„Wie lange werden uns Fernsehbilder wie diese noch begleiten? Städte und Dörfer sind in einer Flut versunken, wie sie unser Land so noch nicht erlebt hat. Zehntausende Menschen mußten evakuiert werden, viele von ihnen haben alles verloren. Ihre Wohnungen wurden zerstört, die Häuser von den Wassermassen weggerissen. Auch in unserer Branche sind Existenzen bedroht, Arbeitsplätze gefährdet. Aber können wir das Ausmaß der Flutschäden wirklich begreifen?“

Als diese Sätze geschrieben wurden (Buchmarkt 9/2002), sprach alles leichtsinnig von einer so genannten „Jahrhundertflut“ – da wußte man noch nicht, welche „Weiterungen“ es nur ein paar Jahre später geben würde. Ein Kanzler, oder wie es neuerdings in Leipzig heißen soll, ein Kanzlerin namens Schröder, machte Wahlkampf in Gummistiefeln.
Elf Jahre später: Das Ganze wiederholt sich. An manchen Orten, wie z.B. Halle, schlimmer als je zuvor. Nun macht Kanzlerin Merkel damit Wahlkampf, verspricht 100 Millionen Euro für Hochwasserschäden, über deren Verteilung alles unklar ist und vor allem: Das Geld wird nicht reichen. Allein in Sachsen, so ist zu hören, gehen die Schäden wohl jetzt schon in die Milliarden. Wir reden also über Summen, die normalerweise verzockte Banken vom Steuerzahler kriegen…
Wir haben vor einigen Tagen die (vorläufige) Liste der betroffenen Buchhandlungen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen [mehr…] veröffentlicht, und schon da rieben wir uns die Augen: Es hat zum Teil „alte Bekannte“ wieder getroffen – also Buchhandlungen, die bereits 2002 weggespült wurden und buchstäblich wieder am Punkt Null angefangen haben. Das kann nur heißen, daß in den betreffenden Gebieten elf Jahre versäumt wurde, Vorkehrungen für den nun eingetroffenen „Tag X“ zu treffen. Matthias Berger, Oberbürgermeister von Grimma, der 2002 den damaligen Umweltminister (und heutigen Ministerpräsidenten und Buchmessen-Eröffnungsredner) Tillich anpfiff, ob er bei einer solchen Katastrophe grad nichts Besseres zu tun habe, als eine Erntekönigin zu krönen, nimmt auch jetzt kein Blatt vor den Mund: Geplant war für Grimma eine 40 Millionen Euro teure Schottenwand, sagte er heute der Frankfurter Rundschau – die aber vielleicht erst 2017 stehen wird, wenn alle Rumstreitereien mit Bürgerinitiativen und dem Denkmalschutz vor Gericht beendet sind. Hoffen wir nur, daß nicht noch eine dritte Flutwelle bis dahin alles platt macht.
Glimpflich davongekommen ist 2002 Halle/S. Das sieht dieses Jahr anders aus. Das MDR-Funkhaus steht schon unter Wasser (da wird gerade ein Schutzwall errichtet), es plätschert schon auf dem Hallmarkt, also in unmittelbarer Nähe der City – und von da in Richtung Halle-Neustadt ist die Situation sehr kritisch. Wir haben gestern Abend unseren MDR-Kollegen Theo M. Lies an die Strippe gekriegt, der pausenlos und wahlweise mit Ü-Wagen oder Schlauchboot in Sachen Hochwasser unterwegs ist. „So etwas hat es noch nicht gegeben“, kommentiert er die höchsten Saale-Pegelstände seit 400 Jahren, die auch dafür gesorgt haben, daß die diesjährigen Händelfestspiele buchstäblich ins Wasser fielen. Buchhandlungen sind in dem überfluteten Bereich von Halle nicht betroffen, sagt uns Lies – aber in der Stadt herrscht große Ungewißheit: Werden die Dämme halten? Kommt noch mehr Wasser nach? Halle-Neustadt, die zu DDR-Zeiten auf die grüne Wiese gepflanzte „Chemiearbeiterstadt“ ist schon großflächig evakuiert worden. Heute früh kam die Meldung: die Pegel sinken leicht – Entwarnung wird es wohl aber in dieser Woche trotzdem noch nicht geben.
Aber noch immer werden überall Sandsäcke geschleppt – und irgendwie ist die Stimmung in der sonnenüberstrahlten Saalestadt gespenstisch: Es herrscht schönstes Sommerwetter – immer wieder unterbrochen von Sirenengeheul und Hubschraubergeknatter. Heute früh um 8 Uhr wurde auf dem Markt in Halle eine neue Sandsackfüllstation eröffnet; zahlreiche freiwillige Helfer packen mit an – so kann vielleicht das Schlimmste verhindert werden.
Peter Sodanns in diesem Jahr in Staucha eröffenete Bibliothek (zu der seit 1. Mai auch ein Theater – die bühne der bücher – gehört) ist vom Hochwasser verschont geblieben.