die von hier aus in die Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden; das Rathaus diente als Sammelplatz für zwei Deportationen im Mai und im Juni 1942.
In der Alten Rathausgasse wurden acht „Stolpersteine“ verlegt, sie erinnern daran, dass in den angrenzenden Häusern jüdische Bürger lebten, die später ermordet wurden. Außerdem befand sich in der Nr. 10 die erste, 1722 eingeweihte Synagoge von Bergen. Jüdisches Leben konnte in der Gemarkung bereits im 14. Jahrhundert nachgewiesen werden.
In der gleichen Gasse steht noch heute das ehemalige Schulhaus, erbaut 1670, es diente Kindern christlicher und jüdischer Konfession als Unterrichtsgebäude.
In der Conrad-Weil-Gasse 5 wurde 1855 eine neue Synagoge errichtet, sie fiel dem Wüten der Nazis in der Reichspogromnacht 1938 zum Opfer. Allerdings konnte sie nicht wie die meisten jüdischen Gotteshäuser in Brand gesteckt werden, weil sie allzu dicht an den benachbarten Fachwerkhäusern lag. So wurde sie mit Hacken, Spaten, Brechstangen komplett zerstört, eine Gedenktafel erinnert an das Haus.
Vorbei an einem Stück der alten Stadtmauer führte der Weg weiter zur Straße Im Sperber, auch hier sind „Stolpersteine“ verlegt worden, eine Aktion, die gemeinsam mit einer Schule durchgeführt wurde.
Hinter der Stadtmauer und der heutigen Stadthalle liegt der alte jüdische Friedhof, der seit dem 16. Jahrhundert genutzt wurde. Obwohl heute nur noch wenige Grabsteine stehen, ist der Friedhof vielfach belegt, er wurde in der NS-Zeit verwüstet.
Während des Spaziergangs wird nicht nur über jüdisches Leben gesprochen, kurze Passagen aus der Kaiserhofstraße 12 werden ebenfalls vorgetragen.
Auch in Bergen, so erklärten die erfahrenen Leiter dieses Ausflugs, gab es nicht nur Gewalt und Hass gegenüber jüdischen Menschen. Bestes Beispiel ist Annemarie Schneider, Gattin von Franz-Josef Schneider, der 1974 den Stadtschreiberpreis einrichtete. Als Tochter des engagierten Pfarrers musste Annemarie während des NS-Regimes ab und an ihren Ausweis verlieren – mit den Dokumenten wurde jüdischen Mädchen und Frauen geholfen. Das haben mehrere Bürger gewusst und die Familien nicht denunziert.
Nach dem Spaziergang fand in der Bücherstube noch eine Lesung aus der Kaiserhofstraße 12 statt, die teils die Inhaberin, teils Walter Renneisen übernahm, letzterer via Hörbuch.
JF