
Seit dem 6.12. (Nikolaustag) bis zum 6.1. (Heilige drei Könige) fragen wir wieder in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“ Heute beantwortet Nina George, Schriftstellerin und Journalistin, unseren „anderen“ Fragebogen.
1
Welcher Tag war Ihr schönster im letzten Jahr?
Der von dem ich dachte, es sei der letzte: der 26. Februar. Ich wurde halb bewusstlos mit einer schweren Lebensmittelvergiftung in eine bretonische Klinik gebracht. In der darauf folgenden Nacht, in der ich nirgends anders als auf dem Fußboden schlafen konnte, träumte ich meinen nächsten Roman Das Haus der tausend Türen. Es war unendlich schön zu wissen, dass ich überleben werde. Dass ich aufstehen werde, um zu leben, und zu schreiben.
2
Worüber haben Sie sich 2014 am meisten geärgert?
Mein Ärger verteilt sich demokratisch auf all das, was Autoren und Autorinnen bedrängt. Leider ist das eine Menge, vom Verlagsvertrag bis zum eBookirat, von der urheberfeindlichen Politik bis zu Amazon. Oder die Tablet- und Handyindustrie, die sich weigert, Geräteabgaben für die VG Wort zu zahlen. Brüssler Parlamentarier, die entlarvenden Unsinn sagen wie: „das Urheberrecht ist hinderlich für digitales Wirtschaftswachstum“. Amazon, das mit seinem Autoren-Buch-Banning über Monate zahlreiche Kollegen und Kolleginnen von mir schädigte. Und sich dann noch mit der Kindle-Unlimited-Flatrate in eine Reihe von Kulturverachtern stellt, denen die schöpferische Leistung und Einkommensnotwendigkeit von BerufskünstlerInnen so gering erscheint, dass sie diese mit all-inclusive-Buffet-Mentalität noch mehr in Bedrängnis bringen. Ja, diese Einstellung ärgert mich am allermeisten: Wir AutorInnen werden von Verlagen, Politik, Amazon und Elektronikwirtschaft zu oft als Content-Produzenten, als Weißraumfüller, als Benzin der Geldmaschinen gesehen.
Am zweitmeisten ärgert mich: Ich war wegen all dem Ärger nur einen Tag am Meer.
3
Was war 2014 Ihr schönster Erfolg?
Die französische Übersetzung von „Das Lavendelzimmer“ (La Lettre Oubliée, Charleston) in der Hand zu halten. Von allen 27 Übersetzungen macht mich diese wirklich, wirklich stolz, denn Frankreich ist das Herz der literarischen Poesie.
4
Und Ihr traurigster Misserfolg war…?
Es nicht zum See-Begräbnis meines Freundes Peter M. Hetzel, Literaturkritiker und Autor, geschafft zu haben. Ich habe ihm nicht mal gesagt, was ich von seinem letzten Roman halte. Und auch nicht, wie sehr mich Peters ehemaliger Arbeitgeber, Sat.1, schockiert hat. Es ist zu viel Verachtung in der Welt. Das ist nicht gut. Das müssen wir ändern.
5
Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag im letzten Jahr?
Jede Buchhandlung, die sich ins Zeug gelegt hat, um mir und anderen AutorInnen tolle Lesungen zu ermöglichen, wie das Büchereck Niendorf Nord, Die Buchhandlung Flummi in Duisburg, Buchhandlung Roter Stern in Marburg, Blume Buch Oerlinghausen… ich steh auf kleine Buchhandlungen aus privat geführter Hand. Ohne sie wären Leute wie ich nur Träumer auf dem Fußboden.
6
Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?
Ich will immer alles lesen.
7
Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?
Wie Autoren und Autorinnen arbeiten und wie sie das aushalten, zwischen Schöpfen und Erschöpfung, Risiko und Lust, Geldnot und Freiheit. Alle reden immer nur über Preise und Kosten. Aber keiner übers Machen. Ich will mehr übers Machen lesen.
8
Welchen Fehler aus 2014 möchten Sie in diesem Jahr vermeiden?
Siehe 2. Weniger ärgern, mehr Meerschwimmen.
9
Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?
Keine Ahnung. Ich rechne schwer mit ein paar brandneuen Fehlern.
10
Welches Buch hat Ihnen im letzten Jahr besonders viel Freude gemacht?
Den zweiten Commissaire-Mazan-Band, den ich mit meinem Mann geschrieben habe, unter dem Doppelpseudonym Jean Bagnol. Eine Freundin, Renan Demirkan, sagte mal: „Ihr geht zu Zweit in einem Kopf spazieren“. Diese schöpferische Intimität ist zutiefst befriedigend. Mein freudenvoller Jahresbegleiter war aber das Buch: Wozu lesen? von Charles Danzig. Unverschämt gut, beneidenswert klug.
11
Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?
Das ich jetzt schreibe. Die Geschichte von Henri und dem Haus der tausend Türen.
12
Von wem würden Sie auch gern mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Von Charles Danzig.
13
Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?
Warum haben Sie gemeinsam mit anderen Autoren und Autorinnen die Initiative „Fairer Buchmarkt“ gegründet?
14
Hier können Sie die auch beantworten:
Weil wir mitmachen wollen. Und nicht mehr alles mit uns machen lassen.
Morgen antworten [Jochen Grieving und Birgit Lange-Grieving, gestern stellte sich Annette Langen unseren Fragen [mehr…].]