
Thomas Krüger ist Verleger des Hörbuchverlags Schall & Wahn und des Kinderbuchverlags Lausbuch, er ist Autor (also Urheber), schreibt Lyrik (gerade erschienen: Sonette an Donald Duck im Berliner SuKKuLTur Verlag) und veröffentlicht im kommenden Jahr einen großen dystopischen Fantasy-Roman bei Baumhaus. Wir haben uns zur Debatte um das Urheberrecht mit ihm unterhalten.
Herr Krüger, das Thema Urheberrecht beherrscht derzeit auch unsere Branche…
Thomas Krüger: Mir erscheint die aktuelle Debatte um das Urheberrecht in vielen Punkten vor allem eine künstlich aufgebauschte zu sein.
Finden Sie? Warum?
Unbedingt. Vor Jahren sprach man hierzulande ja noch von „Reformstau“ und „Reformunwilligkeit“. Mittlerweile muss man aber nur laut genug „Reform“ rufen, dann fallen auf allen Baustellen die Schaufeln und man wendet sich eifrig neuen Baustellen zu. Baustellen auf Baustellen zu errichten ist ein sehr deutsches Konzept geworden: Energiewende, die unendliche Geschichte der Schulreformen, an die vergurkte Rechtschreibreform möchte ich gar nicht erinnern… und nun also das Urheberrecht.
Aber gilt es nicht tatsächlich, das bestehende Urheberrecht zu überarbeiten?
Wir haben ein hart erkämpftes Urheberrecht, das Autoren, Musiker, Filmemacher – alle, die schöpferisch tätig sind – vor der Enteignung schützt. Dieses Urheberrecht ist – natürlich – eine Baustelle, auf der gearbeitet wird. Es ist – um im Bild zu bleiben – eine Baustelle, auf der man in jüngerer Zeit häufiger Rohrbrüche festgestellt hat. Was man nun beheben will, auf dieser Baustelle. Und plötzlich kommt eine messianische Bewegung daher und ruft: Nichts da, Rohrbrüche: Öffnet die Ventile! Besser noch: Schafft die Rohre ab! Alles muss unter Wasser! Alles muss blühen! Wer für Rohre ist, der ist für Verkalkung! – und so weiter. Aber ich schalte die Ironie jetzt wieder aus. Ich denke, wir erleben zur Zeit eine Diskussion, in der denjenigen, die Urheberrechtsverletzungen beklagen – Stichwort Internet – vorgehalten wird, sie wollten einen Überwachungsstaat installieren. Auf der Grundlage dieses Vorwurfs und mit dem Ruf, es bestehe dringender Handlungsbedarf, versucht man, Urheber einzuschüchtern und das Urheberrecht dann auch gleich in seinen Grundsätzen zu kapern.
So unrecht haben die, die vor einem Überwachungsstaat warnen, doch aber nicht…
Vor einem Überwachungsstaat zu warnen ist wichtig und richtig. Dies mit dem Umbau des Urheberrechts zu verknüpfen ist falsch. In der laufenden Diskussion, die sehr stark im Internet geführt wird sowie zwischen Internet und traditionellen Printmedien, ist es den Netzaktivisten beziehungsweise der Netzgemeinde – ich lasse diese Begriffe jetzt mal so stehen – vor allem gelungen, die Diskussionsmodalitäten zu bestimmen. Dessen sollte man sich bewusst sein. Berechtigte Forderungen nach der Sicherung dessen, was Urheber geschaffen haben – der Sicherung auch im Internet –, werden gekontert mit Angstszenarien und mit rhetorischen Floskeln. Da heißt es dann gern mal demagogisch, wer totale Urheberrechtssicherheit will, will die totale Überwachung. Plötzlich spielt Verhältnismäßigkeit gar keine Rolle mehr, als wäre sie in den hiesigen Gesetzgebungsverfahren nicht verankert. Plötzlich stehen Urheber als diejenigen da, die bereit sind, Gesetze zu brechen bzw. außer Kraft zu setzen. Plötzlich also haben sich die Netzaktivisten fein aus ihrer eigenen Rolle herausgemogelt. Dabei steht die Möglichkeit totaler Kontrolle beim Urheberrecht gar nicht im Raum – auch wenn das mit Blick auf ACTA gern suggeriert wird. Schon immer musste die Wirtschaft z.B. mit Ladendiebstahl leben – und sie hat damit leben gelernt. Man könnte in der heutigen Hartwarenwelt hingehen und den gesamten öffentlichen Raum so sehr durchleuchten, dass Ladendiebstahl praktisch unmöglich wäre. Man tut es aber nicht. Wenn es Versuche in diese Richtung gibt, werden diese Versuche schnell und berechtigt angeprangert und beendet. In der Internetdiskussion aber wird so getan, als ginge es um einen zukünftigen Urheber-Unrechtsstaat. Das ist Demagogie. Und in einem zweiten Schritt – ebenso demagogisch – wird Urhebern und Ihren Unterstützern vorgeworfen, Menschen zu kriminalisieren, indem sie, die Urheber, auf ihren überkommenen, veralteten Rechten bestehen. Plötzlich stehen Urheber als in der Diskussion delegitimiert dar. Das ist dann die Steigerung von Demagogie zu Perfidie.
Aber in der Diskussion findet teilweise auch eine „Kriminalisierung der Schulhöfe“ statt. Ist das wirklich verhältnismäßig?
Kriminalisierung ist so ein Wort, das gern von Leuten benutzt wird, die mit beiden Händen bis zu den Ellbogen in fremden Mustöpfen erwischt werden. Es bleibt doch festzustellen, dass nahezu jeder, der heute illegal Dinge aus dem Internet saugt, um die Illegalität dieses Tuns weiß. Auch Schüler wissen das. Wenn man aber hingeht, und diese juristisch einwandfreie Sicht der Dinge stets und ständig unterhöhlt – es geht also wiederum um die Diskussionskultur, und es geht um Unrechtsbewusstsein – dann wird es tatsächlich immer schwieriger werden mit dem Urheberrecht und dem Schutz geistigen Eigentums. Wenn man den Begriff „geistiges Eigentum“ infrage stellt, muss man sich über eine Verselbstständigung illegaler Download-Aktivitäten nicht wundern. Wenn man erklärt, ein illegaler Download sei kein Diebstahl, weil ein stehlbares Gut auf Seiten des Besitzers nicht um einen Faktor X (X = mind. 1) reduziert wurde, dann verstärkt man die Umwandlung von Unrechts- zu Rechtsbewusstsein nur. Wenn man dann noch kapituliert gegenüber den Medienmechanismen einer Gesellschaft, deren Leidenschaft es ist, jede Offensichtlichkeit mit mindestens 5 Studien, die das Gegenteil belegen, zu kontern, dann wird der Kampf irgendwann aussichtlos. So kommt ein an sich kluger Mensch wie Frank Schirrmacher tatsächlich und allen Ernstes auf die Idee, das Abmahnwesen der sogenannten Musikindustrie für das Gesamtdilemma verantwortlich zu machen und mit den Brutalitäten der Steuereintreiber am Vorabend der Französischen Revolution zu vergleichen. Und er weist darauf hin, dass man es einem abgemahnten Oberschüler (ca. 1.200€ Strafe) nicht verdenken könne, künftig für das legale Downloaden verloren zu sein und sich zu radikalisieren. Mal abgesehen davon, dass der Vergleich mit den Zuständen vor der Französischen Revolution grotesk ist, frage ich mich, ob man nicht nach Schirrmacher hingehen müsste, und jegliche Sanktionierung abschafft, weil der Sanktionierte den Schaden, den er sich selbst zuzuschreiben hat, womöglich dem Opfer anlastet. Das wäre dann allerdings wiederum eine Maßnahme, die das deutsche Präfix „Reform-“ verdient.
Es geht aber doch vor allem auch um das Recht auf Privatkopien – soll das auch kriminell sein?
Mein genereller Eindruck ist wie gesagt, dass die Urheberrechtsdebatte eine künstlich aufgebauschte ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass man, was Privatkopien und File-Sharing betrifft, Lösungen finden kann, die sowohl für Nutzer als auch für Urheber akzeptabel sind. Ich denke aber, dies kann im Rahmen der bestehenden Baustelle „Urheberrecht“ geschehen – dazu muss man das Urheberrecht nicht auf den Kopf stellen oder in seinen Grundsätzen ändern, wie es Kreise um die Piratenpartei und zahlreiche Netzaktivisten fordern. Es gibt zum Beispiel einen sehr schönen Blogbeitrag, der belegt, dass das gültige Urheberrecht für sehr viele im Internet entstehende Problemfälle bereits eine Antwort parat hat.
Zu den Forderungen für ein radikal reformiertes Urheberrecht gehört unter anderem die Verkürzung der Schutzfristen auf wenige Jahre nach dem Tod des Urhebers. Ist diese Forderung nicht naheliegend und verständlich, da der Urheber dann selbst gar nicht mehr von seinem Schutz profitiert?
Diese Forderung nutzt allenfalls den großen Internetkonzernen – wie Google –, die sich hinter so mancher Netzdiskussion verstecken. Als Urheber kann ich es nur als Ausdruck von Verachtung gegenüber dem geistigen Eigentum, das ich geschaffen habe, empfinden, wenn mir die Möglichkeit genommen wird, dieses Eigentum zu vererben. Wo bleibt die Familiensicherung, wenn ein Urheber plötzlich stirbt? Was sollen diese Enteignungsphantasien, die sich fast 1:1 in den Volksgutgedanken des Totalitarismus wiederfinden?
Es wird auch argumentiert, dass das gültige Urheberrecht dazu führt, Werke unter Verschluss zu halten…
Ein solches Argument gehört wie so viele andere, zur Rhetorik der Piraten und hat mit tatsächlichen Notständen wenig zu tun. Von jedem Buch geht ein Pflichtexemplar an die Nationalbibliothek. Pflichtexemplarregelungen gibt es für diverse Regionen seit dem 16. Jahrhundert. Wenn es um Forschung geht, gibt es keine Schranken. Das Internet macht nicht alles neu und besser. Alle Bücher der Welt sind verfügbar. Die Bestände werden und wurden auch schon digitalisiert. Forschungshemmnisse wegen des bestehenden Urheberrechts zu beklagen, entbehrt jeder Grundlage. Was immer es da noch zu klären gäbe, bedarf allenfalls minimaler Änderungen im Urheberrecht, der Einrichtung eines digitalen Forschungspools, etc. Die Piraten kommen aber – wie jüngst ihr Vorsitzender Schlömer – mit ganz anderen, bezeichnenden Beispielen. Da wird – Zitat Schlömer – „der zweite Tod des Loriot im Internet“ beklagt. Tatsächlich hat Loriot zu Lebzeiten die Verbreitung seiner Sketche auf YouTube nicht verhindert. Die Erben tun das nun – und werten das Werk konseqent wirtschaftlich aus. Was für ein Affront! Daraus eine Affäre zu konstruieren, ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Die gesammelten Werke Loriots plus 50 ungesendete Sketche kosten auf DVD knapp 20 Euro. Gebraucht sicher weniger. Einzelne Sendungen sind eh günstiger. Wo also wird der Lauf der Welt in seinem Antrieb gehemmt? Nirgends. Nein: Es geht – in dieser ganzen überzogenen Diskussion – letztlich nur darum, das herbeiphantasierte Recht auf ein „Umsonst“ zu verteidigen ohne es zuzugeben.
Die Piraten behaupten aber ja im Gegenteil, die Rechte der Urheber stärken zu wollen.
Ich glaube eher daran, dass man einen Keil treiben will zwischen Urheber und sogenannte „Verwerter“. Wenn man sich mal anschaut, was so in Foren etc. läuft, dann graust es einen. Stilistisch hat das vor allem den Charme intellektuell unterirdischer 70er-Jahre Revolutionsprosa. All die Kampfbegriffe pubertären Agitproptheaters tauchen wieder auf: Da gibt es die Ausbeuter, die Content-Mafia, die Entrechtung des Urhebers usw. Niemand scheint sehen zu wollen, welche Arbeit zum Beispiel Verlage für die Vermarktung und für die Literarizität eines Buches leisten und welche Konsequenzen eine großflächige Zerschlagung von Verwertungsstrukturen hätte. Das Internet aber wird zum Paradies verklärt: ganz so, als hätte es die Ausdifferenzierung des Internets zu einem Nicht-ausdifferenzierten-Wirtschaftsraum nicht gegeben. Man glaubt allen Ernstes, Urheber könnten mittels Internet auf den Zwischenhandel verzichten, mithin ihre „Ausbeuter“ ausschalten und dann direkt an den „Konsumenten“ verkaufen – zu „fairen Preisen“. Seltsamerweise aber hat das Internet seit seinem Entstehen noch keine einzige Diversifikation zugelassen, sondern ist ein klassischer Monopolraum geworden. Das menschliche Verhalten wird weit weniger durch Schwarmintelligenz denn durch Herdentrieb bestimmt. Der einzelne Verkäufer, der einzelne Künstler im Netz ist NICHTS. Alles landet bei den Großen der Netzwelt. Fällt einer dieser Big Player weg, wird er immer genau durch EINEN neuen ersetzt. Amazon, Google, Facebook, Apple dominieren sämtliche Mitbewerber auf erschreckend monopolistische Weise – und sie würden ganz „natürlich“ von dem profitieren, was Netzaktivisten fordern. Da kommen dann schon gewisse Verdachtsmomente auf… Wir haben alles in allem über 750.000 Menschen in Kulturbereichen arbeitend – in diesem Land. Sind das zum großen Teil Schmarotzer? Dieser widerliche Begriff taucht immer häufiger vor allem in Netz-Foren auf. Die Komplexität eines kulturellen Gefüges ist im Schaumwurf der neuen Netzgerechtigkeitsbewegung völlig an den Rand gedrängt worden. Kein Autor, kein Musiker, kein Künstler, der ein bisschen Grips im Kopf hat, würde auf den Kulturbetrieb, auf das Netz dessen, was sich um Kultur gebildet hat, verzichten wollen. Man kann sich im Einzelfall über Knebelverträge ärgern, die sind jedoch nicht Teil des Systems, sondern Folge mangelnden Verhandlungsgeschicks auf Seiten der Urheber. Ich weiß übrigens leider, wovon ich spreche… Selbst kluge Menschen, die Kunst, Künstlern etc. wohlgesonnen gegenüberstehen, schimpfen plötzlich über die bösen Verwerter, die den Autoren zu wenig abgeben – ohne dass diese klugen Kritiker die Kostenstruktur eines Buches mal analysieren würden. Das ist alles so bizarr und unverhältnismäßig, dass ich manchmal reagieren möchte, wie es Michael Krüger vor einigen Wochen in einem wunderbaren Artikel zum Netz, zur Netzkultur (schönes Wort) und zur deutschen Urheberrechtsdiskussion in der FAZ beschrieb: „Ich lief in den Garten, legte meinen Kopf auf das frische Gras und weinte bitterlich.“