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Michael Vogelbacher: PanThema – wieder eine neue Bücherklassifikation. Wie viele brauchen wir noch?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an MVB-Leiter Informationsdienste Michael Vogelbacher. Der MVB integrierte jetzt die internationale Bücherklassifikation „Thema“, früher „PanThema“ genannt, ins VLB, das damit für die Einträge bereit ist.

Michael Vogelbacher, 1969 in Mannheim geboren, ist Jurist. In seinem ersten Verlagsjob war er Lektor für technische Fachbücher bei Data Becker in Düsseldorf. Von 2001 bis 2007 war Vogelbacher Geschäftsführer bei der Legios GmbH, einem juristischen Online-Fachinformationsportal. Seit 2008 arbeitet er bei der MVB und verantwortet dort in der Geschäftsleitung alle elektronischen Produkte.

Michael Vogelbacher, selten ist ein Branchenprojekt so glatt vom Stapel gelaufen wie PanThema. War es so einfach?

Michael Vogelbacher
Foto: MVB

Michael Vogelbacher: Es ist ein Erfolg der gesamten Branche, dem intensive Vorbereitung in enger Kooperation mit der gesamten Branche zugrunde liegt. Wir haben die Anforderungen eines möglichst breiten Kreises von Marktteilnehmern aufgenommen und international über EDItEUR, den Träger des ONIX-Standards, abgestimmt. Es zeigt sich wieder einmal: je intensiver und enger die Vorarbeit, desto glatter läuft ein solches Branchenprojekt vom Stapel.

Könnten Sie kurz erklären, was PanThema ist?

Michael Vogelbacher: Das ist ein Klassifizierungsmodell, das auf der englischen Buchklassifikation „BIC Standard Subject Categories“ beruht – einem seit Jahren bewährten britischen System. Mit Klassifizierungen werden Titel durch Standardbegriffe in entsprechende Rubriken unterteilt, so dass die Titel leichter gefunden werden. In 2011 starteten die Überlegungen, das deutlich granularere Klassifizierungsmodell BIC zusätzlich zu den Warengruppen auch in Deutschland einzuführen. Zu diesem Zeitpunkt gab es auch in Deutschland schon Fachverlage, die ihre Titel nach BIC klassifiziert haben. Nachdem das international Anklang fand, auch die Spanier und Italiener nutzten schon BIC, wurde IBIC (International BIC) geboren. Als dann auch die Amerikaner und Kanadier, die BISAC nutzen, Interesse bekundeten, erblickte PanThema das Licht der Welt. Mit dem Übergang zu EDItEUR wurde dann der Kurzname Thema gewählt, der nun auch offiziell weitergeführt wird.

Was ist der konkrete Nutzen – für die Verlage, für den Handel?

Michael Vogelbacher: Der Nutzen für die Verlage wie für den Handel liegt zunächst darin, dass Titel einfacher gefunden werden können, weil sie zielgruppenspezifischer eingeordnet sind. Hierzu ein Beispiel: Bei Thema können Thema-Zusätze vergeben werden, die eine Aussage über die Zielgruppe beinhalten. So kann genau definiert werden, ob das Kinderbuch z. B. für Kleinkinder oder für Mädchen ab 13 Jahren geeignet ist. Damit kann der Buchhändler seinen Kunden viel zielgerichteter beraten. Aber auch im Onlineshop findet der Käufer beim Stöbern nun leichter das gewünschte Buch. Verlage, die E-Books international vermarkten, haben einen weiteren Vorteil: Ein einfaches Mapping übersetzt Thema-Klassifikation in BIC und BISAC-Standards…

… das amerikanische Klassifizierungssystem Book Industry Standards and Communications…

Michael Vogelbacher: und umgekehrt. Die Pflege mehrerer Klassifikationen entfällt. Überzeugend an Thema ist auch, dass es international funktioniert, gleichwohl aber auch nationale Besonderheiten modulartig berücksichtigt. So ist für uns „Weimarer Republik“ sicher ein wichtiges Klassifizierungsschlagwort, weniger aber sicher für die USA, wo „Bürgerkrieg“ als Klassifizierungsschlagwort vergeben werden kann.

Könnten Sie die Anwendung im konkreten Handelsalltag beschreiben?

Michael Vogelbacher: Der Kunde kommt in eine Buchhandlung und fragt nach einem Buch über Pferde für Mädchen ab 10 Jahren… oder: Der Kunde kommt und möchte einen Reiseführer Italien, in dem Florenz und Rom besonders beschrieben sind. Durch die Kombination der Thema-Inhalte mit den -Zusätzen kann der Buchhändler so dem Kunden genau den Titel empfehlen, der seinen Vorstellungen entspricht. Gleiches gilt natürlich für Stöbernfunktionen in Onlineshops.

Ist das nicht wieder so etwas, von dem nur Amazon und die großen Ketten profitieren? Was hat der kleine Buchhändler vom Anfang der Fußgängerzone davon?

Michael Vogelbacher: Die „Großen“ verfügen zum Teil bereits über solche Möglichkeiten. Durch Thema wollen wir gerade den unabhängigen Buchhandel in eine bessere Wettbewerbsposition bringen.

Wer es nicht nutzt, den stört es zumindest nicht, nehme ich an. Oder bezahlt er es mit, ohne es zu nutzen?

Michael Vogelbacher: Zusätzliche Kosten fallen im VLB durch die Thema-Integration weder für den Verlag noch für den Buchhändler an.

Wer zahlt letztendlich dafür?

Michael Vogelbacher: Für Thema werden keine Gebühren fällig. Der Standard wird, genauso wie ONIX, von EDItEUR verwaltet. Die Aufwände für die Weiterentwicklung von Thema tragen derzeit die nationalen Arbeitsgruppen. In Deutschland treffen sich hierzu Experten unter Führung der MVB. Die Kosten hierfür werden von den jeweiligen Teilnehmern selbst getragen.

Und wer hat die Arbeit damit?

Michael Vogelbacher: Die Arbeit haben die Marktteilnehmer, die auch direkt davon profitieren: die Händler, die ihre Webshops optimieren, und die Verlage, die ihre Titel besser auffindbar machen.

Müssen nun die Verlage rückwirkend ihr komplettes Programm einordnen, oder machen das die Katalogabteilungen der Barsortimente – klingt nach einem Haufen Arbeit…

Michael Vogelbacher: Das bleibt dem Verlag überlassen. Über entsprechende Mappings, „Warengruppe in Richtung Thema“ oder „DDC (= Dewey Decimal Classification, ein System für Bibliotheken) in Richtung Thema“ werden Klassifizierungen automatisiert vergeben. Zum Start wird jedes Buch im VLB mit einem entsprechenden Mapping für Thema klassifiziert. Dieses automatische Mapping kann aber natürlich nie so gut sein, wie die eigenhändige Einordnung durch den Verlag selbst. Wir denken darüber nach, den Verlagen eine solche Klassifizierung auch als kostenpflichtige Dienstleitung anzubieten. Mit Newbooks Services gibt es einen solchen Dienstleister auch schon am Markt.

Warum reichen die Warengruppen nicht aus – es gibt doch auch Schlagworte, um den Inhalt präziser zu beschreiben.

Michael Vogelbacher: Es gibt derzeit rund 500 Warengruppen, wobei für jeden Titel nur eine Warengruppe vergeben werden kann. Thema bietet mehr als das Vierfache an Inhaltsangaben und darüber hinaus noch die Thema-Zusätze zu Zielgruppe, Stil, Epoche, Geographie usw.. Hierdurch ist eine deutlich zielgruppengerechtere und detailliertere Eingruppierung von Titeln möglich.

Als 2007 die neue Warengruppensystematik kam, entbrannte zwischen Verlagen die Auseinandersetzung um die „Lufthoheit“. Der Großhandel befürchtete Manipulation und unsachgemäße Behandlung, die Verlage pochten darauf, die Bücher am besten zu kennen. Steht eine Neuauflage solcher Diskussionen bevor?

Michael Vogelbacher: Hier zahlt sich die umfangreiche Vorarbeit wieder aus; alle Marktteilnehmer waren involviert…

Wie muss nun ein Verlag konkret vorgehen, damit sein Programm korrekt „thematisiert“ wird?

Michael Vogelbacher: Hierzu gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine Möglichkeit ist die Eingruppierung im VLB-Titelservice, wo es entsprechende Hilfestellungen und Anleitungen gibt. Sobald die Verlagssoftwarehersteller die Funktion in ihre Programme aufgenommen haben, können die Angaben natürlich auch in der Verlagssoftware gemacht und dann direkt als ONIX-Feed an das VLB gesendet werden. Die Übernahme der Thema-Klassifizierung über ONIX-Feed wird ab dem VLB-Release vom April zur Verfügung stehen.

Haben die Verlagssoftwares schon die entsprechenden Felder?

Michael Vogelbacher: Wir sind in Gesprächen mit den gängigen Anbietern, die zum Teil auch schon unsere Seminare besucht haben. Wir freuen uns aber auch auf Hinweise der Verlage zu Softwareherstellern, mit denen wir noch nicht in Kontakt sind. 2014 ist nun das Entwicklungsjahr, in dem auf Verlags-, wie auf Handelsseite die Voraussetzungen geschaffen werden, um Thema flächendeckend und nutzbringend einzusetzen.

Wie sieht die Abnehmerseite aus – können die Warenwirtschaften schon Thema?

Michael Vogelbacher: Auch hier sind wir in Gesprächen.

Können die Verlage Warengruppen und Schlagworte jetzt vergessen?

Michael Vogelbacher: Nein, spezielle Schlagworte außerhalb des Klassifizierungsmodells können weiterhin vergeben werden. Auch Thema hat ja „ nur“ 2000 Thema-Inhalte. Schlagworte werden aber individuell vergeben und folgen so nie einem Modell oder einer Eingruppierung. Und auch die Warengruppen verschwinden nicht. Diese sind als etabliertes Werkzeug bei der Sortimentsbestückung und für statistische Zwecke wichtig, da die Einordnung jedes Titels in nur eine Warengruppe eindeutigere Ergebnisse liefert.

Welche Händler haben sich schon bereit erklärt, Thema umgehend zu implementieren – oder wartet jetzt, wie so gern in vergleichbaren Projekten, der Hersteller auf den Händler, der auf den Hersteller wartet?

Michael Vogelbacher: Wir haben die Gespräche mit den Händlern zum Teil schon gestartet. Wichtig ist uns zudem, dass auch die Barsortimente mit ihren Katalogen Thema von Anfang an unterstützen. Hier sind wir in engem Kontakt. Eine Umsetzung ist nach unserer Einschätzung zeitnah vorgesehen.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

Weitergehende Informationen finden sich unter http://www.editeur.org/153/Maintenance-and-Support/

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