… 21 Hörbücher und drei Verlage – ausgewählt aus mehr als 280 Titeln, die von 80 Verlagen eingereicht wurden. In sieben Kategorien kämpfen jeweils drei Hörbücher um den Deutschen Hörbuchpreis 2014 und damit um die Gunst der Preisträgerjury, die die Vorauswahl der Nominierungsjury genauer unter die Lupe nehmen wird. Die Bandbreite der Shortlist ist diesmal besonders vielfältig, auch zahlreiche eher unbekannte Produzenten sind dabei – doch ein Verlag darf sich gleich sechs Mal über eine Nominierung freuen.
Tipp für Buchhändler: Da die Nominierungen für den Deutschen Hörbuchpreis immer eine breit gemischte Empfehlungsliste darstellen und im Grunde jeden Geschmack bedienen – nicht nur von Hörbuch-Interessierten, sondern allgemein von Literaturliebhabern, die das Besondere suchen –, bietet sich die Zusammenstellung eines Aktionstisches geradezu an.
Der Verein Deutscher Hörbuchpreis e.V. will sich in diesem Jahr noch stärker als sonst um die Förderung der medialen Aufmerksamkeit kümmern, zum Beispiel durch virale Internetkampagnen. So widmen zahlreiche Portale sich den nominierten Hörbüchern intensiv durch eigene unabhängige Rezensionen. Außerdem wird die Preisverleihung, die am 12. März im WDR-Funkhaus wieder der Auftakt für die lit.COLOGNE sein wird, live im Radio übertragen (auf WDR 5, hr2-kultur, NDR Kultur und Antenne Saar) und auch wieder im Fernsehen gesendet (in der Nacht vom 15. auf den 16. März ab 0.30 Uhr auf 3sat).
Der „Oscar der Hörbuchbranche“ ist mittlerweile so etabliert, dass schon die Nominierungen als besondere Auszeichnung gelten.
BESTE INTERPRETIN
Sascha Icks für das Hörbuch „Kiki“ von Antje Damm, Oetinger audio
„Vollkommen unaufgeregt, aber mit kindlichem Timbre und verspieltem Duktus lauschen wir der Geschichte von Antje und Kiki, die ohne Happy End auskommen muss“, urteilt die Jury über die Leistung der Sprecherin, die mit ihrer angenehm weichen, manchmal brüchigen Stimme die Seele des Buches zum Leben erweckt.
Markus Langer, Verlagsleiter Oetinger Media, schwärmt von Sascha Icks als „eine Hörbuchsprecherin mit viel Fingerspitzengefühl, die die feinen Nuancen dieser wunderbaren melancholischen Geschichte um Freundschaft und Tod einfühlsam und mit großer Empathie zum Klingen bringt. Wir fiebern mit bis zur Entscheidung und drücken ihr und uns alle Daumen!“
Laura Maire für „Schattengrund“ von Elisabeth Herrmann, der Hörverlag
Die bereits mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnete Schauspielerin interpretiert in „Schattengrund“ die verschiedenen Facetten der Protagonistin – von jung und naiv bis willensstark. Und zwar, so Heike Völker-Sieber, Pressesprecherin des Hörverlags, „durch und durch glaubwürdig“. Und: „Nicht weniger intensiv zeichnet sie auch die anderen Rollen und die Kulissen dieses nahezu poetischen Thrillers von Elisabeth Herrmann und verdichtet so die fesselnde Atmosphäre.“
Auch die Jury schließt sich an: „Wie Laura Maire dieses grenzenlos naive Mädchen mit ihren Launen und Widersprüchen frisch und frech interpretiert, ist große Sprecherkunst. Souverän und verführerisch spannungsgeladen in der Stimme, folgen wir der Geschichte um das Geheimnis des Mädchens.“
Sandra Hüller für das Hörbuch „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt. Mein kaputtes Königreich“ von Finn-Ole Heinrich, Hörcompany
Nachdenklich und leicht – so verkörpert Sandra Hüller die maulige Maulina. „Sie vermittelt nuancenreich die Klugheit und Frische eines abenteuerlustigen Mädchens, dessen Natürlichkeit und Witz“, findet die Jury und meint sogar, dass die Interpretin einen Rhythmus entwickele, „der den Hörer zwischen Popelversteck und Maulhöhle fesselt“.
Sandra Hüller selbst war ganz aus dem Häuschen, als sie die Nachricht von der Nominierung erreichte, und erinnert sich gern an die Zeit im Tonstudio: „Es war für mich ein unvergleichliches Vergnügen, diese kluge, sture, lustige, wilde und empfindsame Maulina mit Hilfe der klaren Regie von Angelika Schaack zum Leben zu erwecken – und ich bin gespannt auf ihre weiteren Abenteuer.“
Offensichtlich war die Wahl der Sprecherin eine gute Entscheidung, denn der Autor Finn-Ole Heinrich – eigentlich selbst ein begnadeter Vorleser – war etwas irritiert, als Verlegerin Andrea Herzog ihn anrief und meinte: „Finn, diese Geschichte kannst du nicht selber fürs Hörbuch lesen. Bei einer weiblichen Protagonistin und Ich-Erzählerin geht das gar nicht.“ Und so habe man lange zusammengesessen und überlegt, wer eine „richtige, echte“ Maulina sein könnte: „Maulig, aber nicht klamottig, nicht zickig, aber wütend, traurig und eigenwillig – und dann war klar, dass Sandra Hüller es machen MUSS.“
Ginge es nach zahlreichen Hörern, Presseleuten und Buchhändlern, so steht der Gewinner in dieser Kategorie bereits fest: „Sie alle haben uns gesagt, dass dies ein geniales Hörbuch sei, weil der facettenreiche Text im Hörbuch noch viel besser herauskäme als beim bloßen Lesen“, freut sich Andrea Herzog. „Ich glaube, das Wesentliche und Besondere an dieser Lesung ist, dass die Schauspielerin sich selbst zurücknimmt, sich aber allem, was sie mit ihrer Stimme zaubern kann, in den Dienst der Protagonistin stellt.“
BESTER INTERPRET
Robert Stadlober für das Hörbuch „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiss, der Hörverlag
Ebenfalls schon einmal für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert, taucht der junge Schauspieler bei diesem Hörbuch in den autobiografischen Textstrom von Peter Weiss „mit tastender Zurückhaltung und größter Sensibilität“ hinein. Die Jury meint: „In seiner Interpretation beginnt die Erzählung einer entfremdeten Jugend zu vibrieren vor Intensität. Liebevoll umrankt von Klangminiaturen der Band The Notwist und getragen von der sanften Stimme Stadlobers, entfaltet sich die zeitlose und suggestive Kraft der Prosa von Peter Weiss.“
Dabei sei der Stoff alles andere als ein leicht zugänglicher oder „geschmeidiger“ Stoff, stellt Heike Völker-Sieber klar. „Umso beeindruckender, wie schnell sich der Hörer durch Robert Stadlobers zurückhaltende, leise und doch kraftvolle Lesung mitten in der Erzählung wiederfindet. An der Seite des Schauspielers nähert man sich hochkonzentriert einer Szenerie oder folgt ihm in anderen in eine distanziertere Haltung. Seine Lesung entwickelt geradezu einen magischen Sog.“
Frank Arnold für das Hörbuch „Landgericht“ von Ursula Krechel, Audiobuch
Den eher nüchternen Text trägt Frank Arnold gleichzeitig zurückhaltend und doch intensiv vor. „Er schafft ein Hörerlebnis, das weit über das Vorlesen des Textes hinausgeht, und bringt seine Interpretation dem Hörer unaufdringlich nahe“, fasst die Jury zusammen – und bescheinigt dem Sprecher, „die Spannung und Faszination von der ersten bis zur letzten Minute aufrechtzuerhalten“.
Audiobuch-Chefin Corinna Zimber freut sich vor allem über die Würdigung der Vorlage für das Hörbuch: „Das Buch beschäftigt sich mit einem Thema, das so außerhalb aller Moden und Zeitgeist-Erregungen deutsche Geschichte behandelt. Ursula Krechel gelingt es, ein oft bedrückendes, aber immer anrührendes Panorama eines durch Faschismus aus der Bahn geworfenen Lebens zu zeichnen. Ein Buch, welches einem nachgeht.“
Matthias Koeberlin für Andreas Eschbachs „Todesengel“, erschienen bei Lübbe Audio
Schon zum dritten Mal nominiert, sollte für Matthias Koeberlin nun eigentlich der Gewinn glücken – schaffte er es doch schon von Beginn seiner Hörbuchkarriere an, seine Hörer regelrecht in den Bann zu ziehen. Dass er je nach Vorlage sogar noch „einen drauflegen“ kann, unterstreicht die Jurybegründung: „Er liest den in seiner Aussage ambivalenten Selbstjustiz-Thriller packend, intensiv und spannend, ohne dem Reiz vordergründiger sprachlicher Effekthascherei zu erliegen. Fast intim ist seine Lesung, rhythmisch und im Tempo perfekt. Seine Stimme kriecht geradezu ins Ohr – der Zuhörer bleibt gebannt zurück.“
Koeberlin selbst war nach eigener Aussage „überrascht, glücklich und ein kleines bisschen stolz, dass ich die Jury zum dritten Mal mit meiner Arbeit überzeugen konnte“. „Todesengel“ beleuchte ein hochaktuelles Thema von allen Seiten, ohne eine Position zu beziehen und zu werten. „Es entwirft ein Was-wäre-wenn-Szenario, das zu Diskussionen einlädt.“
BESTES HÖRSPIEL
„Iranian Voices. Republik der Verrückten von Oliver Kontny und Marc Sinan, erschienen bei Buchfunk
Der deutsche Beitrag zu einem internationalen Hörspielprojekt zeigt die Widersprüche, aber auch Berührungspunkte zwischen der Hochkultur der klassischen persischen Dichtung und dem brutalen Alltag in der islamischen Republik. „In dieser Produktion stimmt alles“, schwärmt die Jury. „Und obwohl oder gerade weil alles mit äußerster Präzision gebaut ist, trifft dieses Hörspiel mit unmittelbarer Wucht und lässt seine Hörer zwischen Erschütterung und Hoffnung zurück.“
Nach dem Deutschen Hörbuchpreis für „Der heilige Pillendreher“ im März dieses Jahres ist die Nominierung der „Iranian Voices“ für den Leipziger Verlag nach eigener Aussage das „Sahnehäubchen“ auf ein sehr gutes Hörbuchjahr. „Sie bestärkt uns vor allem darin, auch weiterhin
nicht nur eigene Stoffe zu entwickeln, sondern auch Herzensprojekten anderer eine verlegerische Heimat zu geben“, erklärt Buchfunk-Chef Johannes Ackner.
Den Autor und Regisseur Oliver Kontny erreichte die Nachricht auf einer Reise zwischen Vietnam und Kambodscha. In einer E-Mail an den Verlag schrieb er, „dass die Nominierung einfach riesig sei und dass er sich nicht hätte vorstellen können, dass nach dem Preis des Berliner Hörspielfestivals noch etwas kommt“. Und dank Facebook erfuhr Ackner, dass der Musiker Marc Sinan gerade in Taschkent weilt – auch er äußerte sich hocherfreut.
„Orphée Mécanique“ von Felix Kubin, belleville Verlag
Am Anfang der Popmusik stand der Verlust: Felix Kubin geht mit „Orphée Mécanique“ in einer modernisierten Form an die Wurzeln des Orpheus-Mythos. Die Jury meint: „Entstanden ist eines der seltenen Hörspiele über die Medienwelten der Liebe, aus denen man Hit-Singles auskoppeln kann. Wie eine Schallplatte, die immer wieder zum Anfang zurückspringt, wird der Mythos immer wieder neu gestartet. Lars Rudolph performt mit Stimme und Trompete Songs von hin- und mitreißender Skurrilität.“
„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson, der Hörverlag
Vom ersten Moment an nimmt das laut Jury „prall und in rasantem Rhythmus“ inszenierte Hörspiel die Hörer mit in Allan Karlssons Leben. „In dieser exzellenten Bearbeitung trägt das Ensemble durch die Geschichte mit einer Leichtigkeit und Spielfreude, die die Komik und Ironie des Textes in ihrer Feinheit neu zur Geltung bringt. Lebendig und klug verkörpert Matthias Habich die Hauptfigur – es ist ein Genuss, ihm zuzuhören.“
„Wenn man jemandem erklären sollte, was Hörspiel kann, braucht es keine Worte – einfach diese CDs einlegen!“, bringt es Heike Völker-Sieber auf den Punkt. „Regisseur Leonhard Koppelmann jongliert iklug und kreativ mit den unterschiedlichsten akustischen Möglichkeiten. Die Lust, die das ganze Team – vom Bearbeiter über die Regie bis zum Ensemble – bei der Produktion hatten, springt beim Hören 1:1 über.“
BESTES KINDERHÖRBUCH
„Munkel Trogg – Der kleinste Riese der Welt“ von Janet Foxley, Der Audio Verlag
Kleiner Mann ganz groß: In dieser humorvollen, fantasiereichen Hörbuch-Umsetzung tauche der Hörer schnell in Munkels Welt ein, sagt die Jury. „Durch die im positivsten Sinne kindliche Sprache und mit spürbarer Lust an der Albernheit beeindruckt Boris Aljinovic. Seine liebevolle Interpretation der Charaktere gibt ihnen Persönlichkeit und Tiefe, so dass es ein Leichtes ist, sie ins Herz zu schließen, so wie sie sind.“
„Nicht nur Munkel, sondern auch alle seine Weggefährten werden knarzend, brummelnd und dabei immer glaubhaft und entzückend zum Leben erweckt“, fügt DAV-Programmleiterin Kristin Avemark hinzu. „Last but not least ist Munkel unser absoluter Lektoratsliebling: Wir würden es dem kleinen Kerl einfach von Herzen gönnen. Auch Kleine können Großes vollbringen! Dass die Kernbotschaft des Hörbuches mit dieser Nominierung bewiesen wurde, macht uns besonders glücklich.“
„Olivia – Manchmal kommt das Glück von ganz allein“ von Jowi Schmitz, Der Audio Verlag
Dieses atmosphärisch dichte Hörspiel entführt die Hörer in Olivias Welt und bringt Kindern auf einfühlsame Weise das Thema Trauer näher: „Die wunderbare Verbindung von Musik, Geräuschen und gut ausgewählten Sprechern zeichnet diese Produktion aus – eine Geschichte, die nie klischeehaft wirkt, sondern komisch und tragisch zugleich, voller Empathie und psychologischer Tiefe.“
Kristin Avemark: „Ein Familienhörspiel allererster Güte, denn hier werden sowohl Kinder als auch Eltern berührt und dazu animiert, über Themen wie Trauer und Neuanfang nachzudenken. Kirstin Petri, die den Text sowohl bearbeitet als auch in der Regie begleitet hat, gelingt es, die leisen Töne der Geschichte hervorzukitzeln und dabei immer die Waage zwischen Tragik und Komik zu halten.“
Dass gleich zwei Titel des DAV aus dem Kinderbereich im Rennen sind, hat die Berliner sehr gefreut: „Zwar in der gleichen Kategorie, aber das macht es noch mal doppelt so spannend“, sagt Pressesprecherin Maureen Wurm. „Meine Kolleginnen aus dem Kinderlektorat waren begeistert von der Nachricht, und sie wissen gar nicht, welchem Titel sie eher die Daumen drücken sollen.“
„Eine dunkle & GRIMMige Geschichte“ von Adam Gidwitz, Audiolino
Haben Hänsel und Gretel im Wald tatsächlich nur die böse Hexe getroffen? Nein, die Geschwister begegnen auch einem schrecklichen Drachen und sogar dem Teufel und müssen viele Gefahren überstehen. Mehrere Märchen der Brüder Grimm hat Adam Gidwitz zu einer zusammenhängenden Geschichte verarbeitet: „Diese moderne Märcheninterpretation versteht es, Erwartungen zu wecken und bewusst nicht zu erfüllen“, zeigt sich die Jury von der Idee angetan – und von der Umsetzung: „Stimmlich variabel macht sich Peter Kaempfe den Hörer zum gebannten Zuhörer. So entsteht eine Atmosphäre, die gleichermaßen nicht mehr so ganz junge wie auch erwachsene Hörer gefangen nimmt.“
„Die spontane Reaktion war: Nach BEO- und Hörkulino-Nominierung jetzt auch ein Vorschlag für den Deutschen Hörbuchpreis – da haben wir wohl richtig gute Arbeit geleistet“, freut sich Audiolino-Chef Rainer Gussek. Warum auch dieser Preis verdient ist? „Weil das Hörbuch eine bis ins kleinste Detail stimmige Produktion ist. Bei der Musik wurde jeder einzelne Ton der Spieluhr per Hand nach Partitur gesetzt. Der Text ist mal süffisant, mal schaurig, reflektiert sich dabei selbst und präsentiert gleichzeitig eine ganz neue Sicht auf die Märchen der Brüder Grimm. Und dem Sprecher ist der Spaß am Fabulieren deutlich anzuhören.“
BESTES SACHHÖRBUCH
„Fallbeil für Gänseblümchen. Der Spionageprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz im Originalton“ von Maximilian Schönherr, Christoph Merian Verlag
Ein halbes Jahrhundert nach dem spektakulären Prozess macht Maximilian Schönherr die Stasi-Mitschnitte erstmals zugänglich – schon das sei ein Verdienst, sagt die Jury. „Vor allem aber vermittelt die Produktion einen spannungsvollen Einblick in die politische, ideologische und auch emotionale Stimmungslage der DDR Mitte der 1950er-Jahre, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.“
Verlagschef Oliver Bolanz fügt hinzu: „Dieses äußerst eindrückliche Feature geht wirklich unter die Haut. Die geschickt ausgewählten O-Töne aus einem Spionageprozess der DDR-Justiz zeigen, wie Diktaturen funktionieren – ein grandioses Feature und ein erschütterndes Zeitdokument.“
„Peter Handke / Siegfried Unseld. Der Briefwechsel“ von Raimund Fellinger, speak low
Der Autor und sein Verleger, das ist laut Jury eine Beziehungsgeschichte: „Deren Höhen und Tiefen vollzieht das Hörbuch durch den lebendigen Vortrag der Sprecher Jens Harzer und Ulrich Noethen glänzend nach. Die Kommentare von Raimund Fellinger sorgen dabei für eine genaue Einordnung des Briefwechsels und vertiefen viele Passagen in einer Weise, die das Verlagswesen im Allgemeinen, das Innenleben von Suhrkamp im Besonderen und das ‚System Unseld‘ im ganz Speziellen lehrreich durchdringt.“
„Über die Nominierung als bestes Hörbuch in der Kategorie Sachhörbuch haben wir uns sehr gefreut – für uns ist das die Königsdisziplin!“, erklärt Harald Krewer von speak low. „In Zeiten der Digitalisierung und den ausufernden Veränderungen in der Buchbranche ist die Korrespondenz eine lebendige Reminiszenz an eine Verlagskultur, die das Verhältnis zwischen Verleger, Autor und Lektor eindrucksvoll widerspiegelt: Literaturbetrieb backstage! Und weil sich die Produktion nicht nur an ein Fachpublikum wendet, freut uns die Entscheidung der Jury außerordentlich.“
„Egon Bahr: ‚Das musst Du erzählen‘. Erinnerungen an Willy Brandt, erschienen bei Hörbuch Hamburg
„Dies ist gelebte Erinnerung“, resümiert die Jury. „Persönlich, besonnen, scharfsinnig und offen erzählt Egon Bahr von seinem Freund und Vertrauten Willy Brandt und ihrem gemeinsamen Weg. Durch dieses Hörbuch wird Vergangenheit gegenwärtig und Geschichte glaubwürdig. Der Bahr-Bericht ist ein beeindruckendes und charaktervolles Dokument.“
Warum der Verlag dieses Hörbuch produziert hat, erklärt Geschäftsführer Johannes Stricker: „Egon Bahr gehört zu der Generation Politiker, die mit Ihrer auratischen Stimme wirklich noch Bedeutendes zu erzählen haben. Dass die Jury dies ähnlich sieht und diese Produktion nominiert, ist eine tolle Bestätigung unserer Programmarbeit. Wir freuen uns sehr!“
BESTE VERLEGERISCHE LEISTUNG
der Hörverlag für das Hörbuch „Poems. The Waste Land und weitere Gedichte“ von T. S. Eliot
Das Hörbuch lädt ein zur Begegnung mit einem der bedeutendsten Gedichte des 20. Jahrhunderts. Nicht nur die mehreren Ebenen, derer sich der Verlag bedient, haben die Jury begeistert: „Den Lyriker selbst beim Vortrag zu hören, verschafft dem Titel sowohl akustischen wie auch dokumentarischen Mehrwert. Dass für den Vortrag der Übersetzungen markante Persönlichkeiten wie Hans Magnus Enzensberger gewonnen werden konnten, zeichnet die Produktion in besonderer Weise aus.“
Eine editorische Idee genau so zu realisieren, entsprang laut Heike Völker-Sieber einem Glücksfall: „Die Archive bargen die Originalton-Lesungen aus den 1940er-Jahren, und für die deutschsprachige Interpretation konnten große Künstler unserer Zeit gewonnen werden. Gerade in diesem Zusammenspiel entstehen Funken, die zweifellos auch neue Hörer für Lyrik und speziell für diesen Autor entzünden.“
Nyland-Stiftung und Aisthesis Verlag für das Hörbuch „BLACKBOX. Hörspiele, Tondokumente, Jazz & Lyrik“ von Michael Klaus, herausgegeben von Walter Gödden und Steffen Stadthaus
Der Schriftsteller Michael Klaus hat in den 80er-Jahren die Tradition des Ruhrgebietshörspiels mit einer eigenen Sprache erneuert und dabei alle formalen Möglichkeiten des Genres genutzt. Es sei, so die Jury, „eine umfassende und keine Fragen offen lassende Werkschau auf einer MP3-DVD, liebevoll zusammengestellt und mit einem 64-seitigen Booklet voller Interviews und Analysen ausgestattet“.
Möglich gemacht hat die Produktion die Nyland-Stiftung, die seit Jahren mit geringem Budget ein schillerndes Buch- und Hör-Programm herausbringt, das sich Nischenproduktionen widmet und immer wieder für Entdeckungen gut ist. Dass „Blackbox“ für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert wurde, habe bei den Beteiligten „alle Erwartungen übertroffen“, erzählt Mitherausgeber Walter Gödden, Leiter des Museums für Westfälische Literatur. „Wir haben nie auf einen solchen Preis spekuliert, sondern wir wollten etwas für Michael Klaus tun, der vor gut drei Jahren verstorben ist. Er war ein großartiger Autor und ein wunderbarer Mensch. Seine Texte sind so vieles auf einmal, vital bis zum Exzess, melancholisch bis zur Selbstaufgabe, schräg zum Kaputtlachen und so bodenlos subversiv, wie man es wohl nur im tiefsten Ruhrgebiet sein kann, wo neben Protzbauten großer Konzerne das nackte Elend zu Hause ist, ohne dass man darüber seinen Humor verliert.“
Hörcompany für die Hörbuchreihe „Weltliteratur für Kinder“
Seit 2005 bringt die Hamburger Hörcompany jugendlichen Hörern klassische Literatur näher. Eine für Kinder verständliche Nacherzählung des jeweiligen Stückes eröffnet die Hörbücher, gefolgt von einzelnen Szenen der Urfassung in szenischer Umsetzung. Der Originaltext lässt sich im Booklet nach- und mitlesen. Mittlerweile 14 Titel verschaffen einen spielerischen Zugang zum Kanon der Literatur – von Goethe, Schiller und Shakespeare bis zum Jubilar Georg Büchner.
Mit der Nominierung würdigt die Jury die kontinuierliche Arbeit der beiden Verlegerinnen. Im breiten Markt der Kinderhörbücher zeichnet sich die Reihe „Weltliteratur für Kinder“ durch die besondere Textauswahl, die liebevolle Ausstattung, die informativen Booklets und die sehr guten Sprecherbesetzungen aus. Das Fazit der Jury: „Durch das Zusammenführen von Hörspaß und Information wird Literatur entstaubt – und zum Klangerlebnis.“
„Eine kluge, tolle Hörbuchreihe, die den Preis ganz sicher verdient hätte“, hofft die Autorin Barbara Kindermann. „Primär sind es spannende Hörbuch-Abenteuer. Sekundär lernen Kinder spielerisch ganz nebenbei, wer z.B. Faust ist, wieso Romeo und Julia nicht zusammenkommen oder wer den weisen Satz ‚Kein Mensch muss müssen‘ geprägt hat.“
„Wir freuen uns sehr über diese Nominierung, weil damit eine Reihe gewürdigt wird, die es in dieser Form so noch nicht gibt und die vor allem gut verkäuflich ist“, macht Verlagschefin Andrea Herzog deutlich. „Vor allem macht uns und dem Sprecherensemble die Reihe immer wieder Spaß, und es wäre schön, wenn sie den Hörern hoffentlich viele Klassiker näherbringen würde.“
DAS BESONDERE HÖRBUCH, diesmal im Genre SCIENCE-FICTION
„Sprachlabor Babylon“ von Till Müller-Klug, Archiv der Jugendkulturen
Starker Tobak: In Till Mülller-Klugs Hörspiel ist die Sprache eine Ressource, die kräftig ausgebeutet wird. Bestimmte Adjektive und Substantive werden nur noch dem, der es sich leisten kann, kostenpflichtig per Blauwellen in das Hirn gestrahlt. In der Regie von Thomas Wolfertz zur Musik von Ekkehard Ehlers komme, so die Jury, „die ebenso präzise wie humorvolle Analyse der virtuellen Ökonomisierung der Sprache in liebevoller Ausstattung (fast) analog daher: als Buch und CD“.
„Schon als ich das Werk zum ersten Mal hörte und dann las, wusste ich, es ist etwas ganz Besonderes“, erzählt Archivchef Klaus Farin. „Leider wird dieses meines Erachtens innovativste und politischste literarische Genre – hier geht es nicht um Wildwest im Weltraum, sondern gute Science-Fiction ist Gegenwartskritik! – seit Jahren auch von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten immer mehr vernachlässigt. Deshalb habe ich mich als Verleger jenseits aller finanziellen Erwartungen entschlossen, dieses Werk zu veröffentlichen, und hoffe nun, dass der Deutsche Hörbuchpreis das Interesse nicht nur an diesem Werk, sondern am Hörspiel-Genre Science-Fiction generell wieder anfacht.“
„Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft“ von Aldous Huxley, der Hörverlag
In seinem berühmten dystopischen Roman von 1932 entwirft Aldous Huxley die düstere Zukunftsvision einer Klassengesellschaft, die ihren Mitgliedern Stabilität, persönliches Glück und Frieden garantiert – allerdings nur um den Preis individueller Freiheit. „Dieser Klassiker des Sci-Fi-Genres entfaltet dank der eindringlichen Interpretation von Matthias Brandt einen beeindruckenden Mehrwert zum Buch“, lobt die Jury. „Spielerisch verkörpert der Sprecher sämtliche Charaktere und beherrscht die Klaviatur aller Stimmungen. Ihm gelingt es, die Balance zwischen Sachlichkeit, Wut und Irrsinn ohne Überzeichnung zu bewahren und den Hörer in die beklemmende Atmosphäre des Stoffes zu entführen.“
„Macht’s gut und danke für den Fisch“ nach Douglas Adams, der Hörverlag
Auch der vierte Band der fünfbändigen Trilogie „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams gibt, wie jede gute Science-Fiction, Antworten auf die Fragen der Gegenwart. Zum Beispiel auf die, warum die drittintelligenteste Lebensform auf der Erde (der Mensch) immer so unglücklich ist, oder wie die letzte Botschaft Gottes an seine Schöpfung lautet. Der Jury hat offensichtlich der Sprecher am meisten gefallen: „Andreas Fröhlich leiht dem Buch mit dem tröstlichen Fazit seine einprägsame Stimme.“
Heike Völker-Sieber verweist im Hinblick auf die beiden Nominierten in der Kategorie „Das besondere Hörbuch“ auf das erstaunlich breite Spektrum im Genre Science-Fiction. „Aldous Huxleys ‚Schöne neue Welt‘ ist eine düstere Vision, in der wir viele heutige Phänomene schon gedacht finden, aber in der nuancierten Lesung von Matthias Brandt wirken sie noch plastischer und beängstigend aktuell. Und Andreas Fröhlich manövriert in ‚Macht‘s gut und Danke für den Fisch‘ hörende Passagiere meisterhaft durch Douglas Adams‘ skurriles Universum. Auf dem Beifahrersitz seiner Lesung freundet man sich sofort mit den schrägsten Figuren an, wundert sich über nichts und erfreut sich an all dem schwarzen Irrwitz.“
Und damit ist auch klar, welcher Verlag in dieser zwölften Hörbuchpreis-Runde mit den meisten Nominierungen bedacht wurde: „Die sechs von der Jury ausgewählten Hörverlagstitel spiegeln in ihrer Bandbreite einen Mikrokosmos unseres Programms, und in dieser Anzahl sind die Nominierungen wohl – sportlich gesagt – rekordverdächtig“, freut sich Heike Völker-Sieber und gesteht: „Beim Anruf des Vereins Deutscher Hörbuchpreis hat es uns hier nicht mehr auf den Stühlen gehalten. Natürlich floss Sekt während der Arbeitszeit, und auch unsere Verlegerin hat nach dieser wunderbaren Nachricht einen Blick in die Minibar ihres Berliner Hotelzimmers geworfen.“
Bekanntgegeben werden die ersten sechs Preisträger (Erwachsenen-Hörbücher) am 30. Januar. Am 6. Februar folgt der Gewinner in der Kategorie „Bestes Kinderhörbuch“, der von der Kinderjury von ZEIT LEO ermittelt wird.
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