
Gestern Abend stellte Manfred Flügge im sehr gut besuchten Saal der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt seine Familienbiografie Das Jahrhundert der Manns, erschienen im Aufbau Verlag, vor.
Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933-1945, begrüßte die Gäste. Sie verwies auf Manfred Flügges These, dass die Exilerfahrungen das Besondere der Familie Mann ausmachen. Der Autor sei für seine zahlreichen Bücher über Künstler im Exil sehr oft im Archiv zu Gast gewesen und habe recherchiert.
„Zweieinhalb bis drei Jahre habe ich am Jahrhundert der Manns gearbeitet und mich dabei auf meine vorhandenen Materialien gestützt. Die Zeit von der ersten Romanveröffentlichung von Thomas Mann, die Buddenbrooks 1901 bis zu Heinrich Breloers Film Die Manns 2001 wird umrissen. Das Buch Muse des Exils. Das Leben der Malerin Eva Herrmann, erschienen 2012 im Insel Verlag, war die Vorstufe dazu. Bei meinen Recherchen habe ich überraschend viel gefunden“, begann Flügge seinen Vortrag. Für Das Jahrhundert der Manns habe er alle Mann-Texte noch einmal gelesen: „Ich wollte einen frischen Eindruck haben. Und wirklich neu herausgearbeitet ist beispielsweise der Gebrauch der französischen Sprache im Zauberberg“, erläuterte der Autor.
Im ersten Kapitel aus Das Jahrhundert der Manns wird dargestellt, dass das Prestige der Familie Mann mit Dramen erkauft worden ist. „Eigentlich ist ja scheinbar alles über diese Familie gesagt, es fehlt nur noch ein Gesellschaftsspiel wie Nenne mir den Lieblings-Mann unter Einbeziehung der Familie Pringsheim“, scherzte Flügge.
Die Manns ähnelten mit ihrer Geschichte der griechischen Mythologie, stellte der Autor fest.
Auf Thomas Manns Tetralogie Joseph und seine Brüder ging Flügge im Kapitel Ironie und Schicksal ein. „Josephs erzählerisches Talent schlägt zum Fluch um, doch schließlich wird die Erzählung wahr“, konstatierte Flügge, „das ist eine Parabel auf Thomas Mann. Ludwig Marcuse hatte durchaus recht, wenn er die Sprache von Thomas Mann als eigenen deutschen Dialekt bezeichnete“, sagte der Autor. Die Einheit der Manns komme von der literarischen Strategie Thomas Manns, seinem Weg zum Mythischen in den Werken und in der Selbstdarstellung.
Thomas Mann hatte in Unordnung und frühes Leid, 1925, Anleihen bei der eigenen Familie genommen. Später beklagte sich Klaus Mann bitter über „des Zauberers Novellenverbrechen“, rächte sich 1926 mit der Kindernovelle, in der er nicht nur den Vater lediglich als Totenmaske auftreten ließ, sondern auch seinen Bruder Golo klein, hässlich, dämonisch und unterwürfig darstellte.
Beispielhaft für literarische Verarbeitung von Realität ist Klaus Manns sechster Roman Mephisto, 1938 bei Querido, Amsterdam erschienen. Gustaf Gründgens Erben klagten, der Roman wurde schließlich verboten. „Das Mephisto-Urteil hat bis heute Bestand. Aber niemand kümmert sich darum“, ergänzte Flügge.
„Michael Mann, selbst Opfer der Literarisierung durch seinen Schöpfer-Vater, hat sehr einfühlsam über dessen Modell-Politik geschrieben. Die abkonterfeite Welt gehöre zu den Vorstellungen des Autors, der Eigenes einbringe, um Überpersönliche zu geben. Michael Mann sprach von der ‚bewussten Ausdehnung des ‚dichterischen Ichs’ ins Repräsentative. Er gebrauchte den schönen Begriff ‚verletzte Vorbilder’, die gleichsam vom Pfeil Apollos getroffen und nur symbolisch tangiert werden (aber eben doch tangiert)“, las Manfred Flügge aus Das Jahrhundert der Manns.
Im Kapitel Die Erfahrungen des Exils ging Flügge darauf ein, dass die Familie Mann, tief verwurzelt in deutschen Traditionen, sich aus dem Land retten musste, um auch Deutschland zu retten. Thomas Mann wandelte sich 1921/22 vom Nationalisten zum Verteidiger der Republik. Ausschlaggebend dafür war die Ermordung Walther Rathenaus am 24. Juni 1922, als Beleg für diese Änderung der Gesinnung gelte die Gedenkrede Thomas Manns anlässlich des ersten Todestags Rathenaus.
Hanns Jost hatte 1933 Heinrich Himmler vorgeschlagen, Thomas Mann für dessen Sohn Klaus in Geiselhaft zu nehmen. Klaus Mann war mit seiner Exilzeitschrift Die Sammlung den Nazis ein Dorn im Auge.
„Die Briefdiplomatie Katia Manns trug zur Festigung einer neuen Notgemeinschaft der Familie bei“, erklärte Flügge.
Klaus Mann bezahlte seine Privilegien als Sohn eines Literaturnobelpreisträgers teuer, schrieb ab 1933 praktisch ohne Publikum. „1949, als Klaus Mann Selbstmord begeht, weil er keine Zukunft mehr sieht, ist Deutschland dabei, neu anzufangen“, stellte der Experte die Tragik fest.
„Das Glück der Manns ist vielleicht das heutige Buddenbrookhaus in Lübeck“, schloss Manfred Flügge.
JF