
von Volker Bouffier
Es hätte keinen besseren Ort für diese Preisverleihung am gestrigen Abend geben können: Im Städel Museum am Museumsufer in Frankfurt am Main überreichte der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier den 30. Hessischen Kulturpreis an Hilmar Hoffmann.
Unter dem 1925 in Bremen geborenen und von 1970 bis 1990 als Kulturdezernent in Frankfurt tätigen Hilmar Hoffmann hat sich das Museumsufer zu einer Kulturmeile von internationalem Rang entwickelt.
Filmische Impressionen, zusammengestellt vom Deutschen Filminstitut, stimmten mit wichtigen Stationen des Kulturwissenschaftlers und Interviewausschnitten ein.
Volker Bouffier nannte den Kulturpreis einen „hellen Stern am Firmament der Preise“. Seit 1982 wird diese hohe Auszeichnung des Landes Hessen vergeben. Hilmar Hoffmann befindet sich mit den bisher Geehrten, darunter Karl Krolow und Ror Wolf (1983), Albert Mangelsdorff (1984), Volker Schlöndorf (1987), Hans-Albert Walter und F. K. Waechter (1993), Jürgen Habermas, Marcel Reich-Ranicki und Siegfried Unseld (1999) in illustrer Runde.
Gewürdigt werde damit Hilmar Hoffmanns langjähriges Engagement im Sinne der von ihm geprägten Forderung Kultur für alle. Volker Bouffier sei keinem begegnet, in dem sich die Symbiose von Politik und Kunst so erfolgreich vollziehe, wie bei Hilmar Hoffmann. Er wirkte in Frankfurt unter fünf Oberbürgermeistern, in der Mainmetropole „kamen für ihn Beruf und Berufung zusammen“.
Von 1992 bis 2001 war Hilmar Hoffmann Präsident des Goethe-Instituts. In den 1990er Jahren gründete er die Stiftung Lesen in Mainz und leitete sie fünf Jahre lang.
Bereits in jungen Jahren engagierte sich Hoffmann kulturell: Der Folkwang-Absolvent im Fach Regie gründete 1954 die späteren Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, die heute als ältestes Kurzfilmfestival der Welt gelten. Regisseure wie Alexander Kluge, Peter Schamoni, Edgar Reitz, Wim Wenders, Roman Polanski und Werner Herzog zeigten dort ihre ersten Arbeiten.
Die Laudatio für Hilmar Hoffmann hielt Jack Lang, französischer Kultur- und Bildungsminister zwischen 1981 und 1993. Er „habe Lampenfieber“, an diesem Tag einen so großen Kulturpolitiker zu ehren.
Die Arbeit von Hilmar Hoffmann in Oberhausen sei eine echte Pionierleistung gewesen, in Frankfurt sei ihm mit dem Museumsufer ein großer Wurf gelungen. Um diese Kulturmeile werde die Stadt weltweit beneidet.
Jack Lang erinnerte auch an die Wege mit Hilmar Hoffmann über die Frankfurter Buchmesse. Damals stand die Buchpreisbindung in Frankreich auf der Kippe. Mit dem Loi Lang ist die Preisbindung 1981 festgeschrieben worden.
„Die Eurokrise ist auch eine Krise der Kulturpolitik“, stellte Lang fest. Denn wenn Kultur als Luxus betrachtet werde, sei man schnell dabei, hier zuerst den Rotstift anzusetzen. Warum könne man nicht die Krise mit den Mitteln der Kunst bekämpfen? Der deutsch-französische Kulturaustausch sei ein gutes Beispiel funktionierender Zusammenarbeit. „Ein deutsch-französisches Parlament – warum nicht!“, formulierte Lang eine Vision. Es gehe insgesamt darum, Europa eine kulturelle Seele zu geben.
Von der Ehrung sichtlich berührt trat Hilmar Hoffmann ans Pult. „Die Auszeichnung macht mich auf meine alten Tage noch richtig glücklich“, gestand er. Er sei auch deshalb glücklich, weil er am Ende seines Lebens eine Verbindung zum Anfang knüpfen kann.
Dann nahm Hoffmann die gegenwärtige Politik ins Visier. Die große Idee einer europäischen Kulturgemeinschaft werde zur Zeit abgesenkt auf einen Fiskalpakt in der Eurokrise. Er forderte, nicht die Ökonomie zu forcieren, sondern das Bürgerrecht auf Kultur, ein Anliegen, das er mit seinem langjährigen Freund Jack Lang gemeinsam verfolge. Kultur für alle sei das Ziel eines gelingenden Lebens.
Die Fakten allerdings sprechen eine andere Sprache. So verschwänden beispielsweise eine Million Euro aus Frankreichs Kulturbudget. Die gegenwärtigen Reden von Europa-Politikern zu den diversen Sparmaßnahmen charakterisierte Hoffmann mit einem Zitat von Curt Goetz: „Das Denken ist zwar allen Menschen erlaubt, aber vielen bleibt es erspart.“ Kosten-Nutzen-Rechner stünden im Vordergrund in Brüssel. Dabei sei die „theoretische Ökonomie von einem Hang zur Geisterkunde“ geprägt.
„Ins Fadenkreuz der Fiskalstrategen ist ausgerechnet Griechenland geraten“, formulierte der Kulturwissenschaftler. „Allein tabellarischer Verstand spielte wohl dabei eine Rolle“, urteilte er und zitierte Jack Lang: „Ohne Griechenland lässt sich Europa nicht denken.“
Europa brauche Kultur, wie die Fische das Wasser zum Leben.
„Mit dem Preis bin ich als Hesse eingemeindet“, fügte Hoffmann scherzhaft hinzu. Ernst forderte er auf, sich weiter für Kultur einzusetzen: „In der Stadt gibt es keinen interessanteren Bereich als das Kulturdezernat.“ Magistrat und Parlament sollten sich ihrer kulturellen Verantwortung bewusst bleiben.
Mit einem Goethe-Zitat beendete Hilmar Hoffmann seine Rede: „Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide gehören, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden.“ (aus: Wilhelm Meisters Wanderjahre)
Der mit 45.000 Euro dotierte Hessische Kulturpreis gehört zu den höchsten Auszeichnungen im kulturellen Bereich in Deutschland.
JF